Osnabrück
„Der frühere Blick auf die Völkerkunde hat sich überlebt“
Die Benin-Bronzen gehören zu den berühmtesten Objekten, die afrikanischen Kulturen im Zuge des Kolonialismus geraubt wurden. Ihre Rückgabe soll helfen, eine neue Kultur der Zusammenarbeit zwischen Europa und Afrika zu begründen. Barbara Plankensteiner, Direktorin des Museums am Rothenbaum, Kulturen und Künste der Welt (MARKK) erläutert, wie dieser Prozess ablaufen soll.
Frage: Sie koordinieren gemeinsam mit Hermann Parzinger, dem Präsidenten der Stiftung Preußischer Kulturbesitz in Berlin, die Rückgabe von Benin-Bronzen aus deutschen Museen. Warum ist gerade die Rückgabe dieser Kunstwerke so wichtig?
Antwort: Ich möchte gern ergänzen, dass wir nicht die Rückgabe koordinieren, sondern Mitglied einer Kommission sind, der auch Andreas Görgen als Ministerialdirektor vom Kulturstaatsministerium angehört. Als Delegation führen wir die Gespräche in Vertretung der deutschen Museen zur Rückgabe der Benin-Bronzen. Diese Stücke sind auch deshalb so bekannt, weil sie einen klaren Fall von kolonialem Raubgut darstellen. Als sie nach der britischen Invasion 1897 in das damalige Königreich Benin nach Europa gelangten, waren sie sofort eine Sensation. Die Benin-Bronzen sind herausragende Werke und sie stehen für einen eindeutigen Fall von kolonialem Raub. Der Großteil dieser Werke befindet sich nicht in Nigeria, sondern ist in Sammlungen in aller Welt zerstreut.
Frage: Wie verläuft der Prozess, was sind die größten Probleme?
Antwort: Probleme sehe ich nicht. Die Gespräche und Planungen sind nur sehr weitreichend. In Deutschland haben sich fünf Länder koordiniert, die die Museen mit den größten Beständen von Objekten aus Benin beherbergen. Sie haben gemeinsam im April 2021 erklärt, dass sie die Objekte zurückgeben werden. Es geht um eine große Zahl von Objekten. Dokumentation und Planungen sind entsprechend aufwendig. Es muss auch in Nigeria, die die Werke aufnehmen sollen, noch politische Entscheidungen geben. Dort gibt es die zuständige Behörde beim Kulturministerium. Aber es gibt auch das Königshaus, das ein genuines Interesse an den Objekten hat. Dann gibt es den Bundesstaat, der dem Kern des ehemaligen Königreichs entspricht, und einen Trust, der Fundraising für einen geplanten Museumsbau betreibt.
Frage: Die Benin-Bronzen aus Ihrem Haus sollen ja offenbar schon in diesem Jahr zurückgegeben werden. Wie wird das konkret ablaufen?
Antwort: Wir sind noch in den Gesprächen. Kultursenator Carsten Brosda hat bei der Eröffnung der Ausstellung der Benin-Bronzen in unserem Haus eine Eigentumsübertragung aller in Hamburg befindlichen Stücke angekündigt. Es ist allerdings beiden Seiten, den Nigerianern und uns wichtig, das weiter Benin-Bronzen auch hier in Deutschland gezeigt werden können. In Hamburg steht der Beschluss der Bürgerschaft ebenso aus wie Detailgespräche mit unseren nigerianischen Partnern. In Nigeria wird als erster Schritt ein Depotgebäude errichtet, das die ersten Objekte aufnehmen soll. Alles wird sich in diesem Jahr entscheiden.
Frage: In einem Gespräch mit dem Deutschlandfunk hatte ich Sie so verstanden, dass nicht alle Benin-Bronzen zurückgegeben werden sollen. Ist das Ihre Position?
Antwort: Nein, das habe ich so nicht gesagt. Jetzt ist klar, dass das Eigentum der Objekte übertragen werden soll. Es soll möglich sein, dass auch weiter Werke aus Benin hier in Hamburg gezeigt werden, allerdings in der Form von Dauerleihgaben.
Frage: Sie arbeiten an dem Online-Projekt Digital Benin, das alle Bestände an Benin-Bronzen weltweit zusammenführen soll. Wie weit ist dieses Projekt gediehen?
Antwort: In diesem Projekt wollen wir alle Bestände, die nach 1897 in aller Welt zerstreut worden sind, auf einer digitalen Plattform zusammenfassen. So stehen die Objekte digital allen Interessenten zur Verfügung. Das bringt ihre Erforschung, vor allem die ihrer Provenienz entscheidend voran. In einem weiteren Schritt bringen wir historische Fotografien und andere Materialien mit hinein. Das Projekt ist auf zwei Jahre angelegt und hier in Hamburg angesiedelt. Wir haben aber auch Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in Nigeria, den USA, Frankreich und Österreich. Wir verstehen die Datenbank als ein neuartiges Digital Humanities Projekt. Es wird von der Ernst-von-Siemens-Kunststiftung gefördert.
Frage: Sie zeigen die 179 Benin-Bronzen aus eigenen Beständen gerade in Ihrem Haus. Was macht die Benin-Bronzen so einzigartig?
Antwort: Wir können jetzt sehen, was sich alles in unserer Benin-Sammlung befindet. Es geht nicht nur um Bronzen, sondern auch um Objekte aus Elfenbein, Eisen oder Holz. Nicht alle diese Objekte sind große Kunstwerke. Wir haben auch Alltagsgegenstände oder Zeremonialwaffen. Wir möchten diesen Bestand nach unserem heutigen Wissensstand neu deuten. Dazu gehört auch das Wissen unserer nigerianischen Partner. Die Ausstellung zeigt auch, wie die Objekte eigentlich nach Hamburg gekommen sind. Wir haben in unserer Sammlung Stücke, die weltweit einmalig sind.
Frage: Welche anderen Kulturgüter aus Afrika oder auch anderen Weltgegenden sollten Ihrer Meinung nach dringend zurückgegeben werden?
Antwort: Wir betreiben mehrere Projekte zur Erforschung von Herkünften unserer Objekte. Über Rückgaben entscheiden wir aber nicht allein. Das ist immer ein bilaterales Verfahren. Das geht nur mit intensiven Abstimmungen. Wenn wir herausfinden, dass wir Objekte besitzen, die klares Resultat von Raubzügen sind, dann wären das potenzielle Kandidaten für Rückgaben. Das würden wir aber nie allein entscheiden, sondern nur gemeinsam mit den Ansprechpartnern vor Ort. Bei den Benin-Bronzen ist das längst geklärt.
Frage: Mit der Rückgabe von Kulturgütern soll das Unrecht des Kolonialismus ein Stück weit wieder gut gemacht werden. Wie wird die Rückgabe das Verhältnis der Kulturen Europas und Afrikas verändern?
Antwort: Benedicte Savoy, die Beraterin des französischen Präsidenten Emmanuel Macron in diesen Fragen, spricht von einer neuen Ethik der Zusammenarbeit. Darum geht es. Es geht um ein anderes Verhältnis zwischen dem globalen Norden und dem globalen Süden und eine neue Form der Zusammenarbeit.
Frage: Das Berliner Humboldt Forum soll ein Ort für die Begegnung der Kulturen der Welt sein. Was erwarten Sie von dem Haus in den nächsten Jahren?
Antwort: Ich beschäftige mich eher mit meinen eigenen Aufgaben im Hamburger Museum am Rothenbaum. Die Museen spielen in der globalisierten Gesellschaft eine wichtige Rolle. Wir wollen, dass außereuropäische Kunst- und Kulturgeschichten mehr Beachtung finden. Die entsprechenden Bestände sollten transdisziplinär aufgearbeitet werden. Dabei geht es insbesondere darum, unser Wissen von diesen Objekten und unseren Blick auf sie zu erweitern. Der frühere Blick der Völkerkunde hat sich überlebt. Wir haben Objekte, die sehr unterschiedlich sind. Sie bedürfen unterschiedlicher Interpretationen. Früher wurden diese Objekte nur zur Beschreibung einer Kultur gesehen.
Frage: In diesem Zusammenhang wird oft von Aneignung gesprochen, gerade von einer falschen Aneignung fremder Kulturen. Spielt das für Sie auch eine Rolle?
Antwort: Aneignung ist ein wichtiges Thema. Wir bewegen uns in wissenschaftlichen Netzwerken, in denen sich Experten aus allen Kontinenten befinden und kommunizieren miteinander. In diesen Netzwerken wird ein Wissen ausgetauscht, das nicht mehr nur einseitig Weiß ist. Wir befinden uns nicht in einem Elfenbeinturm. Wir berufen uns auf Wissensstände, die viel breiter angelegt sind. Dabei arbeiten wir nicht nur mit Forschern, sondern auch mit Praktikern zusammen und berücksichtigen Erinnerungskulturen. Deshalb ist Zusammenarbeit für uns so wichtig.