Berlin

Inge Auerbacher: „Ich war das einzige Kind, das zurückkehrte“

Rena Lehmann
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Von Rena Lehmann
| 27.01.2022 15:31 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Gedenken an Opfer des Nationalsozialismus: Inge Auerbacher hielt im Bundestag eine bewegende Rede. Foto: Kay Nietfeld/dpa
Gedenken an Opfer des Nationalsozialismus: Inge Auerbacher hielt im Bundestag eine bewegende Rede. Foto: Kay Nietfeld/dpa
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Eine besondere Zeitzeugin erzählte im Bundestag zum 77. Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz die Geschichte ihres Lebens. Eine Geschichte über das Leiden und Sterben der jüdischen Kinder.

Inge Auerbacher ist heute 87 Jahre alt und lebt seit 75 Jahren in New York. Bei der Gedenkstunde im Bundestag, zu der die alte Dame eigens die weite Reise auf sich genommen hat, erzählt sie, wie sie als Kind aus Baden-Württemberg den Holocaust überlebte. Beim Gang zum Rednerpult wird sie gestützt, ihre Stimme jedoch ist klar und kraftvoll.

„Wer bin ich?“, fragt sie. „Ich bin ein jüdisches Mädle aus dem badischen Dorf Kippenheim.“ Der Dialekt ihrer alten Heimat ist nach all den Jahren unverkennbar. Inge Auerbacher wurde 1934 als letztes jüdisches Kind in der Gemeinde nahe Freiburg geboren. „Papa“, wie sie sagt, hatte für seinen Einsatz als Soldat im Ersten Weltkrieg das Eiserne Kreuz erhalten, genau wie zwei Brüder ihrer Großmutter, die später nach Estland deportiert und ermordet wurde. Ihre Enkelin Inge Auerbacher spricht nun vor dem versammelten deutschen Parlament und sagt: „Ich wohne seit 75 Jahren in New York, habe aber noch die grauenhafte Zeit des Menschenhasses in Erinnerung“.

Ihre Kindheit in der „glücklichen Gemeinde Kippenheim“ findet mit der Reichspogromnacht, die dort am 10. November 1938 stattfand, ein plötzliches Ende. Fensterscheiben von jüdischen Geschäften und Häusern wurden eingeschlagen. „Ein Stein hätte mich beinahe getroffen.“ Inge Auerbacher ist damals drei Jahre alt. „Mein Opa starb kurz darauf an Verzweiflung.“

Als die Familie ihr Haus verkauft und ihr Heimatdorf verlässt, sich entschließt, Deutschland zu verlassen, haben sich bereits „alle Türen geschlossen“. Inge Auerbacher erinnert sich daran, dass die meisten Kinder in Jebenhausen, dem Dorf ihrer Großeltern, wo die Familie Unterschlupf findet, „weiter mit mir spielten“. Als Sechsjährige muss sie jeden Tag erst drei Kilometer zu Fuß zum Bahnhof laufen, dann eine Stunde mit dem Zug nach Stuttgart fahren, um die einzige jüdische Schule der Umgebung zu besuchen. „Es wurde gefährlicher, weil Kinder ab 6 Jahren einen Judenstern tragen mussten.“ 1942 wird die Familie in eine Turnhalle in Göppingen gebracht, um sie wie alle anderen Juden in diesen Tagen nach Osten zu deportieren. Ein Soldat nahm der Siebenjährigen ihre Holzbrosche weg: „Die brauchsch net, dort wu Du hingesch.“ So habe er das auf Schwäbisch zu ihr gesagt.

Zusammen mit ihren Eltern kommt sie nach zwei Tagen Reise im Konzentrationslager Theresienstadt, dem damaligen „Durchgangslager“ für den Weitertransport nach Auschwitz, an. Zuerst schlafen sie auf nackten Steinböden, später auf Strohsäcken in mehrstöckigen „Betten“. „Wir Kinder wurden schnell selbstständig. Das ganze Leben drehte sich um Essen.“ Inge Auerbacher erzählt, wie ein Abfallhaufen zu ihrem Spielplatz wird. Dort schaben die Kinder Kartoffelreste von Schalen. Viele sterben an Krankheiten.

1944 entgeht ihre Familie „wie durch ein Wunder“ dem Transport und sicheren Tod in Auschwitz. Ihre Freundin Ruth, deren Familie aus Berlin stammt, sieht sie nicht wieder. Ruth und ihre Eltern werden in Auschwitz ermordet. Sie hatten sich versprochen, sich später zu besuchen, in Berlin und in Kippenheim. „Liebe Ruth, ich bin hier in Berlin, um Dich zu besuchen!“, ruft Inge Auerbacher jetzt im Bundestag.

Die 87-Jährige weist auf eine Brosche in Form eines Schmetterlings, die sie zum Anlass ihrer Rede angelegt hat. „Er ist das Symbol für die 1,5 Millionen getöteten Kinder.“

1946 emigriert die Familie, Inge Auerbacher ist inzwischen elf Jahre alt und hat nur ein Jahr ihres Lebens eine Schule besucht, nach New York. Die USA erscheinen ihr damals wie „ein Zauberland“. Doch die qualvollen Jahre im Konzentrationslager haben ihre Gesundheit stark beeinträchtigt. Eine Tuberkulose in beiden Lungenflügeln wird festgestellt, und Inge Auerbacher muss mehrere Jahre im Krankenhaus behandelt werden. „Ich bat: Gott, lass mich nicht sterben. Ich will leben.“

Erst mit 15 Jahren besucht sie regelmäßig die Schule, studiert Chemie und arbeitet später 38 Jahre als promovierte Chemikerin.

„Soviel ich weiß, bin ich das einzige Kind, das aus den Deportationen aus Stuttgart zurückkehrte.“ Inge Auerbacher erzählt, dass sie aufgrund ihrer Krankheit nie heiratete und keine Kinder bekommen konnte. Sie sagt: „Ich werde nie Mama oder Oma werden, aber ich bin glücklich – und die Kinder der Welt sind meine.“  

Auerbacher sagt: „Die Vergangenheit darf nie vergessen werden. Menschenhass ist etwas Schreckliches.“ Als ihr Vortrag endet, erhebt sich der Bundestag und applaudiert lange. Der Präsident des israelischen Parlaments, Mickey Levy, ebenfalls Gastredner der Gedenkstunde, tritt zu ihr ans Rednerpult und umarmt sie lange und innig.

Ihm selbst versagt kurz darauf in seiner Ansprache die Stimme, als er aus dem Gebetbuch eines ermordeten jüdischen Jungen das jüdische Totengebet vorträgt. Unter Tränen presst er die Verse hervor, vergräbt sein Gesicht schließlich in seinen Händen.

Vor wenigen Tagen, so erzählt er zuvor, hat er die Villa am Wannsee besucht, wo vor 80 Jahren, am 20. Januar 1942, Funktionäre des NS-Staats den Massenmord an elf Millionen Juden in Europa planten. „Ich war sprachlos, als ich vor der Villa stand.“ Die vergangenen 80 Jahre und sieben Tage seien historisch „ein Nichts“, eine kurze Zeit. Levys Appell ist eindringlich: „Wir müssen in unseren jungen Frauen und Männern heute das Gute stärken.“

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