Windkraft
Offshore-Strom: Angst vor Großbaustellen an der Küste
Die Energiewende soll beschleunigt werden und damit auch der Ausbau der Offshore-Windenergie. Das hat direkte Folge für die Küste. Die Stimmung: zwischen Sorge und Gelassenheit.
Küste - Das angekündigte schnellere Tempo beim Ausbau der Offshore-Windkraft löst an der Küste Ostfrieslands unterschiedliche Reaktionen hervor. „Ich sehe das gelassen, davor ist mir überhaupt nicht bange“, sagt etwa Erwin Sell (SPD), Bürgermeister der Samtgemeinde Hage. Anders hört sich das bei Udo Janssen an, Bauamtsleiter der Gemeinde Dornum: „Wir sehen das kritisch und wollen mitgenommen werden.“
Was und warum
Darum geht es: Um den Bau vieler neuer und großer Erdkabel unter Ostfriesland und die Ängste, die damit verbunden sind.
Vor allem interessant für: Kommunalpolitiker, Touristiker und Landwirte
Deshalb berichten wir: Bundespolitik und Offshore-Branche haben ihre Ausbauziele für die Offshore-Windkraft samt Leitungsbau bekräftigt. Wir fragen: Wie wird das an der Küste gesehen? Die Autorin erreichen Sie unter: i.oltmanns@zgo.de
Die beiden Ostfriesen eint: Sie sind jeweils verantwortlich für Gemeinden, in denen der Ausbau der Offshore-Windparks ganz praktisch zu sehen sein wird. Nicht wegen der Windräder an sich, die stehen weit draußen auf See. Es geht um die Leitungen, die den Offshore erzeugten Strom durch die Nordsee an Land bringen und dann per Erdkabel weitergeführt werden. Und das bedeutet: Großbaustellen. In Hilgenriedersiel (Samtgemeinde Hage) kennt man das schon, dort kommen bereits Stromkabel von Windparks auf See an. In Dornumergrode (Gemeinde Dornum) weiß man bisher nur, dass in einigen Jahren die ersten Kabel dort ankommen sollen.
Die Politik
Die neue Bundesregierung aus SPD, Grünen und FDP hat in ihrem Koalitionsvertrag festgeschrieben, den Ausbau der erneuerbaren Energie „drastisch“ zu beschleunigen. „Die Kapazitäten für Windenergie auf See werden wir auf mindestens 30 GW 2030, 40 GW 2035 und 70 GW 2045 erheblich steigern“, heißt es im Vertrag. GW steht für Gigawatt, und zum Vergleich: Bisher lautete das Ausbauziel des Bundes auf 20 Gigawatt bis zum Jahr 2030 und 40 Gigawatt bis 2040. Es soll also sehr schnell sehr viel mehr Strom draußen auf See erzeugt und an Land gebracht werden.
Wind auf See ist neben Wind an Land und Solarenergie eine zentrale Säule beim Ausbau des Ökostroms. Damit die vor allem im Norden erzeugte Windkraft in große Verbrauchszentren im Süden kommt, müssen Tausende Kilometer neue Stromleitungen verlegt werden. Doch die Genehmigungsverfahren sind lang. Der neue Klimaschutzminister Robert Habeck (Grüne) will die Planungs- und Genehmigungsverfahren beschleunigen.
Die Branche
Angesichts der neuen politischen Vorgaben mahnt die deutsche Windbranche nun zur Eile. Karina Würtz, Geschäftsführerin der Stiftung Offshore-Windenergie, rechnet in einer gemeinsamen Pressekonferenz mehrerer Verbände aus der Offshore-Branche vor: „Planungs- und Genehmigungszeiten machen das Dreifache der Bauzeiten aus.“ Sie fordert deshalb unter anderem mehr Personal für die Genehmigungsbehörden. Außerdem seien mehr Flächen auf See nötig, um die erforderlichen Mengen an Windrädern zu bauen, auch die Häfen müssten ertüchtigt werden. Und dann der Netzausbau, auch der müsse beschleunigt werden.
Nach Angaben der Deutschen Windguard GmbH, eines unabhängigen Beratungsunternehmens der Branche, sind aktuell 1.501 Offshore-Windenergieanlagen in Nord- und Ostsee mit einer Leistung von 7,8 GW in Betrieb. Damit können die jetzigen Netze noch fertig werden: Aktuell haben die Netzanbindungen für Offshore-Windenergie eine Kapazität von 8,2 Gigawatt. Der weitaus größte Teil des Stroms wird in der Nordsee erzeugt, auch der geplante weitere Ausbau konzentriert sich auf die Nordsee.
Hilgenriedersiel
Der Großteil des in der Nordsee erzeugten Stroms wird über die Insel Norderney an die Küste geführt und kommt in Hilgenriedersiel an. Die meisten Leitungen hat bisher der Übertragungsnetzbetreiber Tennet gebaut. Das Unternehmen führt nach eigenen Angaben bisher sieben Anbindungen über diese Trasse. Und das Unternehmen Amprion wird zwei weitere Offshore-Netzanbindungssysteme (DolWin4, BorWin4) über Norderney nach Hilgenriedersiel und weiter nach Lingen im Emsland bauen. Die Bohrungen auf Norderney beginnen im Sommer 2022.
In der Samtgemeinde Hage hat man also Erfahrungen mit dem Leitungsbau für den Offshore-Strom. Und laut Bürgermeister Sell sind das fast nur gute. „Die Landwirte werden für ihre Flächen entschädigt und können ihr Land nach Abschluss der Bauarbeiten auch wieder normal bestellen“, sagt Sell. Zudem gingen die Arbeiten auf den Baustellen schnell, sie würden auch stets sauber wieder hinterlassen. Nachteile für den Tourismus sieht er durch die Baustellen „überhaupt nicht“. Und sowieso: „Wir können uns dieser Energiequelle ja nicht verschließen.“
Dornumergrode
Schon vor den neuen Zielen der Ampelkoalition war klar, dass nicht alle künftigen Netzanbindungen auch weiterhin über Norderney und Hilgenriedersiel laufen können. In einem aufwändigen Verfahren haben Tennet und Amprion nach neuen Trassen durch die Nordsee gesucht, um mehr Strom aus mehr Anlagen an Land zu bringen. Hier kommt die Gemeinde Dornum ins Spiel. Das Amt für regionale Landesentwicklung Weser-Ems hatte im Oktober letzten Jahres entschieden, dass der neue Kabelkorridor über Baltrum führen soll, mit einem Anlandungspunkt in Dornumergrode.
„Wir sehen das kritisch“, sagt Udo Janssen vom Dornumer Bauamt dazu. Vieles sei noch ungewiss, etwa auf welcher Strecke die Erdkabel von Dornumergrode ins Binnenland verlegt werden sollen. Die Gemeinde habe darauf nur wenig Einfluss. Ihn treibt die Sorge um, dass die eigene Siedlungspolitik durch die kommenden Kabeltrassen beschränkt werden könnte. Die positiven Reaktionen aus dem Rathaus der Samtgemeinde Hage beruhigen ihn jedenfalls nicht. Es sind Erfahrungen von anderen, wer weiß schon, was auf ihn und seine Gemeinde zukommt.
Die Offshore-Branche verspricht übrigens in der gemeinsamen Pressekonferenz auch positive Effekte für die Küstenregion. So würden mehr sichere und gut bezahlte Arbeitsplätze in die Region kommen, sagt Karina Würz von der Stiftung Offshore-Windenergie. Allein durch die nötige Ertüchtigung der Häfen. Die Ängste in Teilen Ostfrieslands kann sie aber nachvollziehen. „Die Baustellen werden natürlich erstmal als Beeinträchtigung empfunden“, sagt Würz. Sie setzt auf gute Planung, damit es nicht zu Dauerbaustellen komme.