Gesellschaft
Auf Tour mit der Emder Müllabfuhr
Im Emder Stadtteil Barenburg gibt es Ärger um den Abfall – mal wieder. Wir haben drei Mitarbeiter der Müllabfuhr auf einer Tour begleitet und gefragt, was ihnen den Arbeitsalltag erleichtern würde.
Emden - Geht es ums Thema Müll in Emden, gibt es gute Seiten und schlechte Seiten in der Stadt. Michael Golobow kennt so gut wie alle. Fragt man den 39-Jährigen, in welchen Ecken es am dreckigsten und unangenehmsten für ihn und seine Kollegen von der städtischen Müllabfuhr ist, muss er nicht lange überlegen: „Barenburg“, sagt er, und erzählt von Stellen mit wilden Müllkippen, aufgerissenen gelben Säcken und Ratten, die in weggeworfenen Essensresten Nahrung finden.
Was und warum
Darum geht es: Manche Ecken in Emden stellen die Müllabfuhr vor ganz besondere Herausforderungen.
Vor allem interessant für: Leute, die eine bessere Vorstellung davon haben möchten, wie der Alltag bei der Müllabfuhr aussieht, und alle, die sich über vermüllte und verdreckte Plätze aufregen
Deshalb berichten wir: In Barenburg wird zum 1. Februar wegen anhaltender Probleme für Hunderte Mieter die eigene Mülltonne abgeschafft und durch Sammelstellen ersetzt. Einige Mieter wehren sich. Nachdem sie und die verantwortliche Hausverwaltung zu Wort gekommen waren, wollten wir jetzt mit denen sprechen, die den Müll wegräumen: Mitarbeiter des Müllentsorgungsbetriebs BEE Den Autor erreichen Sie unter: g.paeschel@zgo.de
Wir treffen Golobow, Marco Rüst und Harri van der Werf an einem Mittwochmorgen, um sie auf einer ihrer Touren zu begleiten. Bei Temperaturen von zwei Grad und trübem Januarwetter sind sie seit 7 Uhr auf den Beinen. Treffpunkt ist die Leuschner-Siedlung in Borssum. Die drei bilden zusammen eine eingespielte Mannschaft. Michael Golobow steuert das schwere Fahrzeug durch die Straßen von Emden. Rüst und van der Werf laufen hinter dem Wagen zu den Grundstücken und Gebäuden, um die Tonnen ranzuholen. Heute sind die Stadtteile Borssum und Friesland dran.
Vom Trittbrett gerissen
Die Arbeit kann schnell und unkompliziert erledigt sein. Oder es gibt Ärger. Er kenne Kollegen, die seien von wütenden Anliegern vom Trittbrett runtergerissen worden, berichtet Golobow. Ihm selbst sei das aber noch nicht passiert. Die Männer erzählen von immer wiederkehrenden Diskussionen mit Anliegern, die ihren Abfall nicht richtig trennen oder entsorgen und sich dann aufregen, dass der Müll nicht mitgenommen wird.
Die städtische Müllabfuhr muss solche Säcke oder Berge mit Sperrgut stehenlassen. Darum kümmern sich später Privatfirmen – im Auftrag der Hauseigentümer beziehungsweise der von ihnen eingesetzten Verwaltungsgesellschaften. Bezahlt wird es von den Mietern, über die Nebenkostenabrechnung. In Mehrparteienhäusern wird die Rechnung pauschal auf alle Mieter umgelegt. Große Wohnungsgesellschaften teilen die Kosten auf ganze Straßenzüge oder Viertel auf.
Wundertüte gelber Sack
Die drei Mitarbeiter des Bau- und Entsorgungsbetriebes der Stadt Emden (BEE) stehen an einem Parkplatz in der Leuschner-Siedlung. Gleich beginnt die erste von zwei Fahrten entlang der gleichen Strecke. Auf der ersten Runde werden die grau-schwarzen Tonnen mit Restmüll abgefahren. Der Inhalt verschwindet im Fahrzeug und wird zur zentralen Müllumladestation an der Eichstraße gebracht. Auf der zweiten Runde holen sie die gelben Säcke ab. Pro Tour und Tag kommen für ihn etwa 20.000 Schritte zusammen, sagt Rüst. Der 43-Jährige misst sein Pensum mit einer App.
Den größten Ärger haben sie mit den gelben Säcken. Eigentlich darf darin nur Verpackungsmüll weggeworfen werden. „Der ist nicht schwer“, so Rüst. Tatsächlich passiere es ihm oft, dass die dünnen Säcke aufreißen, wenn er sie anhebt, weil sie vollgepackt seien mit schweren Dingen, die dort nicht rein gehörten: Windeln, Spritzen, Flaschen, Essen. Es ekelt ihn selbst: „Man greift rein und weiß nicht, was einen erwartet“, sagt Rüst.
Ein Festplatz für Ratten
An einigen Orten ballen sich diese Vorfälle, berichten die drei. Einige Ecken in Barenburg seien besonders schlimm, sagen die Männer. Harri van der Werf nennt Plätze, da scheuche er vor allem im Sommer jedes Mal Ungeziefer auf, wenn er die Säcke mitnehmen wolle. „Du hebst den ersten Sack hoch und dir laufen die Ratten entgegen“, sagt er.
Neu ist das nicht. Beschwerden und Berichte darüber gibt es seit vielen Jahren immer wieder. Auf Drängen der bundesweit aktiven Gesellschaft ZBVV, die in Emden die Mietwohnungen ganzer Straßenzüge verwaltet, wird in Barenburg die Müllabfuhr umgestellt. Zum 1. Februar werden dort von allen fast 500 ZBVV-Mietern die Tonnen einkassiert und gegen große Gemeinschaftscontainer ausgetauscht. Künftig sollen die Container an zentralen Stellen stehen und geleert werden.
In Emden wird der Müll gewogen
Bislang und fast im gesamten restlichen Stadtgebiet hat jeder Mieter seine eigene Tonne. Sie wird an den Müllfahrzeugen des BEE anhand eines Mikrochips erfasst und der Inhalt vor dem Entleeren gewogen. Dank dieser Methode kann jeder Haushalt individuell zur Kasse gebeten werden. Neben einem Grundpreis entscheidet die Menge des weggeworfenen Mülls über die Höhe der Rechnung. Die Maßeinheit des Emder Abfallwiegesystems ist Kilogramm.
Einige Mieter begehren gegen die von ZBVV, Stadt und BEE gemeinsam geplante Umstellung auf. Sie beschweren sich darüber, nicht ausreichend informiert worden zu sein – weder über mögliche Kostenänderungen noch darüber, wo der Müll künftig abgeholt wird. Durch den Wechsel in der kommenden Woche sehen sie sich in mehrfacher Hinsicht benachteiligt. Für den 96-jährigen Heinz Mammen und seine Hausgemeinschaft etwa wird der Weg zur Sammelstelle mit den Containern deutlich weiter. Außerdem hat er bereits unangenehme Erfahrungen mit solchen Sammelplätzen gemacht. Sie waren im Nu zugemüllt, wie Zeitungsberichte aus der Zeit belegen.
„Wir ärgern uns jeden Tag, ungelogen!“
Ärger mit solchen wilden Müllkippen gibt es regelmäßig auch in der Gegenwart – nicht nur in Barenburg –, wissen Golobow und seine Kollegen. Autoreifen, Sperrmüll, alte Farben. „Es interessiert die Leute einfach nicht. Die sehen einfach, dass es irgendwann abgeholt wird. Die machen sich keine Gedanken, dass es über die Nebenkosten wieder zu ihnen kommt“, sagt Michael Golobow, der mittlerweile am Steuer sitzt und in eine Einfamilienhaus-Siedlung in Borssum einbiegt. Manchmal versuchen er und seine Kollegen sich vor Ort in Aufklärung. „Wir ärgern uns jeden Tag, ungelogen!“, sagt Golobow, der seit fast sechs Jahren beim BEE arbeitet. Müll ist ein Reizthema.
Aus seiner Sicht sind die in Barenburg angedachten Großcontainer und Sammelplätze „die sauberste Lösung“. Zum einen ließen sich Container zuschieben, damit Vögel und andere Tiere nicht an den Müll kommen. Zum anderen zeige ein Beispiel aus der Leuschner-Siedlung in Borssum, wo es früher ähnlich große Probleme gegeben hatte, dass ein zentraler Platz potenziell viele kleinere wilde Müllkippen ersetzen kann. „Entscheidend ist, dass sich jemand um den Platz kümmert“, so Golobow.
Pizzabrot und Coffee-to-go
Entlang ihrer heutigen Tour klappt es wie am Schnürchen. Abgesehen vom Wetter scheint es einer der besseren Tage für die drei BEE-Mitarbeiter zu sein. Im Fahrerhaus liegt eingeklemmt zwischen Fenster und Armaturenbrett eine Plastiktüte mit flachen Pizzabroten. Der Inhaber eines Ecklädchens hat sie ihnen mit einem Lächeln geschenkt. Im Sommer, sagt Golobow am Steuer, während auf einem Monitor seine beiden Kollegen hinter dem Fahrzeug zu sehen sind, bringt ihnen der gleiche Mann ab und zu kalte Getränke.
Solche Gesten machen den Müllwerkern das Arbeiten leichter. Bei allem Ärger, den die drei ausbaden müssen, weil sie die Probleme in ihrer Position weder wirklich lösen noch vermeiden können, gibt es immer wieder auch schöne Momente. Marco Rüst, der im Laufschritt hinter dem großen Müllfahrzeug herläuft und die zum Teil dutzende Kilo schweren Tonnen über die Straße rollt, erzählt lachend von einer Kindergruppe in Petkum. Die habe sie bei der Arbeit schon lautstark und winkend angefeuert.
Harri van der Werf muss bei dem Gedanken daran ebenfalls grinsen. Und erzählt: „Gestern hat am Thiele-Tee-Bunker ein Auto neben uns angehalten.“ Der Fahrer, ein ihnen unbekannter Mann, habe die Scheibe runtergelassen, ihnen eine Hand durch den Nieselregen entgegengestreckt und Kaffee zum Mitnehmen geschenkt. So sehr ihn manche Problemzone in Emden auch nervt: Er ist offenbar gerne bei der Müllabfuhr. Vorher habe er 18 Jahre lang bei Enercon in der Rotorenfertigung gearbeitet. Da gab es keinen Kaffee von Fremden und hat nie ein Kind strahlend gelacht, wenn er einfach nur seine Arbeit gemacht hat.