Gesellschaft
Ostfriesland ist Queer-Land
Gruppen für Jugendliche, die etwa schwul, lesbisch oder transsexuell sind, werden derzeit in Ostfriesland regelrecht überlaufen. Wir haben uns vor Ort umgehört. Woher kommt jetzt die große Nachfrage?
Emden/Ostfriesland - Queere Jugendgruppen in Ostfriesland werden derzeit „regelrecht überlaufen“. Das sagt Timo Rabenstein, Koordinator für das Projekt Sven (Schwule Vielfalt erregt Niedersachsen). Den aus dem Englischen entlehnten Sammelbegriff „queer“ verwenden Personen für sich, die beispielsweise lesbisch, schwul oder bisexuell sind. Im Emder Café Life-Point beim Gesundheitsamt und im Auricher Familienzentrum nehmen besonders viele Jugendliche an dem Angebot teil. Einmal wöchentlich kommen Gruppen junger Leute zusammen, um sich auszutauschen, Gesellschaftsspiele zu spielen oder einfach nur in der Gemeinschaft einen Kaffee zu trinken. Es ist ein „geschützter Raum“ für sie, in dem sie einfach sie selbst sein können, erklärt Janik Daniels.
Was und warum
Darum geht es: Viele junge Menschen in Ostfriesland sprechen offen über ihre Sexualität und Identität.
Vor allem interessant für: Menschen in Ostfriesland, die sich für Themen rund um Geschlecht, Sexualität und Identität interessieren.
Deshalb berichten wir: Wir hatten mit Timo Rabenstein über ein anderes Thema gesprochen und er hatte dabei auf die Jugendgruppen hingewiesen, die derzeit „überrannt“ werden. Dem wollten wir nachgehen. Die Autorin erreichen Sie unter: m.hanssen@zgo.de
Der Sozialarbeiter leitet in Emden die Gruppe, zu der er etwa 30 Jugendliche zählt. 20 kommen regelmäßig - wegen der Pandemie aber treffen sich abwechselnd mittwochs immer etwa zehn im Café und die andere Hälfte zeitgleich über eine Video-Konferenz. Unterstützt wird er bei der Gruppenleitung von vier Studierenden der Hochschule Emden/Leer. „Der Bedarf ist groß in Emden“, sagt Daniels, der die Gruppe im April 2020 gründete. Wegen der Pandemie habe anfangs alles nur online stattfinden können. Das Angebot sprach sich dennoch rum. Je nach Corona-Situation konnten dann auch Treffen im Life-Point stattfinden. Dass es so ein Angebot in Emden gibt, das von der Stadt gefördert wird und in stadteigenen Räumlichkeiten stattfindet, sei sehr selten. „Das gibt es sonst nur in Hannover“, meint er.
Warum gerade jetzt so eine hohe Nachfrage?
Der Bedarf sei immer da, erklärt Daniels. Dadurch, dass nun aber dieser geschützte Raum geboten werden kann, nehmen viele das Angebot dankend an. „Hier können alle so sein, wie sie sind“, sagt der 24-Jährige, der sich offen zu seiner Homosexualität bekennt. Die meisten Jugendlichen sind um die 20. Interessierten im Alter von 14 bis 27 steht das Angebot offen. In der Runde können die Jugendlichen die Erlebnisse aus der Woche schildern: aus der Schule, der Familie, dem Freundeskreis. Die Themen müssen nicht zwangsläufig mit der Sexualität oder Identität zutun haben, sondern können sich allgemein um Herausforderungen drehen. Wenn jemand von einer größeren Belastung oder Problemen spricht, fragt Daniels im Nachhinein noch einmal nach und vermittelt notfalls an Beratungsstellen im Life-Point weiter.
„Einige Pärchen haben sich schon gefunden“, sagt Daniels. Erste Erfahrungen würden gesammelt. Und: Die Jugendlichen gerieten so nicht in ihrer Suche nach Kontakt und Gespräch an Fremde im Internet, die es eventuell nicht gut mit ihnen meinen. Für den 24-Jährigen ist es eine Herzensangelegenheit, den jungen Menschen einen sicheren Raum zu geben. „Genau so etwas habe ich mir als Jugendlicher auch gewünscht“, sagt er und ergänzt, dass er selbst aus einem Dorf im Landkreis Cloppenburg stammt, in dem die Möglichkeiten begrenzter waren.
„Es ist ein so großes Spektrum“
Auch Jannes Jakobs, einer der Leiter der Jugendgruppe Baumhaus, die sich in Aurich trifft, berichtet von einem großen Bedarf. Rund 45 Jugendliche sind in der zugehörigen WhatsApp-Gruppe. Er erklärt sich das so, dass viele sich während der Pandemie mehr mit sich selbst beschäftigen und damit mehr über ihre Sexualität und Identität verstehen. Auch habe ihnen die Zeit vielleicht geholfen, Mut zu fassen, sich mal bei der Jugendgruppe vorzustellen. „Viele haben ganz doll das Bedürfnis, sich auszutauschen“, betont er. Auch hier gehe es nicht immer um queere Themen, aber eben auch: „Wie werde ich in der Schule akzeptiert“, nennt er ein Beispiel. Viele transidente Personen seien in der Gruppe. Das heißt, bei diesen Personen passt die Geschlechtsidentität nicht zu den bei der Geburt zugewiesenen Geschlechtsmerkmalen.
„Es ist ein so großes Spektrum“, so Jakobs. Das bestätigt auch Janik Daniels für seine Gruppe. Darin sind Personen, die transident sind, andere sehen sich keinem Geschlecht zugeordnet. Einige sind pansexuell, fühlen sich also emotional, romantisch und sexuell zu Menschen jeden Geschlechts hingezogen, andere sind asexuell, sie haben also kein oder wenig Verlangen nach Sexualität mit anderen Menschen. Mittlerweile gebe es sehr viele neue Begriffe und Kategorien, in denen sich Menschen wiederfinden und verstanden fühlen, sagt Jakobs. Es sei einerseits schön, wenn man endlich eine Beschreibung gefunden hat, die auf die eigene Ausrichtung passe. Andererseits könne es für andere auch überfordernd sein, sagt er. Aber: „Es hat sich schon ganz viel getan.“ Ein wenig hat er aber auch den Eindruck, dass durch die Pandemie teilweise das Verständnis füreinander auch zurückgegangen sei.
Auch unter anderem in Norden, Leer und Ostrhauderfehn gibt es Treffpunkte, die jedoch nicht allein für queere Jugendliche gedacht sind. In Norden könne er sich das aber gut vorstellen, sagt Timo Rabenstein, der das Café GleichArt betreut. Dafür fände er es aber toll, wenn sich junge Menschen finden würden, die das Angebot betreuen würden. Im Moment wird das Jugendhaus, in dem das Café untergebracht ist, allerdings saniert und ist geschlossen. „Im Frühjahr wollen wir wieder starten“, sagt er. Auch das Regenbogen-Café in Leer ist derzeit geschlossen, sagt Michael Buschardt. „Höchstwahrscheinlich im Februar soll es wieder losgehen.“ Das Café sei ein Treffpunkt für alle. Die Stammgäste seien aber eher älter. Jugendliche würden häufig nach Emden oder Oldenburg fahren. „Bei uns ist nicht so die Nachfrage“, sagt auch Folkmar Körte vom Rainbow-Point in Ostrhauderfehn. Mitglieder seien eher zwischen 26 und 75 Jahre alt.