Soziales

Fachkräftemangel in der Kinderbetreuung: Stadt Leer schlägt Alarm

Katja Mielcarek
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Von Katja Mielcarek
| 20.01.2022 17:58 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Weil Fachkräfte fehlen, können Leeraner Kitas die gewohnte Betreuung nicht mehr leisten. Foto: Skolimowska/dpa
Weil Fachkräfte fehlen, können Leeraner Kitas die gewohnte Betreuung nicht mehr leisten. Foto: Skolimowska/dpa
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Weil freiwerdende Stellen nicht besetzt werden können und es viele Ausfälle gibt, herrscht in Leeraner Kitas Ausnahmezustand. Es müssen Gruppen geschlossen und Betreuungszeiten reduziert werden.

Leer - Fachkräftemangel ist heutzutage in aller Munde. In Leer bekommen seit einigen Monaten Eltern die Folgen am eigenen Leib zu spüren. Weil Stellen nicht besetzt werden konnten, Mitarbeiter gekündigt hätten und wegen diverser Krankheitsfälle und Schwangerschaften, seien die Kindertagesstätten zum Teil in erheblicher Not, schilderte Björn Steinau von der Stadtverwaltung in der Sitzung des Kinder- und Jugendausschusses die Situation. Auch die Pandemie trage eine Mitschuld an der Misere. Sie mache Eltern und Erzieher dünnhäutig, aktuell holten viele Kinder Infekte nach, die sie im vergangenen Jahr nicht gehabt hätten.

Was und warum

Darum geht es: Leeraner Kitas fehlen Fachkräfte, deshalb gibt es Einschränkungen bei der Betreuung.

Vor allem interessant für: Eltern, Kita-Leitungen und Erzieher

Deshalb berichten wir: Die Stadtverwaltung hat in einer Ausschusssitzung von den Problemen berichtet.

Die Autorin erreichen Sie unter: k.mielcarek@zgo.de

Konkret habe der Kindergarten Am Deich im September eine zweite integrative Krippengruppe eröffnen wollen. Daraus wurde nichts. „Wenn es gut geht, klappt das jetzt zum 1. Februar“, sagt Steinau. Man habe das erforderliche Personal schon gehabt, dann habe eine Mitarbeiterin gekündigt, zusätzlich habe es zwei Schwangerschaften gegeben, die im Kinderbetreuungsbereich ein Beschäftigungsverbot nach sich ziehe.

Personal hat alles gegeben

Im Kindergarten Loga fehlten mittlerweile drei Erzieherinnen, die es zusammen auf 91,5 Wochenstunden brächten. „Das Personal hat wirklich alles gegeben, um das bisherige Betreuungsangebot aufrechtzuerhalten, aber jetzt sind wir am Ende“, sagt Steinau. Man habe deshalb eine Nachmittagsgruppe mit 14 Kindern geopfert, um die restliche Betreuung gewährleisten zu können. Von den 14 Kindern habe nur eines mit zwei arbeitenden Elternteilen.

Als die Kita Niedersachsenring im September eröffnet wurde, seien noch zwei Stellen offen gewesen, so Steinau. Eine davon habe man noch im gleichen Monat besetzen können, allerdings habe diese Erzieherin die Einrichtung im November schon wieder verlassen. Weil eine weitere Frau gekündigt habe, habe man am Niedersachsenring nun drei unbesetzte Stellen. Zusätzlich gebe es krankheitsbedingte Ausfälle, so dass die zugesagte Betreuungszeit bis 16.30 Uhr in der Krippe nicht mehr zu stemmen sei. „Die Mitarbeiterinnen waren so am Ende, dass wir die Winterferien drei Tage früher beginnen lassen mussten.“ Mittlerweile sei eine der Stellen wieder besetzt, allerdings nehme die neue Erzieherin ihren Dienst erst im März oder April auf.

Nachmittags-Stellen sind unbeliebt

Beim Kindergarten Rasselbande sei schon seit längerem eine Stelle für die Nachmittagsbetreuung unbesetzt. „Der Markt ist so leergefegt, dass sich die Erzieherinnen die Stellen aussuchen können“, sagt Steinau. Stellen mit einer Arbeitszeit bis 17.30 Uhr seien relativ unbeliebt. „Die meisten wollen lieber vormittags arbeiten.“ Eine Erzieherin falle krankheitsbedingt langfristig aus. Trotzdem komme man bei der Rasselbande weitestgehend ohne Kürzungen der Betreuungszeiten aus – „solange es nicht noch weitere Ausfälle gibt“.

Besonders hart getroffen hätte es den Kindergarten in Leerort, wo nach dem Jahreswechsel vier Kräfte ausgefallen seien, die jeweils mehr als 30 Stunden in der Woche arbeiteten: eine wegen Schwangerschaft, zwei wegen Krankheit und eine, die nach einer Covid-19-Erkrankung noch nicht wieder einsatzbereit sei. Deshalb habe man vorübergehend nur eine Vormittagsbetreuung anbieten können. In der Not habe man über eine Dienstleistungsgesellschaft zwei Mitarbeiter organisiert – und dafür viel Geld bezahlt. Steinau spricht von anderthalb mal so viel wie für eine feste Stelle. „Aber wir können glücklich sein, dass wir die beiden überhaupt bekommen haben. Hinter uns waren noch viele Kindergärten, die sie auch genommen hätten“, so Erster Stadtrat Detlef Holz in der Ausschusssitzung.

Vorwürfe der Eltern

Von den Eltern bekomme man zum Teil heftige Vorwürfe zu hören, berichtet Steinau. Aber, dass man nicht alles probiert habe, wolle man nicht auf sich sitzen lassen. Trotzdem mache man sich Gedanken, wie eine solche Situation in Zukunft zu verhindern sei: „Perspektivisch sollten wir unser Vertretungsreserve vergrößern, um stressresistenter zu werden.“ Außerdem sei zu überlegen, ob nicht alle Stellen unbefristet sein sollen, um attraktiver zu werden.

Immerhin ist ein Silberstreif am Horizont zu erkennen: Nach den jüngsten Vorstellungsgesprächen habe man vier Zusagen bekommen, so Steinau. „Dann bleiben nur noch drei Krankheitsvertretungen offen, solange sich keine neue Lücken auftun.“

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