Alltagsärger
Müll in Barenburg: Mieter wehren sich gegen Hausverwaltung
Müll ist im Emder Stadtteil Barenburg ein Reizwort. Um Probleme in den Griff zu kriegen, will eine Immobiliengesellschaft eine neue Sammelstelle einrichten. Doch eine Hausgemeinschaft sträubt sich.
Emden - Es hat sich einiges angestaut in der Hausgemeinschaft der Friedrich-Rückert-Straße 3 im Emder Stadtteil Barenburg. „Die Zeit läuft uns weg“, schimpft Helga Steiml. Die 74-Jährige sitzt in einem Wohnzimmer im zweiten Stock eines Mehrparteienhauses. Es ist die Wohnung von Heinz Mammen, einem 96-Jährigen mit wachen Augen und scharfem Verstand. Gemeinsam mit Steiml und einem weiteren Mieter, der zwar am lautesten wettert, aber im Text nicht auftauchen möchte, hat er zum Gespräch gebeten. Und die drei sind sofort auf 180.
Was und warum
Darum geht es: Ärger um die Müllentsorgung in Emden
Vor allem interessant für: Leute, die Müllgebühren bezahlen, für die Müllabfuhr verantwortlich sind oder die der Anblick von wilden Müllkippen aufregt
Deshalb berichten wir: Mitglieder einer Barenburger Hausgemeinschaft haben sich mit ihrem Fall an die Redaktion gewandt. Den Autor erreichen Sie unter: g.paeschel@zgo.de
Anlass ist ein Zettel an einer Magnettafel neben der Eingangstür zu ihrem Haus. Es ist ein Rundschreiben, das die Hausverwaltung ZBVV aufgehängt hat. Die Gesellschaft mit Sitz in Erlangen und einem kleinen Büro in Barenburg wickelt die Geschäfte für Hunderte Wohnungen in Emden ab. In dem Schreiben, das auf den 24. November 2021 datiert ist, kündigt sie eine Umstellung an. Zum 1. Februar 2022 werden die Mülltonnen von Steiml, Mammen und allen anderen ZBVV-Mietern in Emden durch einen Müllcontainer ersetzt. Es würden „Müllgemeinschaften mit anliegenden Objekten geschlossen“, heißt es. Man bedanke sich im Voraus für die Unterstützung und stehe „bei Rückfragen gerne zur Verfügung“.
„Beschiss“ und ungeklärte Fragen
Die Mieter haben Fragen. Aber weil man ihnen darauf bei der Verwalter-Gesellschaft nicht antworte, wie sie sagen, schieben sie jede Menge Frust. Sie fürchten, dass sie übers Ohr gehauen und ungerecht behandelt werden. Helga Steiml, die seit 1994 in dem Haus wohnt, spricht aufgebracht von „Beschiss“.
Um ihren Ärger besser zu verstehen, muss man ein bisschen weiter ausholen und das System der Müllentsorgung in Emden erklären. Mit der Einführung des Abfallwiegesystems in der Stadt wurden die grauen Restmülltonnen mit einem Mikrochip und einem Schloss versehen. Das Prinzip: Neben einer für alle gleichen Grundgebühr kann jeder Haushalt individuell anhand der über die Tonne abgewogenen Müllmenge abgerechnet werden. Wer weniger Müll über seine graue Tonne abholen lässt, muss also weniger bezahlen. Das klingt fair, hat allerdings einen Haken: Pfennigfuchser werden animiert, ihren Abfall woanders zu entsorgen.
Kein Interesse an einer „Müll-Gemeinschaft“
In der Friedrich-Rückert-Straße wollen die städtische Müllabfuhr (BEE) und die Hausverwaltergesellschaft ZBVV nun die individuelle Tonne vor der Haustür durch einen zentralen Sammelplatz mit Großcontainern ersetzen. Warum, wieso und weshalb hat man den betroffenen Mietern offenbar ebenso wenig erklärt, wie die Frage, ob dadurch die Gebühren steigen. Helga Steiml glaubt, dass für sie die „Preise explodieren“. Auf Nachfrage beim BEE verwies man die Rentner an die ZBVV. Dort sei aber niemand zu erreichen, sagen sie. „Ich kriege gar keine Antwort“, beschwert Steiml sich.
Die Mieter sperren sich nicht nur wegen der Vergemeinschaftung ihrer Müllgebühren und der befürchteten höheren Kosten gegen die Umstellung. Sie fürchten, dass der Platz zu einer wilden Müllkippe mutiert, weil nicht nur Anlieger ihren Müll und anderen Unrat dort entsorgen könnten. Mammen sieht außerdem nicht ein, dass er in seinem Alter künftig 60 Meter bis zum Sammelplatz laufen soll, anstatt, wie bisher, seine Tonne direkt vor dem Haus an die Straße zu stellen. „Das ist nicht erlaubt“, sagt der 96-Jährige, der bis zu seinem Ruhestand jahrzehntelang in der Immobilienverwaltung des Bundesvermögensamtes gearbeitet hat. Er bezieht sich auf Gerichtsurteile, die er in den vergangenen Wochen im Internet nachrecherchiert habe.
Die Geschichte wiederholt sich
Wenn es darum geht, für seine Anliegen in Sachen Müll zu kämpfen, hat Mammen Erfahrung. In mehreren Ordnern hat er die schriftlichen Zeugnisse einer früheren Auseinandersetzung aufbewahrt. Denn die Idee, einen zentralen Containerplatz für die Friedrich-Rückert-Straße einzurichten, ist nicht neu. Es gab eine solche Lösung bereits in den 90er-Jahren. Mammen belegt die Diskussionen mit alten Zeitungsartikeln und jeder Menge offiziellem Schriftverkehr.
Damals wie heute geht es um die Müllgebühren für die Mieter und das Problem wilder Müllkippen. Die Vergangenheit lehrt Mammen und Steiml, wie schnell ein zentraler Sammelplatz verwahrlosen kann. Vor ziemlich genau 25 Jahren, am 1. Januar 1997, waren der Platz und die Container in Barenburg nach energischem Protest zugunsten von Einzeltonnen wieder abgeschafft worden.
Was sagt die Hausverwaltungsgesellschaft?
Warum trotz dieser Vorgeschichte ein neuer Ablauf unternommen wird und ob die Sorge der Mieter wegen möglicherweise deutlich steigenden Müllgebühren berechtigt ist, war bei der Hausverwaltungsgesellschaft am Mittwoch bis zum Nachmittag kurzfristig nicht zu erfahren. Zuständig für die Belange der ZBVV-Immobilien in Barenburg ist ein Mitarbeiter, der nahe der Friedrich-Rückert-Straße ein Büro hat. Auf Nachfrage vor Ort sagte er, dass er sich gegenüber Journalisten nicht äußern dürfe. An seiner Stelle meldete sich später eine Frankfurter PR-Agentur und teilte schriftlich mit, dass die Anfrage in Bearbeitung sei.
Beim städtischen BEE, der seit Jahren einen schier aussichtslosen Kampf gegen wilde Müllkippen in verschiedenen Emder Vierteln führt, bat man ebenfalls um etwas mehr Zeit, um sich zum konkreten Fall und der geplanten Umstellung zu äußern.