Gesellschaft

Hund, Katze und Co. landen in der Tierklappe

Gordon Päschel
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Von Gordon Päschel
| 19.01.2022 07:58 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 3 Minuten
Eine Katze im Tierheim: Jedes Jahr werden unzählige Vierbeiner ausgesetzt. Diejenigen, die in einer Einrichtung landen, haben die Chance, weitervermittelt zu werden. Foto: Uwe Anspach/DPA
Eine Katze im Tierheim: Jedes Jahr werden unzählige Vierbeiner ausgesetzt. Diejenigen, die in einer Einrichtung landen, haben die Chance, weitervermittelt zu werden. Foto: Uwe Anspach/DPA
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Umstrittenes Pionierprojekt: In Peine können Haustiere anonym in einer Klappe abgegeben werden. Die Nachfrage ist groß. In Emden rät die Leiterin des Tierheims von solchen Angeboten dringend ab.

Emden - Klappe zu und weg: Mit einem ungewöhnlichen Angebot sorgt ein Tierheim in Peine für Aufsehen. Seit dem vergangenen Jahr können sich Tierhalter dort bequem und anonym von Hund, Katze und Co. trennen. Das Prinzip ähnelt dem der Babyklappe. Am Zaun der Einrichtung befinden sich Boxen, in die zu jeder Tages- und Nachtzeit Tiere gesetzt werden dürfen. Über einen Bewegungsmelder wird ein Hinweis an das Mitarbeiterteam ausgelöst.

Was und warum

Darum geht es: wie mit ungewollten Haustieren umgegangen wird

Vor allem interessant für: Leute, die Tiere halten, sich allgemein für das Tierwohl einsetzen oder in einer Tierschutzeinrichtung arbeiten

Deshalb berichten wir: Der NDR berichtete von einem Pionierprojekt in Peine. Ähnlich wie bei einer Babyklappe können dort in einem Tierheim Katzen, Hunde und Kleintiere anonym abgegeben werden. Wir wollten wissen, wie Tierschützer (in Ostfriesland) dazu stehen und ob das Modell zum Nachahmen taugt.

Den Autor erreichen Sie unter: g.paeschel@zgo.de

Die Nachfrage ist offenbar enorm: Seit Jahresbeginn wurden laut der Leiterin Heike Brakemeier bereits 13 Hunde auf diese Weise abgegeben. In der vergangenen Woche waren es alleine binnen einer Nacht 19 Katzen. Am vergangenen Sonnabend wurde das Angebot vorübergehend wieder geschlossen. „Wir haben nicht die Kapazität für so viele Tiere“, so Brakemeier.

Emder Tierheim-Leiterin schüttelt den Kopf

Unter Tierschützern ist die Klappe nicht unumstritten. „Ich glaube nicht, dass es der richtige Weg ist“, sagt Jantke Tjaden, Leiterin des Tierheims Emden. Sie hatte im Fernsehen einen Beitrag des NDR zu dem Pionierprojekt in Peine gesehen – „kopfschüttelnd“, wie sie wissen lässt. Sie kritisiert, dass eine solche Möglichkeit dazu einladen könnte, sich allzu bequem von ungeliebten Vierbeinern zu trennen. „Es macht es den Leuten zu einfach“, findet Tjaden.

Ähnlich äußert man sich beim Deutschen Tierschutzbund in Bonn, dem nach Angaben der Sprecherin Hester Pommerening rund 750 Vereine und bundesweit etwa 550 Tierheime angeschlossen sind – darunter auch die Einrichtung in Peine. „Wir sehen die Gefahr, dass Tiere ohne schlechtes Gewissen entsorgt werden und es keine Hemmschwelle mehr zu überwinden gilt. Die Klappe könnte als einfache ‚Entsorgungseinrichtung‘ missbraucht werden“, argumentiert Pommerening. Außer in Peine sind ihr keine Tierheime bekannt, die Erfahrungen mit Tierklappen gesammelt haben oder etwas Vergleichbares anbieten.

Die Kehrseite des Angebots

Das Alleinstellungsmerkmal sorgt offenbar dafür, dass sich Halter von weither auf den Weg zur Klappe im Südosten Niedersachsens machen. Heike Brakemeier vermutet anhand von Impfpass-Einträgen von abgegebenen Hunden, dass einige Tiere aus Schleswig-Holstein, Mecklenburg-Vorpommern und anderen Regionen gebracht werden.

Die Leiterin weiß um die Kritik und die Kehrseiten ihres Angebots. Auch sie hält es für das Beste, wenn ungewollte Haustiere kontrolliert in Tierheimen abgegeben und weitervermittelt werden. Trotzdem will sie an der Tierklappe festhalten. In ihren Augen überwiegen unter dem Strich die Vorteile. Viele Hunde, Katzen oder andere Kleintiere würden nicht überleben, wenn sie woanders ausgesetzt werden, so Brakemeier.

Bis zu 25.000 Euro Bußgeld

Das Problem kennt Tjaden. „Wer ein Tier loswerden will, dem ist es egal“, sagt sie. Es komme regelmäßig vor, dass in ihrem Einzugsgebiet Hunde im Wald angeleint zurückgelassen oder domestizierte Kleintiere wie Kaninchen und Meerschweinchen im Freien sich selbst überlassen würden. Wer so etwas macht, riskiert empfindliche Bußgeldstrafen. Laut Tierschutzbund kann ein solches Vergehen mit bis zu 25.000 Euro geahndet werden.

Tjaden befürchtet, dass Tierklappen mehr Menschen als bisher animieren könnten, sich ohne großen Aufwand aus der Verantwortung für ihre Tiere zu stehlen. Gegen diese These spricht die Erfahrung von Brakemeier. Ihr zufolge seien in den ersten Monaten nach der Einführung „nicht mehr Tiere als vorher“ abgegeben worden. Gleichzeitig sei die Zahl der Einsätze, bei denen Tiere in freier Wildbahn aufgegriffen worden, zurückgegangen. Vielleicht hatte sich das Angebot allerdings auch einfach noch nicht rumgesprochen.

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