Rosenheim
Jung und alkoholkrank: „Ich habe immer wieder die Kontrolle verloren“
„Ich bin Alkoholikerin!“ Mit gerade mal 30 Jahren sagte Nathalie Stüben diesen Satz. Im Interview spricht die Journalistin über ihre Abstürze, Alkohol im Elternhaus und wie sie es geschafft hat, mit dem Trinken aufzuhören.
Für immer nüchtern? Spaßbefreit und einsam stellte sich die Journalistin Nathalie Stüben (36) ein Leben ohne Alkohol vor. Jahrelang. Bis sie endlich merkte: „Ein Leben ohne Alkohol ist keine Qual. Es bedeutet Freiheit.“
Frau Stüben, der „Dry January“ liegt immer mehr im Trend. Menschen haben einen Monat lang auf Alkohol verzichtet und feiern sich dafür. Ist das etwas Gutes?
Ja, absolut. Da können sich die Leute zurecht abfeiern. Die meisten sind in dieser Zeit ja auch überrascht, wie gut es ihnen ohne Alkohol geht. Sie sind klar im Kopf, fitter, besser und gut gelaunt. Interessant ist jedoch, dass die Konsequenz daraus nur selten ist, mit der Abstinenz weiterzumachen. Im Februar wird also wieder getrunken.
Warum?
Das hat sicher mehrere Gründe. Einer ist, dass Alkohol in unserer Gesellschaft so normal ist und stark verharmlost und verherrlicht wird. Viele können sich ein Leben ohne Alkohol einfach nicht vorstellen. Und natürlich gibt es auch jene, die diese abstinenten Wochen nutzen, um sich vorzumachen, kein Problem zu haben. Nur um danach wieder in alte und problematische Konsummuster zurückzufallen. Bei mir war das ähnlich: ich habe immer wieder Trinkpausen eingelegt und mir dadurch eingeredet, kein Problem zu haben. Obwohl ich es schon lange hatte.
Sie haben irgendwann entschieden, nie wieder einen Tropfen Alkohol zu trinken, dachten anfangs aber auch, Ihren Platz in der Gesellschaft dadurch zu verlieren.
Ja, ich dachte wirklich, ich würde dann ein Leben zweiter Klasse führen und keinen Spaß mehr haben. Ich habe befürchtet, die Teilhabe an der Gesellschaft zu verlieren und nicht erkannt, dass ich diese eben durch meinen Alkoholkonsum nach und nach aufgegeben habe. Ich habe mich total zurückgezogen und meine geistige Freiheit verloren, weil ich ständig über Alkohol nachgedacht habe: Wie organisiere ich ihn? Wie trinke ich ihn? Wie schaffe ich es, dass Arbeitgeber und Freunde nichts mitbekommen?
Wie hat sich ihr Leben durch die Abstinenz dann tatsächlich verändert?
Als ich aufgehört habe zu trinken, ist mein Leben plötzlich wieder groß geworden. Ich habe wieder alles auf die Kette bekommen, war wieder selbstbestimmt. Und schlussendlich war ich überrascht, dass ich mich zugehöriger denn je gefühlt habe.
Was hat der Alkohol rückblickend aus Ihnen gemacht?
Er hat mich sehr verändert. Und das ist etwas, worüber wir viel mehr reden sollten. Den Leuten ist mittlerweile bewusst, dass Alkohol schlecht für Leber, Blutdruck und Immunsystem ist. Aber wie stark er sich auf die psychische Verfassung auswirkt, ist vielen nicht klar. Mir damals auch nicht. Ich wusste nicht, dass Alkohol depressiv macht. Ich hatte eine unwahrscheinliche Unzufriedenheit in mir und bin durch Alkohol extrem abgestumpft. Vieles ist mir gleichgültig geworden. Hobbys, aber auch Menschen, die mir eigentlich wichtig waren.
In Ihrem Buch schreiben Sie, dass das positive Bild von Alkohol irgendwann immer mehr Risse bekam. Was genau ist passiert?
In meiner Jugend fand ich es witzig, einen Filmriss zu haben. Dabei ist ein Filmriss nichts anderes als eine Hirnvergiftung. Was schon nicht mehr ganz so witzig klingt. Diese Risse kamen bei mir aber vor allem dadurch, dass ich immer wieder die Kontrolle verloren habe. Es blieb immer seltener bei ein oder zwei Gläsern. Meistens war es, als würde in meinem Kopf ein Schalter umgelegt werden. Ich konnte nicht aufhören zu trinken. Immer wieder bin ich morgens neben Männern aufgewacht und konnte mich nicht erinnern wie sie heißen. Ich hatte den Eindruck, da ist eine Macht, die gegen mich spielt. Trotzdem habe ich noch lange versucht, diese Risse zu ignorieren.
Hat Ihr Umfeld mitbekommen, dass Sie Probleme mit Alkohol hatten?
Freunde haben erkannt, dass ich abdrifte, mich verändere und unglücklich bin, aber sie haben es nicht mit dem Alkohol in Verbindung gebracht. Meine Mutter dachte, ich sei so traurig, weil ich mich zu dick fühlte. Was auch stimmte. Eine meiner engsten Freundinnen dachte, ich sei unglücklich, weil ich keinen Partner fand. Stimmte auch. Aber niemand hat erkannt, dass eigentlich Alkohol das große Problem war, das hinter allem steckte. Er war für viele meiner Probleme verantwortlich oder hat sie verschärft.
Sie berichten in Ihrem Buch, dass Alkohol in Ihrem Elternhaus zwar kein Hauptakteur, aber doch immer präsent war. Welchen Einfluss hat das Verhältnis der eigenen Eltern zu Alkohol?
Studien zeigen, dass das ein großer Einflussfaktor ist. Und davon bin auch ich überzeugt. In meinem Fall war es eine der Hauptursachen: Im Leben meiner Eltern waren edle Getränke wie Wein, Champagner und Crémant ein fester Bestandteil. Ich fand dieses Leben mega schön, habe meine Eltern und ihren Lebensstil verehrt und gesehen, wie glücklich sie waren. Ich habe das nicht in Frage gestellt. Es hat also sicher eine entscheidende Rolle gespielt, war aber nicht die einzige Ursache für meine Sucht.
„Ich bin Nathalie und ich bin Alkoholikerin!“ Wann waren Sie soweit, diesen Satz zu sagen?
Zuletzt hatte ich diese Totalabstürze alle drei bis vier Tage. Ich habe gemerkt, dass ich die Fassade nicht mehr lange aufrechterhalten kann. Weder beruflich noch privat. Ich hatte das Gefühl, dass irgendwann etwas ganz Furchtbares passiert, wenn ich weiter trinke. Ich habe mich an so vielen Tagen hoffnungslos und elend gefühlt. Also habe eines Morgens gesagt: Ich höre jetzt auf. Und zwar ganz. Wobei ich diesen Satz „Ich bin Nathalie und ich bin Alkoholikerin“ nur ein einziges Mal gesagt habe. Dieser Ansatz der Anonymen Alkoholiker war nicht mein Weg. Schon allein deshalb nicht, weil ich mich nicht ein Leben lang als Alkoholikerin bezeichnen wollte.
Was hat Ihnen geholfen?
Eine Eigenkreation. Ich habe angefangen Podcasts zu hören, in denen Menschen von ihrem Weg aus der Sucht berichteten und fing an, mir da Dinge abzuschauen. Parallel dazu habe ich mich ins Thema eingearbeitet und mir herausgesucht, was notwendig ist, um psychisch wieder gesund zu werden. Daraus habe ich mir ein Sicherheitsnetz gesponnen und mir Strategien kreiert, mit denen ich nüchtern bleibe.
War es schwer, nicht rückfällig zu werden?
Anfangs habe ich Risikosituationen vermieden: Ich bin nicht ins Restaurant gegangen, habe keine Partys besucht. Dates habe ich auf den Vormittag gelegt: eine Ausstellung, danach ein Mittagessen. Ich hatte wahnsinnige Angst davor, dass ich all das, was ich erreicht habe, wieder aufs Spiel setze. Aber insgesamt ist es mir leichter gefallen, als ich dachte. Ich war immer wieder überrascht, wie gut es mir nüchtern ging.
War es wichtig, ihr nahes Umfeld über ihre Alkoholsucht zu informieren?
Ja. Anfangs habe ich es nur meinen Eltern, meinem Bruder und meinem engsten Freundeskreis erzählt. Das war schon eine Überwindung, weil ich mich lange geschämt habe. Deshalb wusste es bei der Arbeit zum Beispiel jahrelang niemand. Aber als ich dann mit meinem Podcast „Ohne Alkohol mit Nathalie“ rausgegangen bin und somit alle Bescheid wussten, war das für mich eine totale Erleichterung. Ich musste endlich keine Maske mehr tragen.
Was sind Ihrer Meinung nach die wichtigsten Anzeichen für eine Alkoholabhängigkeit?
Für mich war da ein Gespräch mit meinem jetzigen Doktorvater sehr aufschlussreich. Er sagte, dass es für ihn zwei Kernkriterien für psychische Abhängigkeit gebe: zum einen das unwahrscheinliche Verlangen zu trinken, das sogenannte „Craving“ und zum anderen den Kontrollverlust. Damit konnte ich mich sehr gut identifizieren.
Was kann gegen die Verherrlichung von Alkohol unternommen werden? In Werbung und Marketing steht er für Freundschaft, Freiheit, Kultiviertheit. Wird sich dieses Image jemals ändern?
Ich glaube schon. Und ich möchte meinen Beitrag dazu leisten, indem ich immer mehr Menschen, die ein Alkoholproblem haben, dazu bringe, nüchtern zu werden. Mir schreiben aber auch Menschen, die sagen, sie hatten gar nicht so ein großes Problem, haben aber meine Youtube-Videos gesehen und gesagt: „Ich habe keinen Bock mehr.“ Das finde ich natürlich mega. Und ich glaube auch, dass diese Aufklärungsebene eine sein kann, auf der wir viel verändern können. Wobei ich unter guter Aufklärung immer verstehe, den Menschen zu verdeutlichen, was das Ganze eigentlich mit ihnen zu tun hat: „Was bedeutet es für dich persönlich, wenn du trinkst?“ Das zu vermitteln ist meiner Meinung nach das A und O. Natürlich könnten auch politische Maßnahmen etwas bewirken. Jedoch habe ich da auch bei der neuen Regierung wenig Hoffnung.
Warum?
Im Koalitionsvertrag steht nur ein kurzer Satz zur Alkoholprävention. Und in der Vergangenheit hat es zudem ein paar Beispiele gegeben, die gezeigt haben, wie stark die Alkohollobby mobil machen kann, wenn es um die drohende Verschärfung von Gesetzen geht. Deswegen bin ich der Ansicht, dass es eine Art sanfte Revolution von unten braucht.
Inwiefern?
Indem immer Menschen davon überzeugt sind, dass sie klar im Kopf sein wollen, dass sie ein bewusstes Leben führen wollen – ohne sich und sich von so einer zerstörerischen Substanz reinpfuschen zu lassen. Dadurch wird es nach und nach normaler, nüchtern zu sein.
Auf Ihrem Instagram-Kanal zeigen Sie auch Bilder aus Ihrer Zeit, in der Sie getrunken haben. Warum?
Ich wollte dem Thema ein Gesicht geben und weg von der offiziellen Krankenkassen-Ästhetik. Weil ich glaube, dass Identifikation unheimlich wichtig ist. Deswegen spreche ich auch mit vielen ehemaligen Alkoholabhängigen in meinem Podcast und auf Youtube. Ich sehe meine Aufgabe darin, mehr Vorbilder zu schaffen. Geschichten lösen viel häufiger einen Aha-Moment aus als reine sachliche Informationen.
Sollte man es ansprechen, wenn man den Verdacht hat, jemand aus dem Freundeskreis hat ein Alkoholproblem?
Ja, auf jeden Fall. Ich rate dazu, der Person einfach mal kommentarlos einen Link zu meinem Podcast zu schicken. Oder zu meinem und zu schreiben „Ich habe das gelesen, das ist sehr interessant.“ Das funktioniert oft so gut, weil das erstmal nach Empfehlung und nicht nach Vorwurf klingt. Vorwürfe bringen nämlich gar nichts. Wenn überhaupt, dann hilft es, zu sagen, dass man sich Sorgen macht und dass man da ist, wenn derjenige aufhören will.
Was antworten Sie eigentlich mittlerweile auf die Frage: „Warum trinkst Du nichts?“
Das kommt drauf an. Wenn ich zum Beispiel auf einer Hochzeit bin und mein Tischnachbar fragt mich, sage ich: „Weil ich mal ein Alkoholproblem hatte.“ Meist entspinnt sich daraus dann ein interessantes Gespräch, weil die Smalltalk-Ebene sofort übersprungen wird. Ich schäme mich mittlerweile auch für nichts mehr.
Lust, selbst mal ein Glas Prosecco zu trinken, haben Sie aber nach wie vor nicht?
Nein, diese Gedanken habe ich nie. Ich feiere es jedes Mal, dass ich mich damit nicht mehr befassen und darunter leiden muss. Das ist eine riesengroße Erleichterung.