Osnabrück
Dmitry Smirnov beim Osnabrücker Symphonieorchester: Was für eine Freude!
Dmitry Smirnov ist ein fabelhafter Geiger. Das hat er im Konzert mit dem Osnabrücker Symphonieorchester vorgeführt. Das Beste dabei: Smirnov kommt wieder.
Man kann denjenigen nur großes Lob zollen, die auf die Idee gekommen sind, aus dem Preisträger des Osnabrücker Musikpreises einen „Artist in Residence“ zu machen. Denn das heißt: Das Osnabrücker Publikum darf sich auf weitere Erlebnisse mit dem Geiger Dmitry Smirnov freuen. Und es macht nichts, dass Stadt und Orchester angesichts der Corona-Lage die Preisverleihung verschoben haben.
Mit dem Violinkonzert des Schweizer Komponisten Frank Martin hat Smirnov beim ARD-Wettbewerb einen zweiten Preis gewonnen – in einem Finale mit hauchdünnen Unterschieden zwischen den drei Finalisten. Die Jury des Osnabrücker Musikpreises macht sich ohnehin frei vom ARD-Votum und entscheidet autark, und dabei haben die Musikvereins-Vorsitzende Anita Schnitker, der Kirchenmusiker Stefan Lutermann, Burkhard Schmilgun, Programmverantwortlicher für das Plattenlabel cpo, und Daniel Inbal, erster Kapellmeister am Theater Osnabrück und Stellvertreter des Generalmusikdirektors Andreas Hotz, eine herausragende Wahl getroffen.
In diesem Fall kommt zur Musikalität ein überaus sympathische Wesen dazu; kein Muss aus künstlerischer Sicht, aber sicher ebenfalls ein Grund fürs Osnabrücker Symphonieorchester, sich für Smirnov hoch inspiriert ins Zeug zu legen. Unter Inbals Leitung rollt das Orchester mit flirrenden Eingangsklängen einen filigran gewebten Teppich für den Solisten aus, und der bewegt sich darauf mit vollendeter Eleganz. Smirnov pflegt einen Geigenton von athletischer Spannkraft, immer auf dem Sprung, beweglich, hellwach, ohne Kraftmeierei oder gar Pathos, dafür voll von musikantischer Spielfreude. Damit verleiht Smirnov dem Werk des Schweizer Komponisten Frank Martin eine gewisse Leichtigkeit, ohne ihm seine Intensität zu nehmen. Und so eigenständig der Komponist den Solopart gestaltet hat: Der junge Solist bleibt immer in enger Verbindung mit dem Orchester – mitunter dreht er sich zu den Bläsersolisten um, und manchmal, wenn er Pause hat, wirkt er, als würde er am liebsten mit dem Geigenbogen als Zweitdirigent neben Inbal in Aktion treten. Das ist wiederum keine Anmaßung, sondern Ausdruck seiner tiefen Verbundenheit mit der Musik.
So animiert er das Osnabrücker Symphonieorchester, die Rätsel dieser Partitur zu lösen und die Musik dem Publikum in größtmöglicher Anschaulichkeit zu entschlüsseln. Komplexe Harmonik zwischen Spätromantik und Zwölftonmusik wird da ganz leicht, rhythmische Vieldeutigkeit zur Selbstverständlichkeit, Ausdrucksgehalt zwischen pastellfarbenem Impressionismus und tristanhafter Leidenschaft zum Erlebnis. So entstehen Geschichten, die man miterleben kann, vom flirrenden Beginn über den tragisch-melancholischen Mittelsatz bis zum rauschhaften Finale.
Darüber vergisst man sogar den Umstand, dass alle im Saal, jeder im Publikum und die Musiker auf der Bühne Maske tragen müssen - ausgenommen sind nur die Holz- und Blechbläser, logisch. Doch im Applaus der 500 Zuschauer – mehr lassen die Corona-Auflagen nicht zu – spiegelt sich die Begeisterung, die Smirnov und das Orchester auslösen. Und Smirnov setzt noch einen drauf: Als Zugabe spielt er die dritte Solosonate von Eugène Ysaÿe, und das ist nun weit mehr als ein Zuckerl nach einem opulenten Mahl. Hier zeigt der gerade mal 27-jährige Musiker seine ganze Klasse, die Intensität seines Tones, seine überwältigende Technik, die strahlende Brillanz seines Spiels und die musikantische Lust. Und weil das Publikum darauf so euphorisch reagiert – was nur zu verständlich ist -, setzt er noch die sechste Sonate von Ysaÿe obendrauf. Was für eine Freude.
Die anderen Positionen des Konzerts können da nicht ganz mithalten: Die Festmusik von Marc-Antoine Charpentier (das ist der Komponist der Eurovisions-Hymne) wirkt wie der etwas übers Knie gebrochene Versuch, das barocke Terrain nicht kampflos den Spezialensembles für historische Aufführungspraxis zu überlassen – bei allem Trompetenglanz und aller Schönheit in den Solopassagen von erster und zweiter Geige sowie dem Cello. Dann schon lieber süffige Romantik: Im zweiten Teil widmet sich das Osnabrücker Symphonieorchester der d-Moll-Sinfonie von César Franck: Musik wie ein Schaumbad. Auch hier glänzen Solisten, allen voran am Englischhorn, der großen Schwester der Oboe. Und mit Inbal am Pult zeichnet das Orchester sehr schön den Weg vom introvertierten Beginn zum lichtglänzenden Finale nach. Dabei raschelt und kratzt es mitunter, und das dynamische Spektrum wird auch nicht bis ins Letzte ausgelotet. Aber letztlich bietet das Stück doch reichlich Gelegenheit, sich wohlig zu räkeln – und das können wir ja momentan gut gebrauchen. Vor allem aber darf sich Osnabrück auf das nächste Konzert mit Dmitry Smirnov freuen – da erhält er dann auch den Osnabrücker Musikpreis.