Wohnen

Fast immer gibt es Ärger um Baugebiete in Ostfriesland

| | 27.01.2022 16:11 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Viele Menschen wollen in Ostfriesland bauen. Das Foto zeigt Arbeiten im Baugebiet „Logabirumer Anger“. Foto: Ortgies/Archiv
Viele Menschen wollen in Ostfriesland bauen. Das Foto zeigt Arbeiten im Baugebiet „Logabirumer Anger“. Foto: Ortgies/Archiv
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Das geplante Emder Baugebiet Conrebbersweg-West ist weiterhin umstritten. Das ist aber nichts Ungewöhnliches. Wir haben uns einige der aktuellen Bauprojekte in Ostfriesland angeschaut.

Ostfriesland - Rund um Baugebiete in Ostfriesland gibt es häufig Kritik. In Emden ist diese im Moment besonders laut. Das geplante Gebiet Conrebbersweg-West wurde sogar auf Bundesebene kritisiert, als der Naturschutzbund Nabu Deutschland der Seehafenstadt dafür Ende Dezember einen Negativ-Umwelt-Preis verlieh. Mit juristischen Schritten will der Nabu Ostfriesland weiter gegen die Erschließung des ersten Abschnitts mit rund 100 Grundstücken vorgehen. Perspektivisch könnten es im ganzen Gebiet rund 370 Grundstücke auf knapp 35 Hektar werden. Weil das Bauland inmitten von geschützten Feucht-Biotopen entstehen soll, in denen sich gefährdete Pflanzen- und Tierarten aufhalten, kritisiert der Nabu insbesondere den Standort. Die Stadt sieht aber keine sinnvolle Alternative innerhalb des Autobahnrings.

Was und warum

Darum geht es: Nicht nur das Emder Baugebiet Conrebbersweg-West bekommt Gegenwind.

Vor allem interessant für: Bauwillige in Ostfriesland sowie Menschen, die neue Baugebiete kritisch sehen

Deshalb berichten wir: Emden wird derzeit stark kritisiert. Wir haben uns gefragt, wie das eigentlich bei anderen Baugebieten ist und haben nachgehakt.

Die Autorin erreichen Sie unter: m.hanssen@zgo.de

Emdens Oberbürgermeister Tim Kruithoff (parteilos) hatte im vergangenen September bereits gelassen auf eine erste Klage reagiert: „Uns ist bewusst, dass es bei so einem großen Vorhaben immer auch ein Klagerisiko gibt“, sagte er gegenüber dieser Zeitung. Das Interesse der Bauwilligen aber ist ungebrochen: Zuletzt hieß es, es liegen 365 Bewerbungen für die ersten 100 Grundstücke vor. Würde am Bedarf vorbei geplant, dann gebe es nicht diese hohe Zahl an Bewerbern, so Kruithoff.

13 Jahre Planung für Leeraner Baugebiet

Aber: Seit die Verwaltung 2015 Pläne für das Baugebiet, das damals noch 500 Baugrundstücke fassen sollte, präsentiert hatte, war die Kritik nicht abgerissen. Die Emder Grünen wollen weiter aktiv gegen das Projekt vorgehen. Dass das aber tatsächlich nichts Ungewöhnliches ist, zeigt sich anhand eines Leeraner Beispiels: Seit 2007 war das nur knapp 3,5 Hektar große Baugebiet „Logabirumer Anger“ geplant. Erst vermuteten Archäologen historische Bodenschätze auf dem Stück Land, dann sprach die Untere Naturschutzbehörde von einem wichtigen Weißstorch-Refugium und ein Landwirt klagte.

Im November 2019 wurde die Klage abgewiesen. Im April 2020 konnte mit der Erschließung der 29 Bauplätze begonnen werden. Alle Grundstücke waren bereits im November verkauft beziehungsweise reserviert. Ulrich Breer, Geschäftsführer der ausführenden Investorfirma Hartema, ist erleichtert. „Es wird schon gebaut“, sagt er aktuell auf Nachfrage. Insbesondere Familien mit Kindern würden dort einziehen. Das sei für den Ort sehr wichtig.

Investoren werden abgeschreckt

Dass es so „extrem lange“ bis zum tatsächlichen Bau dauert, gebe es öfter mal bei Bauprojekten, sagt er. „Man braucht einen extrem langen Atem.“ Es sei auch gut, dass sich Bürger in der demokratischen Gesellschaft an Gerichte wenden können. Man versuche dann, mit den Behörden eine einvernehmliche Lösung zu finden. Er sagt aber auch ganz klar: Der Rattenschwanz, der sich bei einigen Projekten anhängt, sei für einige Investoren durchaus abschreckend. „Die Planungskosten sind nicht zu unterschätzen“, erklärt er. Das können auch mal sechsstellige Beträge sein. Dabei könne man nicht kalkulieren, ob man mit dem Bauprojekt schließlich durchkomme. Wenn sich auf einem Gelände beispielsweise eine seltene Libelle oder ein Moorfrosch findet, könnte das alles zum Kippen bringen. Und: Wie viele Dokumente mittlerweile für Bauanträge ausgefüllt werden müssten, sei „extrem ausgeufert“. Schaut man sich die 13 Jahre Planungszeit für „Logabirumer Anger“ an, scheint man bei Conrebbersweg-West ja regelrecht zügig zum ersten Spatenstich zu kommen.

Dass Investoren absprangen, brachte das Auricher Baugebiet „Im Timp“ vor knapp drei Jahren in Bredouille. Wegen der in die Höhe geschnellten Baukosten und einem Investitionsvolumen in zweistelliger Millionenhöhe konnten lange keine neuen Interessenten gefunden werden. „Wir haben uns dann in der Verwaltung gefragt, ob es das jetzt gewesen sei. Dafür hatten wir aber schon zu viel Arbeit und Zeit hineingesteckt“, sagte die damalige Auricher Stadtbaurätin Irina Krantz, die jetzt in Emden den Posten bekleidet, im September gegenüber dieser Zeitung. Mit Udo Fuhrmann von der Auricher Projektentwicklungs GmbH (APE) konnte ein neuer Investor gefunden werden. Ein Landwirt, dem ein Teil des Areals gehörte, wollte dann noch einen gleichwertigen Ersatz, der ihm zugesprochen wurde.

Der Konflikt mit Umweltauflagen

Konflikte mit Naturschützern blieben weitgehend aus, weil die Stadt gleich im Vorfeld als ersten Schritt den wertvollen Altbaumbestand kartieren ließ, erklärte Irina Krantz im September. „Das Wäldchen am Timp als auch die Wallheckenstruktur haben wir so erhalten können.“ Außerdem gebe es einen üppigen Grüngürtel, der mehr sei als die vielzitierte Alibi-Natur. Auf dem 22 Hektar großen Areal auf der Ortsgrenze zwischen Haxtum und Extum sollen nun in den kommenden Jahren 159 Einfamilienhäuser, 51 Reihenhäuser und 54 Mehrfamilienhäuser entstehen. Im Dezember, als der symbolisch erste Spatenstich für das Gebiet gesetzt wurde, kamen bereits knapp 700 Bewerber auf 150 Grundstücke. Die Nachfrage nach dem Bauland sei seit Monaten ungebrochen, so Investor Udo Fuhrmann.

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In der Stadt Leer ist Baugebiet sehr gefragt, aber kaum etwas vorhanden. Viele Bauwillige wandern daher in die umliegenden Gemeinden ab. Das Gebiet Groninger Straße (ehemaliges Bünting-Gelände) soll das unter anderem verhindern. Auf etwa 30 Hektar, also fast so groß wie Conrebbersweg-West, sollen dort bis zu 130 Wohneinheiten entstehen. Auch hier soll wie in Emden auf die neuesten Umweltstandards beim Häuserbau geachtet werden. Zuvor hatte es aber viel Wirbel gegeben, weil Bäume an einem Randstreifen gefällt wurden, obwohl die Politik das ausdrücklich untersagt hatte.

Eine zweite Baumfällaktion wurde dann aber im Voraus abgesprochen und auch durchgeführt. Vor knapp einem Jahr begannen die Erschließungsarbeiten. Seitdem nimmt das Projekt problemlos seinen Weg. Im ersten Quartal sollen die Bagger anrollen. Die Nachfrage sei „riesig“, sagte Johannes Kirchner, Geschäftsführer des Bauunternehmens und Planungsbüros Terfehr, aktuell gegenüber dieser Zeitung.