Seefahrt

„Es gibt fast keine Neugründungen mehr“

Ole Cordsen
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Von Ole Cordsen
| 29.01.2022 15:03 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 8 Minuten
Von Anfang 2015 bis Ende 2021 war Alfred Hartmann Präsident des Verbands deutscher Reeder. Foto: Hartmann AG/Archiv
Von Anfang 2015 bis Ende 2021 war Alfred Hartmann Präsident des Verbands deutscher Reeder. Foto: Hartmann AG/Archiv
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Sieben Jahre lang war Alfred Hartmann (Leer) Reederpräsident. Nun hat er das Amt abgegeben, spricht über den langen Weg aus der Krise der Branche und darüber, was sich in Ostfriesland getan hat.

Frage: Herr Hartmann, Sie haben zum Jahresende nach sieben Jahren Ihr Amt als Präsident des Verbands deutscher Reeder niedergelegt. Wie stark hat sich die Branche in den sieben Jahren verändert?

Alfred Hartmann: Als ich das Amt übernommen habe, lag die Branche am Boden. Viele konnten ihre Kredite nicht mehr tilgen, weil etwa die Charterraten in den Keller gestürzt waren. Die wirtschaftliche Not war groß, wir verloren jeden Monat Schiffe. Über zehn Jahre ist die Zahl der Schiffe deutscher Eigner von etwa 3500 auf nur noch etwa 2000 gesunken. Das war ein großer Aderlass. Viele Reedereien sind seitdem geschrumpft oder verschwunden – in Leer etwa die Reederei Buss. Viele Banken bekamen Probleme und haben sich zurückgezogen, Anleger verloren. Erst im vergangenen Jahr ist es nach zehn Jahren wieder aufwärtsgegangen. Es war eine spannende Zeit, in der wir bei allen Schwierigkeiten auch viel bewegt haben, wettbewerbsfähiger geworden sind.

Zur Person

Alfred Hartmann (Jahrgang 1947) ist gelernter Schiffsmakler und Reedereikaufmann sowie studierter Kapitän auf großer Fahrt.

1981 machte er sich selbständig und gründete in Leer die Hartmann Reederei. 1988 gründete Hartmann eine weitere Reederei (Intership Navigation) in Limassol auf Zypern (Schwerpunkt: Transport von Massengut) sowie 1995 eine dritte Reederei (Feederlines) in Groningen (Niederlande). 2001 schuf er mit der Hartmann AG eine neue Dachgesellschaft für die Hartmann-Gruppe, war bis Juni 2008 ihr Vorstandsvorsitzender und ist seitdem Aufsichtsratsvorsitzender.

Von 1998 bis Ende 2021 war er Mitglied im Verwaltungsrat des VdR (Verband Deutscher Reeder, Hamburg). Seit 2013 war er Mitglied im Präsidium. Von Anfang 2015 bis Ende 2021 war er Präsident des VdR. Außerdem ist er Beiratsmitglied der Nord/LB und Ehren-Senator der Hochschule Emden/Leer.

Frage: Auch die deutsche Flagge?

Hartmann: Die leider nicht, auch wenn dies ein klares Ziel war. Verglichen mit anderen Ländern gerade in Europa, etwa Malta, Zypern oder auch Portugal, hinkt Deutschland in der Digitalisierung klar hinterher. Man muss vieles noch schriftlich erledigen, muss sich an mehrere Behörden wenden. In Portugal geht alles digital – und auch am Wochenende. Man schickt die Unterlagen digital, sei es auch um 18 Uhr abends. Wenige Stunden später hat man die notwendigen Dokumente und Zertifikate. Da ist hierzulande noch viel Luft nach oben. Immerhin ist es uns aber gelungen, den Exodus der deutschen Flagge zu stoppen und mehr Schiffe unter europäische Flaggen zu bekommen. Da ist der Anteil von vorher 30 Prozent auf immerhin die Hälfte gestiegen.

So kennt man ihn: Alfred Hartmann (links) fachsimpelt mit Schiebermütze auf dem Kopf mit Kommer Damen, Senior-Chef der Damen-Werften aus den Niederlanden. Foto: Cordsen/Archiv
So kennt man ihn: Alfred Hartmann (links) fachsimpelt mit Schiebermütze auf dem Kopf mit Kommer Damen, Senior-Chef der Damen-Werften aus den Niederlanden. Foto: Cordsen/Archiv

Frage: Und wie steht’s um die Reedereien in Ostfriesland?

Hartmann: Es sind einige Reedereien verschwunden, Buss als große, aber auch kleinere haben aufgegeben. Sie sind nicht unbedingt Konkurs gegangen, hatten aber nicht mehr die Kraft, weil die Mittel fehlten. Aber das hat sich durch die Marktverbesserung geändert. Ich wage die Aussage: Die, die jetzt noch existieren, wird es – so lange die Eigner wollen – auch in Zukunft geben, selbst wenn teilweise noch finanzielle Schwierigkeiten bestehen. Sorgen bereitet mir etwas anderes.

Frage: Was denn?

Hartmann: Es gibt fast keine Neugründungen mehr. Nicht in Leer, nicht in Haren, nicht in Emden. In den vergangenen Jahrzehnten haben immer wieder Kapitäne aus der Region den Schritt gemacht und eine eigene Reederei gegründet. Das ist momentan komplett zum Erliegen gekommen. Der Einstieg war zuletzt so schwierig, dass kaum jemand da rangegangen ist. Ich hoffe, dass künftig wieder mehr Neue anfangen.

Frage: Angesichts der schweren Krise der vorigen Jahre mag die Zurückhaltung Gründe haben. Gab es die auch beim Nachwuchs? Wie attraktiv ist die Seefahrt aktuell für junge Leute?

Hartmann: Momentan haben wir nicht so viele Bewerber, wie wir gern hätten. Die Krise, die wirtschaftlichen Schwierigkeiten der Reedereien, der Stellenabbau in der Branche in Deutschland: Das hat den Anreiz verringert, anzufangen. Es ist leider auch so, dass während der Krise aus der Not heraus weniger ausgebildet wurde. Die Unternehmen hatten in ihrem Überlebenskampf zu wenig Geld und Zeit, sich dem zu widmen. Da ist die Ausbildung nach hinten gerückt. Das hat sich gebessert. Ich bleibe dabei, dass die Seefahrt eine der spannendsten und weltoffensten Industrien überhaupt ist.

Frage: Nun hat auch Corona Auswirkungen auf Arbeit und Leben auf See gehabt. Über Monate war zu hören, wie Crews an Bord bleiben mussten, weil sie nicht abgelöst werden konnten...

Hartmann: Crew-Wechsel sind nach wie vor ein Riesenproblem. Eigentlich werden unsere Leute auf See, gerade die deutschen, nach vier bis sechs Monaten abgelöst. Wir hatten in einem Fall jetzt aber einen Mitarbeiter an Bord, wo es 16 Monate lang nicht gelungen ist ihn abzulösen – und viele weitere Fälle, wo die Leute 12 bis 14 Monate auf dem Schiff bleiben mussten, weil wir die Crew pandemiebedingt nicht ablösen konnten. Die Leute kamen nicht ins Land, in dem das Schiff gerade lag, oder durften nicht an Bord. Gerade in China, aber auch in Korea, in Australien und anderen Staaten kriegt man die Leute weiterhin kaum an und von Bord. Solch lange Spannen auf dem Schiff können für die Seeleute belastend werden, aber natürlich auch für die Familien zu Hause – und zudem für diejenigen, die eigentlich arbeiten und an Bord wollen, aber stattdessen zu Hause sitzen und nicht können. Ich sehe menschliche Tragödien. Es hat Leute gegeben, die gesagt haben: Wenn ich gar nicht mehr planen kann, wann ich nach Hause kann, ziehe ich mich aus der Seefahrt zurück. So etwas ist immer schade, aber für die Umstände können wir ja leider nichts.

Frage: Nun sind gerade in der Corona-Zeit die Frachtraten, die lange Zeit im Keller waren, wieder deutlich gestiegen. Wie kommt das eigentlich?

Hartmann: Zu Beginn der Krise waren zu viele Schiffe am Markt. Dann sind immer weniger Schiffe gebaut und ganz viele abgewrackt worden, obwohl noch sie einige Jahre hätten fahren können – weil der Schrottwert des Stahls höher war als der Marktwert. In der Corona-Zeit haben viele Leute plötzlich viel mehr gekauft und bestellt. Vieles davon wird in Asien produziert, die Schiffe waren bis obenhin voll, mehr konnten sie nicht mitnehmen. Weil zudem in den Häfen teilweise nur reduziert gearbeitet werden konnte, sind die Frachtraten enorm gestiegen.

Frage: Aktuell sind sogar diverse Lieferketten zerrissen.

Hartmann: Das hängt auch damit zusammen. In vielen Häfen gab es zuletzt nicht genügend Liegeplätze, da lagen Frachter vor der Küste auf Reede. Und die Havarie der „Ever Given“ im Suezkanal hat uns allen noch einmal gezeigt, wie viel auch von der Schifffahrt abhängt. Der Kanal war eine Woche lang blockiert, aber hunderte Schiffe mussten warten. Als sie wieder freigezogen war, war es wie mit einer geschüttelten Sektflasche, aus der der Korken knallt: Da kam eine richtige Druckwelle an Schiffen aus dem Kanal, das hat die Häfen ebenfalls überfordert. Das wird sich auf Sicht regulieren. Aber es zeigt, wie wichtig wir als Schifffahrt sind und aus Reedersicht können wir gerade nach der Krise nur froh sein, dass es so ist. Die Frachtraten in der Containerschifffahrt sorgen nach und nach auch in anderen Segmenten dafür, dass es wieder aufwärts geht. Viele Unternehmen können ihre Schulden wieder tilgen. Dass alles schon wieder gut wäre, sollte man aber nicht glauben.

Frage: Was heißt das für die hiesigen Reedereien?

Hartmann: Gerade in Ostfriesland – wir haben allein in Leer rund 500 Beschäftigte an Land in den Reedereien und weit mehr als 5000 Seeleute – gibt es wirklich spannende Voraussetzungen. Wir haben die Seefahrtschule direkt vor Ort, die hervorragende Arbeit leistet. Wir haben das Maritime Kompetenzzentrum als tolles Bindeglied zwischen Unternehmen und Forschung, wo Zukunftsthemen bearbeitet werden. Wir haben Nautitec als Unternehmen, das am internationalen Bau von Häfen beteiligt ist. Hier gibt es schon Aktivitäten mit Weltbedeutung. Nur spielt sich das Geschäft nicht vor der Haustür ab, sondern rund um den Globus, so dass man es hier nicht unbedingt sieht. Immer wieder werden von Leer aus Innovationen getrieben, gerade wenn es um neue Treibstoffe, um grünere Schifffahrt geht. Wir selbst haben aus Australien den Auftrag für den Transport von Gas zu umliegenden Inseln bekommen und dafür mit Partnern ein ganz neues Schiffsdesign entwickelt, das deutlich effizienter ist und den Schadstoffausstoß deutlich senkt.

Frage: Kann dies auch eine Chance für die deutschen Werften sein?

Hartmann: Im Spezialschiffbau sicherlich. In der Frachtschifffahrt gibt es inzwischen aber schon ein Kostenproblem. Wir versuchen in Deutschland durch Innovationen und neue Technologien zu punkten, aber bei aller Qualität sind hiesige Werften einfach viel teurer und dadurch nicht konkurrenzfähig. Niemand zahlt eine höhere Frachtrate, nur weil das Schiff in Deutschland gebaut wurde. Das macht mir schon Sorgen. Ich weiß nicht, wie man das umdrehen kann, denn es geht auch viel Know-how verloren.

Frage: Sie selbst lassen ihre neuesten Gastanker ja auch in China fertigen.

Hartmann: Wir als Reedereien und als Verband haben immer wieder versucht, deutsche Werften anzusprechen. Aber die Preisdifferenz ist so groß, die lässt sich auch durch Subventionen nicht überbrücken.

Frage: Apropos Verband: Warum haben Sie eigentlich Ihr Amt an Dr. Gaby Bornheim aus Hamburg abgegeben?

Hartmann: Ich habe mich nicht wieder zur Wahl gestellt, nachdem ich es 2015 außer der Reihe übernommen habe und zwei Mal für drei Jahre bestätigt wurde. Ich habe die Altersgrenze erreicht, und mit 75 Jahren – so gern ich das gemacht habe und so viel Lust auf neue Ideen ich weiter habe – muss man nicht mehr an vorderster Front kämpfen.

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