Serie: Wiesmoorer Köpfe

Der Kreis schließt sich im Heimatort

Werner Wiggermann
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Von Werner Wiggermann
| 30.01.2022 10:01 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Polizei-Oberkommissar Uwe Schwarz mag seinen Beruf, auch nach 41 Jahren in Uniform noch. Foto: Homes
Polizei-Oberkommissar Uwe Schwarz mag seinen Beruf, auch nach 41 Jahren in Uniform noch. Foto: Homes
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Durch seinen Dienst bei der Polizei ist Uwe Schwarz viel herumgekommen. Inzwischen arbeitet er wieder dort, wo er aufgewachsen ist. Aber die Jahre außerhalb Ostfrieslands haben ihn geprägt.

Wiesmoor - „Dein Freund und Helfer“, das gute alte Leitbild der Polizei hat Risse bekommen. „Manchmal hat man den Eindruck, dass wir von vielen Menschen inzwischen wirklich als Feind gesehen werden“, sagt Polizei-Oberkommissar Uwe Schwarz. Trotzdem fühlt es sich für ihn immer noch gut an, dabei zu sein, auf der richtigen Seite zu stehen. „Ich hab’s nicht bereut“, ist sein Fazit. Nach 41 Jahren in Uniform. Vier Jahre sollen noch dazu kommen.

Vier weitere Jahre im Wunschberuf und dazu noch im schönen Wiesmoor. In seiner Heimatstadt ist Uwe Schwarz wieder angekommen. Nach der Ausbildung in Münster, zweieinhalb aufregenden Jahren in Köln, einer kürzeren Station in Westerstede und dann 15 Jahren Streifendienst in Aurich. Alle Stationen hatten ihren Sinn im Berufsleben des 58-Jährigen – besonders gelte das für die zweieinhalb Jahre in der Millionenstadt am Rhein. „Köln ist toll“, sagt er. Schön, aber anstrengend: Ein Einsatz nach dem anderen, vor allem jüngeren Beamten werde das in Nordrhein-Westfalen zugemutet. „Da habe ich viel gelernt, resümiert er. Auch das Betriebsklima stimmte. Und doch zog es ihn zurück: „Ich bin eben Ostfriese“.

Köln zeigt den gesellschaftlichen Wandel

Dem Ostfriesen helfen besonders seine Kölner Jahre, den gesellschaftlichen Wandel einzuschätzen und zu beschreiben. In den beiden Problem behafteten Stadtteilen Kalk und Deutz hat er gearbeitet. Das war aufregend genug, aber längst nicht so gefährlich wie heute. „Wir konnten noch mit einem einzigen Auto zum Einsatzort fahren – „das können die Kollegen heute gar nicht mehr riskieren“, weiß Schwarz.

Etwas ruhiger ist der Alltag in Ostfriesland da schon. Ungefährlich allerdings nicht. Uwe Schwarz erinnert sich an eine scheinbar unspektakuläre Situation auf der Dienststelle: Ein Mann wollte einen Fahrraddiebstahl anzeigen und drehte plötzlich durch, zog ohne jeden erkennbaren Anlass eine Schusswaffe und hielt sie dem Polizeibeamten an den Kopf. Durch eine schnelle Reaktion konnte Uwe Schwarz sich aus der unmittelbaren Bedrohung befreien und den Mann zusammen mit seinen Kollegen überwältigen. „Es stellte sich heraus, dass es sich um eine Schreckschusspistole gehandelt hatte – trotzdem wäre ein aufgesetzter Schuss durch den Luftdruck wohl tödlich gewesen.“

Dramatische Szenen

Tief ins Gedächtnis eingeprägt hat sich bei Uwe Schwarz auch ein Einsatz in Großefehn: Gegen Mitternacht geht bei der Polizei Wiesmoor ein Hilferuf ein. Eine Frau hat sich per Internet verabredet, der Fremde ist in ihrer Wohnung und will schnell mehr. Sie will das nicht und bittet ihn zu gehen. Er beharrt, sie ruft die Polizei – und ihren Ex, der noch schneller ist als die Polizei. Die beiden Männer prügeln sich. Als die Polizei eintrifft, sucht die Internet-Bekanntschaft das Weite. Allerdings nur, um wenig später mit einem Messer wieder aufzutauchen. Bevor er von den Beamten überwältigt werden kann, fügt er seinem Rivalen eine lebensgefährliche Stichwunde zu.

Zwei Beispiele dafür, wie aus eher banalen Situationen tödlicher Ernst werden kann. Die Erinnerung daran wiegt schwerer als die paar kleinen Verletzungen, die Uwe Schwarz in seinen 41 Dienstjahren selbst davongetragen hat. Abgebrüht wird man niemals. „Am schlimmsten ist es, wenn Kinder betroffen sind“, sagt er. Wenn man zu einem Einsatz in eine total vermüllte Wohnung gerufen wird, in der das Grauen des Alltags in lauten Streit übergegangen ist. Eine Atmosphäre von Unordnung und Gewalt, in der Kinder leben müssen – und von der das Jugendamt erst erfährt, wenn ein Polizeieinsatz stattgefunden hat. „Das vergisst man nicht, wenn man es gesehen hat; gesehen und gerochen“, betont Uwe Schwarz, selbst Vater und Großvater, der solche Eindrücke auch nicht nach dem Dienst mit der Uniform ablegen kann.

Manche fanden ihren Weg

Umso schöner ist es, wenn er Menschen wieder begegnet, die als Kinder Schlimmes durchleben mussten, vielleicht als „schwer erziehbar“ galten und dann doch ihren Weg fanden. Uwe Schwarz denkt dabei an einen jungen Mann, den viele schon beinahe abgeschrieben hatten. Schwarz traf ihn wieder, als er sich als Trockenbauer erfolgreich selbstständig gemacht hatte.

„Es ist toll zu sehen, was aus einem Leben doch noch werden kann“, betont Schwarz. Ein Lichtblick, der auch zur Gesamtbilanz seines Berufslebens gehört. Ob er heute noch jungen Menschen empfehlen kann, zur Polizei zu gehen? „Darüber müsste ich tatsächlich eine Zeitlang nachdenken“, bekennt er. Leichter ist es nicht geworden in den letzten Jahren. Vielen ist der Respekt abhanden gekommen – wie übrigens auch gegenüber anderen Helfern und Rettern. Die Personaldecke ist eng; wie in den Pflegeberufen ist lange zu wenig Personal eingestellt worden. Und doch: „Das ist ein schöner Beruf“, urteilt Uwe Schwarz. Mal abgesehen von den Einsätzen, die ihn am gesunden Menschenverstand der Verursacher zweifeln ließen. „Wo ist denn Ihre Toleranzgrenze, Herr Schwarz?“ „Da war zum Beispiel eine Party mit 40 Leuten auf engem Raum, die wir auflösen mussten. Und wenn man denen erklärt, warum sie jetzt nach Hause gehen sollen, dann muss man sich noch was anhören!“

Und sowas passiert in Wiesmoor? Wie überall im Lande eben. Und die meisten reagierten doch eher verständnisvoll, findet Schwarz. Na klar, er ist selbst Wiesmoorer und weiß, was er an seiner Heimat hat. An seiner Plattdeutschen Theatergruppe, an der guten Gemeinschaft in der Polizeistation, am Ottermeer als diensthabender Großvater und überhaupt. Wäre es denn vorstellbar, dass es die Station in Wiesmoor eines Tages nicht mehr gibt? Uwe Schwarz kann sich das nicht vorstellen. Die Präsenz der Polizei, ihre Bürgernähe, das sei einfach wichtig für die Wiesmoorer. „Viele kommen mit einem ganz kleinen Anliegen vorbei“, erzählt er. Kontaktpflege ist wichtig auf beiden Seiten. Und der Respekt lebt auch von der Nähe.

In der nächsten Folge stellen sich Ute Rittmeier und Gertrud Aden aus dem Büro des Bürgermeisters vor.

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