Osnabrück

Sieben Psycho-Tricks der Chefs – und wie man richtig darauf reagiert

Corinna Clara Röttker
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Von Corinna Clara Röttker
| 25.01.2022 15:41 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 6 Minuten
Führungskräfte wollen ihre Mitarbeiter steuern und zu mehr Leistung animieren – und greifen dafür gezielt in die Trickkiste. Foto: www.imago-images.de
Führungskräfte wollen ihre Mitarbeiter steuern und zu mehr Leistung animieren – und greifen dafür gezielt in die Trickkiste. Foto: www.imago-images.de
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Mit relativ einfachen Psycho-Tricks können Chefs ihre Mitarbeiter steuern. Karrierecoach Attila Albert gibt Tipps, wie man als Arbeitnehmer diese erkennt und sich dagegen wehrt.

Im Arbeitsalltag kommt es immer wieder vor, dass Führungskräfte gezielt Psycho-Tricks anwenden, um ihre Mitarbeiter zu mehr Leistung zu animieren. „Psychologische Tricks und moralische Manipulationen kommen immer dann zum Einsatz, wenn es zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer einen Interessenkonflikt gibt und Ressourcen diskutiert werden müssen“, sagt Karrierecoach und Buchautor Attila Albert („Ich will doch nur meinen Job machen“). Dabei funktionierten die Tricks, weil sie einerseits oft eine moralische Komponente beinhalten, die den Mitarbeiter unter Druck setzen. Anderseits, weil sie sich der Angst eines Menschen bedienten – ob die Angst vor dem Jobverlust oder der sozialen Ausgrenzung. „Wer nicht ständig bevormundet und übervorteilt werden will, muss die Tricks erkennen und sich wehren“, sagt Albert.

Trick 1: Den guten Willen ausnutzen

„Der Appell an den guten Willen des Mitarbeiters ist der einfachste Trick“, sagt Albert. Hierbei kämen Floskeln wie „Wir sitzen doch alle im selben Boot“ zum Einsatz, beispielsweise dann wenn der Chef neue Sparmaßnahmen verkündet. Dem Karrierecoach zufolge wollen die meisten Arbeitnehmer helfen, etwa weil sie glauben, dass ihr Verzicht einer guten Sache dient. Der Trick bei diesem Apell aber sei eine vorgetäuschte Gleichheit. „Beschäftigte, die ein gewinnorientiertes Unternehmen für eine Solidargemeinschaft halten, werden feststellen, dass diese naive Sicht nur für ausgewählte Teile der Belegschaft gilt − spätestens, wenn das Gehalt vom Vorstand in Krisensituationen nicht gekürzt wird.“

Der Experte rät in solchen Situationen, sich nicht von idealistischem Gerede vereinnahmen zu lassen, sondern auf die Fakten und die eigenen Interessen wie etwa eine angemessene Bezahlung zu achten. „Eigentümer, Führung und Belegschaft haben unterschiedliche Interessen. Sie dürfen Ihre vertreten und diese auch kommunizieren“, so Albert.

Er empfiehlt das Gespräch zum Vorgesetzten zu suchen und dabei sachlich zu argumentieren. „Wer einen Erfolg vorzuweisen hat, kann auch dazu stehen und auf Aussagen des Vorgesetzten mit Widerspruch reagieren. Dieser kann zwar verblüfft sein, doch mitunter verschafft ein Arbeitnehmer sich so Respekt und muss gewiss nicht gleich um den Job fürchten.“

Trick 2: Höhere Missionen vorschieben

„Bei diesem Trick argumentieren Chefs mit einer höheren Mission“, sagt Albert. Hierbei können Gründe wie mehr Vielfalt im Unternehmen oder dem Kampf gegen den Klimawandel vorgeschoben werden. Tatsächlich ginge das aber häufig mit schlechteren Bedingungen für die eigene Belegschaft einher, so Albert. „Wer hochfliegende, am besten gleich weltverändernde Ambitionen verkündet, sieht sich dadurch berechtigt, sich nicht mehr von den banalen Alltagswünschen anderer aufhalten zu lassen.“ Der Trick dabei sei, berechtigte Eigeninteressen der Mitarbeiter zu Egoismus zu erklären. Ein Mitarbeiter beispielsweise, der eine faire Entlohnung für sich einfordert, steht Albert zufolge dann automatisch wie ein egoistischer Kleingeist da, der nur an sich und nicht an das Große und Ganze denkt.

Auch in diesem Fall rät der Experte, sich von dem PR-Gerede nicht beeindrucken zu lassen. „Allein das Wissen um diesen Mechanismus hilft in der Regel schon, um zu durchschauen, dass man von einem Vorgesetzten manipuliert wird.“

Trick 3: Verantwortung abwälzen

Bei diesem Trick erhalten Mitarbeiter dem Karrierecoach zufolge die Verantwortung für etwas, aber ohne die dafür notwendigen Kompetenzen und Ressourcen wie etwa ausreichend viele Kollegen, Zeit oder Budget. „Der Chef behauptet, einem alle Freiheiten zu geben und verkauft es als angebliche Chance. Doch vor allem junge Berufstätige merken oft erst, wenn sie schon fast gescheitert sind, dass sie eine unlösbare Aufgabe erhalten haben.“ Albert zufolge kennen manche Vorstände die Probleme in ihren Bereichen seit Jahren, wollen sie aber aus Kostengründen nicht lösen und engagieren stattdessen lieber motivierte Neulinge.

„Wer sich unter solchen Umständen nicht schnell aufreiben will, sollte zügig handeln“, sagt der Experte. Betroffenen rät er, eine Zeit lang die Tätigkeiten genau zu protokollieren, um so den realen Bedarf für die Aufgabenerfüllung zu ermitteln. Verweigert sich der Chef weiter, empfiehlt Albert einen internen Wechsel oder die Kündigung.

Trick 4: Nachteile zu Vorteilen erklären

Ein weiterer Trick sei es, bereits in der Stellenanzeige Nachteile zu Vorteilen umzudeuten, sagt Albert. Beinhaltet ein Job etwa viel Arbeit, werde dies von Arbeitgebern gerne mit einem „anspruchsvollen Umfeld“ umschrieben, aus einem unterbesetzten Team werden „flache Hierarchien“ und ein Jahresvertrag mit sechs Monaten Probezeit heißt „langfristige Perspektive“. „Beliebt ist auch, dass es statt eines Tarifgehaltes gratis Obst und Getränke gibt, als ob es das aufwiegen könnte“, so Albert.

Dem Karrierecoach zufolge sei es zwar logisch, dass Arbeitgeber wie Arbeitnehmer in Einstellungsgesprächen stets ihre besten Seiten herausstellen wollen. So dürften auch Beschäftigte etwa eine längere Arbeitslosigkeit als inspirierendes Sabbatjahr darstellen. „Man sollte nur nicht auf die blumigen Fantasiegeschichten anderer reinfallen.“

Trick 5: Mit Unterstellungen einschüchtern

Ob Fridays For Future oder Black Lives Matter – viele Unternehmen beziehen mittlerweile Position zu politischen Debatten und folgen bestimmten Aktivistenbewegungen. „Mitarbeiter werden dabei automatisch zu Unterstützern erklärt, wenn der Vorstand etwa gleich für alle spricht“, so Albert. Dabei könne die Meinung einzelner Arbeitnehmer in Wahrheit durchaus eine andere sein oder die öffentliche Positionierung des Unternehmens von Mitarbeitern gar als heuchlerisch empfunden werden, wenn sie im Arbeitsalltag gar nicht gelebt werde.

„Ein beliebter Psycho-Trick ist dann, Andersdenkende durch Unterstellung einzuschüchtern. Ein differenzierter Blick auf ein Thema wird automatisch als gegen die gute Sache umgedeutet, nach dem Motto: ‚Sie sind also nicht für Menschenrechte?‘“, so Albert.

Arbeitnehmer sollten sich davon nicht beeindrucken lassen. Vielmehr rät der Experte zur Gelassenheit: „Die Zeit lehrt uns, dass Manager im Zweifel schnell einknicken können. Ansonsten sollte man langfristig zu einem Arbeitgeber wechseln, der besser zu einem passt.“

Trick 6: Mit Schuldgefühlen manipulieren

Ähnlich funktioniere der Trick, jemanden mit überzogenen Schuldgefühlen zu manipulieren. Absichtlich würden dabei die Relationen verwischt, um jemanden emotional unter Druck zu setzen. „Man bekommt eine moralische Mitschuld an globalen Problemen wie dem Klimawandel zugeschoben, obwohl der eigene Anteil marginal ist und soll sich nun in die Projekte dazu fügen oder engagieren“, so Albert.

In solchen Situationen könne bereits ein einfaches „Das sehe ich anders“ Wunder wirken. Vor allem aber sei es wichtig, sich weder von Unterstellungen verrückt machen zu lassen, noch sich als Weltretter zu fühlen, wenn man etwas Gutes tue, so der Experte.

Trick 7: Urteilsfähigkeit absprechen

„Wenn es gerade passt, führen Chefs neuerdings ständig die Wissenschaft an, nach der sie sich nur richten würden“, sagt Albert. „Sei es, um die Vorteile von Großraubüros zu unterstreichen oder um ständige Selbst- und Fremdbewertungen zu rechtfertigen.“ Der Trick dabei: Um etwas möglichst ohne Widerstand in der Belegschaft durchzusetzen, beziehe man sich auf höhere Autoritäten, gegen die angeblich keiner ankomme.

Albert empfiehlt, derartige Theorien zu bedenken und stets mit der Praxis und den eigenen Erfahrungen abzugleichen. „Die Möglichkeiten sich als Arbeitnehmer dagegen zu wehren sind zwar beschränkt, doch es gibt Möglichkeiten – im Zweifel wendet man sich an den Betriebs- oder Personalrat.“

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