Osnabrück
„Lucia di Lammermoor” am Theater Osnabrück: Die Musik reißt’s raus
Nach vierzig Jahren zeigt das Theater Osnabrück wieder „Lucia di Lammermoor”. Dabei gab Sophia Theodorides ein großartiges Debüt als Titelheldin.
Sophia Theodorides ist, man kann es gar nicht anders sagen, großartig. Sie singt bei der Premiere von „Lucia di Lammermoor“ im Osnabrücker Theater am Domhof ihr Debüt als Titelheldin, und sie macht das fantastisch. Dazu gehört, dass sie sich beim ersten Auftritt in nobler Zurückhaltung übt: Edel und fein klingt es, wie sie ihrer Vertrauten Alisa, gesungen und dargestellt von Olga Privalova, von einer Geistererscheinung im Schlosspark erzählt. Voller intimer Innigkeit singt Theodorides das, lässt auch zu, dass sie das Osnabrücker Symphonieorchester manchmal fast übertönt. Generalmusikdirektor Andreas Hotz fordert seine Sänger eben und lässt dem Orchester klanglichen Freiraum – die Dramatik des Werks soll ja auch aus dem Orchestergraben klingen. Trotzdem leuchtet die Lucia über den Klang, und in den leisen Passagen.
Diese Lucia aber hat ja noch Einiges vor sich: eine leidenschaftliche Liebesszene mit Edgardo (Oreste Cosimo), aufwühlende Kämpfe mit Bruder Enrico (Rhys Jenkins) und schließlich die ausladende Wahnsinns-Szene: Da gehört kluge Disposition zur Interpretation dazu. Und was macht sie nicht aus dieser ihrer letzten gesungenen Szene! Theodorides singt die berühmte Partie mit hoher Präzision, mit geschliffenen Koloraturen und perfekter Tongebung. Von ihrem ersten Auftritt an nimmt sie ihr Publikum mit, lässt es teilhaben an ihren Empfindungen, an Liebe und Verzweiflung, berührt, wenn sie hohe Töne aufblühen lässt vom Keim zur prächtigen Schönheit. Das aber macht sie so ökonomisch, dass ihre für die rund 20-minütige Wahnsinnsszene genug Ausdauer bleibt für die halsbrecherischen Koloraturen und die irrsinnig hohe Töne: Sie singt nicht nur perfekt, sie lädt all das mit Emotionen auf und erweckt sie so zum Leben. Sie lässt ihre Zuhörer teilhaben an der Welt, die sie sich zusammenfantasiert, um sich von Männern zu befreien, die sie unter massiven Druck setzen und quälen - der Wahnsinn wird zur Zuflucht – als Vorstufe zum Tod.
Ja, es ist ein düsteres Stück, das Gaetano Donizetti und sein Librettist Salvatore Cammarano nach einem Roman von Walter Scott geschrieben haben. Entsprechend düster sieht es auf der Bühne von Bengt Gomér aus: Schwarz ist die vorherrschende Farbe, lediglich der Bühnennebel bringt ein paar Grautöne und bringt ein bisschen mystische Hochlandmoor-Stimmung auf die Bühne im Theater Domhof. Schwarz sind auch die Kostüme, die Sarah Mittenbühler dem viktorianischen Stil nachempfunden hat; und Kontrast schafft lediglich ein großes Rechteck mit Lichterrand, das schräg über der Szene schwebt. Und natürlich Lucia selbst mit ihrem wallenden blonden Haar und den Kostümen im jungfräulichen Weiß..
Zentrales Element auf der Bühne aber ist ein großes, flaches Wasserbassin, in dem sich ein Großteil der Handlung abspielt. Das ist einerseits aus dem Libretto motiviert: Die Handlung spielt in Schottland, da regnet es nun mal häufig – das ist der naturalistische Aspekt. Den symbolischen gibt es natürlich auch: Wasser spielt auch im Text eine wiederkehrende Rolle. Trotzdem wirkt das permanente Wasserwaten, das Regisseur Sam Brown dem Ensemble verordnet hat, eher plakativ als sinnstiftend. Außerdem zwingt diese Regieidee Theodorides dazu, ihre anstrengende Rolle größtenteils in nassen Kostümen zu singen und zu spielen. Und das verlängert die Unterdrückung Lucias über das Stück hinaus in den Zuschauerraum: Wenn ein nasses weißes Nachthemd auf der Haut klebt, erinnert das eher an voyeuristische Fernsehformate als an eine ernsthafte Auseinandersetzung mit Fragen der Emanzipation – die ja in dieser Oper auf dem Präsentierteller liegen.
Denn Lucia wird zwischen den Mühlrädern männlichen Machtgebarens zerrieben: Bruder Enrico zwingt sie mit massiver Gewalt in eine Ehe, ihr Vertrauter und Beichtvater Raimondo (Erik Ruosi) verbrämt seinen Druck hinter christlichen Moralvorstellungen, und sogar ihr Geliebter Edgardo schenkt ihr keine liebende Loyalität, sondern setzt sie seinem Zorn aus. Kein Wunder, dass Lucia sich in den Wahnsinn flüchtet – aber muss die männliche Unterdrückung durch eine Art Wetshirt-Contest hinein noch in den Zuschauerraum hinein verlängert werden? Oder müsste sich eine zeitgemäße Regie nicht kritisch mit dem Frauenbild dieser Männergesellschaft auseinandersetzen?
Dabei ist Lucia keineswegs nur Opfer: Sie ist es, die Edgardo zum Sex verführt, und im Streit mit dem Bruder über die Zwangsehe tritt sie durchaus selbstbewusst auf – bis der Bruder sie würgt und so ihre Persönlichkeit pulverisiert. Zur Wahnsinnsszene dann der nächste Griff in die Klischeekiste: Da ist aus der blonden Unschuld plötzlich ein schwarzhaariger Vamp geworden. So unterscheiden mittelmäßige TV-Serien Gut und Böse.
Auch sonst glänzt Browns Regie weniger mit tiefschürfenden Erkenntnissen, sondern verlegt sich mehr auf wirkmächtige Bilder – das aber gekonnt. Vor allem aber stimmt die musikalische Umsetzung dank eines guten und hörenswerten Ensembles: Tenor Oreste Cosimo singt seinen Edgardo mit jugendlichem Elan in der Stimme, Rhys Jenkins ist ein Enrico mit der richtigen Dosis Brutalität im kraftvollen Bariton. Erik Rousi gibt der religiösen Schönfärberei Raimondos eine einschmeichelnde baritonale Färbung, James Edgar Knight markiert in seinem kurzen Auftritt als Lord Arturo, wer tenoral das Sagen im Osnabrücker Haus hat. Olga Privalova als Alisa und Aljoscha Lennert als Normanno fügen sich in den kleineren Rollen gut ins Ensemble, und auch der Chor entwickelt, vorbereitet von Sierd Quarré, beeindruckende Klangpracht. Das Osnabrücker Symphonieorchester schließlich befeuert die Handlung wirkungsvoll aus dem Graben, und Andreas Hotz hat die musikalischen Fäden gut in der Hand. Und fürs Protokoll: In Osnabrück liegt die Originalpartitur auf den Pulten, was der Lucia noch mehr Höhe abverlangt als den meisten großen Interpretinnen der Rolle von Maria Callas bis Joan Sutherland, und als besonderer Effekt kommt in der Wahnsinnsszene die Glasharmonika mit ihren jenseitigen Klängen zum Einsatz, die Donizetti ursprünglich vorgesehen hat.
All das macht den Abend letztlich doch zu einem mitreißenden Erlebnis. Musikalisch stimmt nahezu alles, und so plakativ Browns Regie daherkommt: Er erzählt die Geschichte so nachvollziehbar, dass auch ein Neuling der Handlung folgen und vor allem mit dem Schicksal der tragischen Titelheldin mitfühlen kann. Das verdankt sich aber in erster Linie dem großartigen Rollendebüt von Sophia Theodorides – die dafür Applaus erhält, wie er in Osnabrück nicht oft zu erleben ist.