Osnabrück
Polizeiruf 110 aus Brandenburg: Der Neue kommt im Rock
Neuer Ermittler beim Polizeiruf 110 in Brandenburg: André Kaczmarczyk gesellt sich in der Folge „Hildes Erbe” am Sonntag als Kommissarsanwärter Vincent Ross zu Adam Raczek (Lucas Gregorowicz).
Es ist gerade mal drei Wochen her, da gab Charly Hübner seinen Ausstand beim Polizeiruf 110 in Rostock. Regie führte ein Mann, der Hübners Figur Alexander „Sascha“ Bukow schon erfunden hatte und nun gemeinsam mit Anika Wangard auch das Drehbuch der letzten Folge schrieb: Eoin Moore. Er machte es gut, wie eigentlich immer.
An diesem Sonntag erfolgt nun der Neustart des Polizeirufs 110 aus Brandenburg - nach dem Abschied von Maria Simon und einer Überbrückungsfolge, in der Adam Raczek (Lucas Gregorowicz) allein ermitteln musste. Und siehe da: Regie führt Eoin Moore, auch in diesem Fall nach einer gemeinsamen Drehbucharbeit mit Anika Wangard. Schwenkt der Polizeiruf Brandenburg deshalb auf die Spur des Polizeirufs Rostock um? Mitnichten.
Denn der neue Ermittler, den Eoin Moore an der Seite von Raczek einführt, ist so ziemlich das exakte Gegenteil von Sascha Bukow. André Kaczmarczyk soll als junger, sensibler und höchst polizei-untypischer Kommissar Vincent Ross die schmerzlich vermisste Maria Simon ersetzen. In deren letzter Folge „Monstermutter“ hatte er bereits einen kleinen Auftritt, dann setzte er kurz aus, nun rückt er in den Mittelpunkt des Geschehens.
Eoin Moore bedient sich dafür einer im TV-Krimi ebenso beliebten wie realitätsfernen Variante: Der Polizist kommt nicht zum Verbrechen, sondern die Bluttat zum Ermittler. Ross ist Frischling, kommt ohne große Erfahrung zum deutsch-polnischen Ermittlerteam, bezieht eine Wohnung in Slubice kurz hinter der Grenze. Er lernt im Treppenhaus einen jungen BWL-Studenten kennen, der über ihm wohnt und gleich verrät, dass der Typ von ganz oben die besten Drogen der ganzen Stadt im Angebot hat. Wenig später ist Bastian, der Student, tot und seine Wohnung blutverschmiert.
Der Neue hat’s also nicht weit und ist schon da, als die Kollegen eintreffen, die ihn noch gar nicht kennen. Und weil er in einem Röckchen am Tatort rumsteht, nehmen ihn die anderen auch erst mal nicht ganz ernst. Ja, er ist anders. „Männlich, weiblich, divers, egal“ liest man dazu im Senderinfo und mag es kaum glauben, denn solche Typen gibt es im tatsächlichen Polizeialltag so gut wie gar nicht.
Der Mordfall führt in eine schrecklich verkorkste Familie: Bastian war der Enkel der überaus schrägen Rentnerin Hilde Grutzke (Tatja Seibt). Die garstige Alte leidet an der Lungenkrankheit COPD und ringt deshalb ständig um Luft, sie hat 850.000 Euro aus einer Erbschaft in Plastiktüten gehortet und ist bereit, ihr Vermögen notfalls auch mit Waffengewalt zu verteidigen.
Ihr alkoholkranker Sohn (Lars Rudolph) lebt in einem Obdachlosenheim, zu Enkelin Emma (Ada Philine Stappenbeck) hat sie keinen Kontakt. Einzig ihrer Pflegerin vertraut Hilde Grutzke. Hat die es auf ihr Vermögen abgesehen und möglicherweise den Enkel auf dem Gewissen? Oder wittert die ungeliebte Verwandtschaft den Duft des großen Geldes?
Doch nicht nur der Fall ist ziemlich komplex. Der Brandenburger Polizeiruf versucht sich an einer neuen Farbe und gibt schrägem Humor eine Chance, die beiden Kommissare fremdeln miteinander und Raczek hat neuerdings ein massives Schlaf- und Tablettenproblem. Das ist ambitioniert – und ziemlich viel für eine Folge. Fazit: Nicht alles, was Eoin Moore anfasst, ist Krimi-Gold. Und für den Polizeiruf aus Brandenburg wird’s nicht leichter.
Polizeiruf 110: Hildes Erbe. Das Erste, Sonntag, 23. Januar, 20.15 Uhr.
Wertung: (knapp) 4 von 6 Sternen