Osnabrück

Sprachschätze in Gefahr: Wer lustwandelt heute noch?

Stefan Lüddemann
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Von Stefan Lüddemann
| 24.01.2022 11:30 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 2 Minuten
Spaziergang durch den Schlosspark Foto: dpa/Sören Strache
Spaziergang durch den Schlosspark Foto: dpa/Sören Strache
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Alte Wörter: In der Sprachkolumne „Wortklauber” geht es um Sprachschätze, die in Gefahr sind, verloren zu gehen. Das Wort heute: Lustwandeln.

Lustwandeln – wie macht man das? Wer darauf eine Antwort hat, kann die Bedeutung dieses inzwischen veralteten Wortes auskosten. Wer das nicht vermag, ist gefangen im Tempowahn unserer digital beschleunigten Gegenwart. Denn heute lustwandelt niemand oder fast niemand mehr.

Wer sich draußen bewegt, der joggt oder walkt. Oder geht mindestens spazieren. Denn Gehen ist allemal schneller als wandeln. Man kann auch promenieren oder flanieren, allerdings so richtig nur in der Stadt. Das Lustwandeln braucht die Landschaft als Schauplatz. Man lustwandelt unter Bäumen, aber nicht auf Asphalt. Der Flaneur braucht die City mit ihren Lichtern und Schaufenstern.

Wörter veralten, verschwinden gar, wenn sich verändert, was sie bezeichnen. Das Lustwandeln liefert ein trauriges Beispiel dafür. Es ist nicht nur hinter der allgemeinen Beschleunigung zurückgeblieben. Beim Lustwandeln geht es auch um ein Vergnügen ohne Ziel und Zweck – um die bloße Lust eben. Und die erschließt sich nur dem, der es gemächlich angehen lässt.

Der Lustwandler lässt seine Blicke schweifen, öffnet sich für das, was der Tag und die Welt ihm bieten. Wer etwa ein Handyfoto macht, der lustwandelt schon nicht mehr. Die Fortbewegung in Zeitlupe verträgt sich nur mit dem bloßen Schauen und mit nichts anderem.

Das schöne Verb lustwandeln wird heute kaum noch ausgesprochen. Es scheint in eine Zeit zu gehören, in der sich sehr hohe Herren Lustschlösser errichten ließen, also Bauten, die Vergnügen bereiteten, sonst aber überflüssig waren. Wir wandeln heute noch mit Goethe durch den Weimarer Ilmpark. So titeln Reiseveranstalter ihre Ausflugstouren zu den Klassikern, wenn ein Freizeitvergnügen einen gediegenen Namen bekommen soll.

Wer also einmal so richtig lustwandeln, sich ergehen oder auch einfach nur ambulieren möchte, der ist mit Goethes Park bestens beraten. Die schöne Natur, die Ilmschleife, das Römische Haus – welche Lust, dort zu wandeln!  

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