Gesellschaft
Umzug nach Berlin ist ein Befreiungsschlag für schwulen Emder
Der Emder Mirco Frerichs hat den Schritt gewagt: Er ist nach Berlin gezogen. Als Schwuler habe er sich in Emden nicht wohl gefühlt – er habe Mobbing und Angriffe erlebt.
Emden/Berlin - Für ihn ist es ein Befreiungsschlag: Der Emder Mirco Frerichs ist im September nach Berlin gezogen. Der 22-Jährige ist schwul und spricht darüber offen in den sozialen Medien. In der Seehafenstadt habe er sich zuletzt „nicht so gut aufgenommen, nicht so akzeptiert“ gefühlt, sagt er. Schon während der Schulzeit sei er gemobbt worden. Und: Im Januar 2020 sprach er mit dieser Zeitung darüber, dass er in Emden am zweiten Weihnachtstag von drei Männern angegriffen wurde.
Was und warum
Darum geht es: In Berlin fühlt sich ein junger schwuler Emder wohl, in der Seehafenstadt zuletzt nicht mehr. Ist Ostfriesland homophob?
Vor allem interessant für: Menschen aus Emden und Ostfriesland, die sich für Themen wie gleichgeschlechtliche Liebe, Akzeptanz und Mobbing interessieren
Deshalb berichten wir: Wir hatten in den sozialen Medien gesehen, dass Mirco Frerichs nach Berlin gezogen ist und haben ihn nach dem Grund gefragt. Wir hatten schon vorher häufiger über ihn berichtet. Die Autorin erreichen Sie unter: m.hanssen@zgo.de
Sie hätten gewusst, wer er war und dass er sich offen zu seiner Homosexualität bekenne. Es sei ein klar schwulenfeindlicher Angriff gewesen, ist sich Frerichs sicher. Sie hätten ihn in eine Seitenstraße gezogen, ihn angebrüllt. „Sie sagten, sie wollten mich umbringen. Ich sollte verbrennen“, berichtete der junge Emder damals. Das Eingreifen einer älteren Dame habe Schlimmeres verhindert. Seitdem aber habe er Angstzustände. „Es fällt mir noch heute schwer, darüber zu reden“, sagt Frerichs jetzt.
Ein Neuanfang in der Großstadt
Das alles aber habe er in Emden lassen wollen und in Berlin einen Neuanfang gewagt. „Ich habe mich hier gleich so wohlgefühlt“, sagt er über die Bundeshauptstadt. Er wohne in einer WG und habe seine Ausbildung zum Altenpfleger in einer Spezialklinik in Berlin-Schöneberg fortführen können. „Hier erlebe ich viel Akzeptanz“, sagt er. In seiner Klasse gebe es viele Leute, die schwul, lesbisch oder transsexuell seien. „Das habe ich noch nie so erlebt.“ Schöneberg gilt als Schwulenkiez beziehungsweise Regenbogenkiez von Berlin.
Freundschaften nach Berlin habe er schon von Emden aus geknüpft, erklärt er. So habe er nicht ganz neu anfangen müssen. „Ich bin jetzt auch in einer Beziehung“, sagt er. In der Hauptstadt sei es natürlich viel einfacher Menschen kennenzulernen. „Es sind alle so unterschiedlich hier.“ Außerdem gebe es zahlreiche Clubs und Bars, die sich speziell auf schwule Gäste ausgerichtet haben.
Weitere TV-Auftritte geplant
Dennoch wisse er in Berlin genau, welche Viertel er besser meiden sollte, weil es dort homophobe Übergriffe geben könnte, erklärt er. Ein negatives Erlebnis haftet ihm jetzt schon an. Ein Vater mit seinem Kind sei an ihm vorbeigelaufen und habe laut zu seinem Kind gesagt: „Da, eine Schwuchtel“. Das Kind habe den Satz dann laut wiederholt. Das schockt den 22-Jährigen. „Es ist doch krank, dass das schon bei Kindern anfängt.“ Er versuche, auch über die sozialen Medien aufzuklären und Mut zu machen. „Einige haben mich schon als Vorbild bezeichnet“, freut sich der junge Mann. Eine Person habe sich durch Mirco Frerichs Vorleben auch geoutet. Das motiviere ihn weiter.
Er sei auch emsig dabei, seine TV-Karriere weiter anzustoßen. Der Emder hatte 2019 beim RTL-Format „Deutschland sucht den Superstar“ (DSDS) teilgenommen, im Dezember vergangenen Jahres war er Kandidat bei der Vox-Sendung „First Dates“. Für die Sendung „Berlin Tag & Nacht“ stand er aktuell vor der Kamera. Als Komparse soll er am 28. Januar zu sehen sein. Bei dem Format werde er wohl auch etwas bleiben können. „Meine nächste Rolle dort wird etwas größer“, verrät er schon jetzt. Ab Februar könnte er bei der gleichgeschlechtlichen Variante der Show „Date or Drop“ zu sehen sein. „Viele TV-Projekte sind noch in der Planung.“ Aber: Seine Ausbildung zu beenden, habe Priorität.
Homophobes Ostfriesland?
Dass es ein Trend sein könnte, dass heutzutage noch viele homosexuelle Menschen vom Land in die Großstadt „fliehen“, kann Timo Rabenstein im Gespräch nicht bestätigen. „Das war früher sehr extrem“, sagt der Koordinator für das Programm Sven (Schwule Vielfalt erregt Niedersachsen) für Ostfriesland. Es sei aber heute natürlich so, dass insgesamt viele junge Menschen nach der Schule erst mal in die Großstadt wollen. „Da gibt es einfach mehr Möglichkeiten“, erklärt er. Studium, Beruf, Ausbildung – die Auswahl sei in Berlin, Köln oder Hamburg einfach eine andere. Er wisse aber auch, dass viele wieder zurückkommen – ob diese nun homo- oder heterosexuell seien. „Ich weiß von einem älteren schwulen Paar, das sich hier gerade beispielsweise ein Haus gesucht hat“, sagt er.
Dass Ostfriesland homophob sei, könne er so generell nicht unterschreiben. „Idioten gibt es immer und überall“, sagt er. Aber: Er könne natürlich verstehen, dass man in der Großstadt mehr Angebote wie Clubs oder Bars findet. „Hier hat sich in den letzten Jahren aber auch viel getan“, betont er. In Emden etwa gibt es den Life-Point mit vielen Veranstaltungen. „Die queere Jugendgruppe wird regelrecht überlaufen“, sagt er. „Queer“ ist eine Sammelbegriff für Menschen, die sich beispielsweise als schwul, lesbisch, transgender, trans- oder bisexuell bezeichnen. In Norden, Aurich und Leer gebe es unterschiedliche Angebote. Die Auricher Jugendgruppe werde auch sehr gut angenommen. „Man muss natürlich andere Wege auf sich nehmen als etwa in Berlin“, sagt Rabenstein. Man müsse in Ostfriesland für sich genau planen, welches Angebot man wann wo nutzen wolle, spontan geht das meist nicht.