Sprache
Was die Ostfriesen noch nicht von ihrer Sprache wussten
Das Plattdüütskbüro bei der Ostfriesischen Landschaft feiert in diesem Jahr sein 30-jähriges Bestehen. Wir nahmen das zum Anlass für einen aktuellen Blick auf die Muttersprache der Ostfriesen.
Aurich - Sie sind gewissermaßen die Hüterinnen der plattdeutschen Sprache in Ostfriesland: Grietje Kammler, Ilse Gerdes, Elke Brückmann und Anita Willers. Im Plattdüütskbüro bei der Ostfriesischen Landschaft kümmern sie sich um alle Belange rund um die Verbreitung und korrekte Nutzung der Muttersprache der Ostfriesen. Wir fragten nach, wie sich der Erfolg zeigt.
Was und warum
Darum geht es: Das Plattdüütskbüro arbeitet unablässig daran, die Sprache der Ostfriesen als Weltsprache zu etablieren.
Vor allem interessant für: Traditionsbewusste Ostfriesen und sprachlich interessierte Zugezogene
Deshalb berichten wir: Zum 30-jährigen Bestehen des Plattdüütskbüros wollten wir mehr über dessen Arbeit und Erfolge wissen. Den Autor erreichen Sie unter: j.schoenig@zgo.de
Wie kriegt man neue Wörter ins Plattdeutsche?
Wenn die Übersetzungskünste des Plattdüütskbüros angefragt werden, werden vor allem Texte mit vielen Fachbegriffen zur harten Nuss. Ilse Gerdes erinnert sich noch an die Übersetzung der Ausstellungstexte im EEZ. Das Wort „nachhaltig“ verfolge sie seither immer wieder. „Das gibt es bislang einfach nicht im Plattdeutschen“, sagt Gerdes. In solchen Fällen gibt es verschiedene Arten der Annäherung. Die Ostfriesen haben sich dabei den Ruf erworben, wahre Meister der bildlichen Annäherung zu sein. Elke Brückmann findet das nicht immer gut. „Plattdeutsch muss nicht immer niedlich und lustig sein“, sagt sie. „Schließlich geht es oft genug auch um ernste Dinge. Im Zweifel muss man ein Wort vielleicht auch einfach mal so stehen lassen.“ So gibt es im Online-Wörterbuch der Ostfriesischen Landschaft zwar die Worte „Spegelplaat“ und „Sülverschiev“. „Aber die benutzt kaum ein Ostfriese“, so Ilse Gerdes. „Das ist halt eine CD.“ Für das Quälgeist-Wort „nachhaltig“ griff Gerdes schließlich zum letzten Mittel, einem niederländischen Wörterbuch. Dort fand sie ein Wort, dessen ostfriesische Abwandlung jetzt als „Düürsamheid“ den Weg ins Online-Wörterbuch fand.
Passt Plattdeutsch denn überhaupt noch in die digitale Welt?
Dafür, dass es passt, ist Elke Brückmann zuständig. Sie ist die Frau fürs Digitale im Plattdüütskbüro. Das Online-Lernspiel „Spööl di platt“ und die Sprachlern-App „Plattino“ gehören beispielsweise zu ihren Projekten. Die App, die als erste das systematische Lernen auf Sprachniveau A1 ermöglicht, erschien im vergangenen Jahr und wurde bereits 30.000-mal heruntergeladen. Mittlerweile arbeitet Brückmann an der Fortsetzung von „Plattino“, mit der man auf Niveau A2 gelangt. „Dazu muss ich jetzt neue, komplexere Geschichten schreiben, die zugleich bereits Gelerntes aus der ersten Version wieder aufgreifen und auffrischen“, erklärt sie.
Kann der Computer auch platt? Etwa Windows, Word oder ein Browser?
Fehlanzeige. Weder Windows und seine Office-Anwendungen noch die gängigen Internetbrowser wie Firefox oder Edge haben Plattdeutsch als Spracheinstellung im Angebot. Für ein Programm wie Word stellt sich Elke Brückmann das auch extrem aufwändig vor. „Man müsste zum Beispiel der Rechtschreibprüfung ja nicht nur die korrekten Schreibweisen beibringen, sondern auch alle denkbaren Fehler im Zusammenhang damit“, erklärt sie. Auch auf Facebook gibt es keine plattdeutsche Oberfläche. Immerhin gibt es eine plattdeutsche Wikipedia, die mit rund 82.000 Artikeln deutlich umfangreicher ist als die bayrische und die alemannische Version, aber natürlich kein Vergleich zur hochdeutschen (2,5 Millionen Artikel). Den Versuch einer plattdeutschen Software gab es aber schon einmal. Ein Software-Hersteller aus Oldenburg gab Anfang des Jahrtausends eine plattdeutsche Oberfläche für sein DVD-Brennprogramm heraus. „Da haben wir alle Dialogfenster und Schriftleisten übersetzt“, erinnert sich Gerdes. „Das hat viel Spaß gemacht.“
Kann Alexa platt?
Das wollte Elke Brückmann natürlich auch schon einmal wissen und fragte die virtuelle Helferin von Amazon. Die Antwort: „Bietje! Legg de Angel nich ut de Hand, wenn ok kien Fisk nich anbeten hett.“ Auf Hochdeutsch: Leg die Angel nicht aus der Hand, auch wenn kein Fisch angebissen hat. „Das klingt allerdings mehr nach Hamburger Platt“, sagt Brückmann. Alexas Nebenbuhlerin im Google Assistant antwortet auf die gleiche Frage etwas kryptisch: „Ik kunn geern plattdüütsch snacken. Aber selbst wenn ich’s könnte, so richtig gut würde es sich wahrscheinlich nicht anhören.“
Und wann wird Plattdeutsch dann nun Weltsprache?
„Das wird noch eine Weile dauern“, sagt Brückmann ebenso schmunzelnd wie zuversichtlich. „Aber das schaffen wir noch.“
Zehn schöne Wörter auf Platt
Aantjeflott - Wasserlinse, Entenflott Bliedskupp - Freude, Glück Duutje - Kuss Fielapper - Schmetterling Flietjepiepen - Pustekuchen! Kipp-Kapp-Kögel - Laterne, Windlicht Leevde - Liebe leiwamsen - faulenzen Miegamel - Ameise Pläseer - Vergnügen
Zehn fiese Wörter auf Platt
lelk - böse mall - verrückt obsternaatsk - aufsässig Ofgünst - Neid, Missgunst quaad - hinterhältig Rachfatt - Lästermaul Schojer - Betrüger, Gauner Verdreet - Ärger, Verdruss Vergrelltheid - Wut, Zorn wranterg - mürrisch, übellaunig