Mitarbeiter-Sicherheit
Ostfriesische Ämter schützen sich vor aggressiven Bürgern
Alarmierungssysteme, Sicherheitsdienste und sogar stichfeste Westen werden bei Behörden in Ostfriesland und umzu eingesetzt, um Mitarbeiter zu schützen. Wie aggressiv sind manche Bürger auf den Ämtern?
Ostfriesland/Ammerland - Zwei gute Nachrichten vorweg: Die Auricher Stadtverwaltung hat im Jahr 2021 keine Bedrohung und keine Tätlichkeit gegen ihre Mitarbeiter festgestellt. Auch in der Gemeindeverwaltung Südbrookmerland ist es laut Bürgermeister Thomas Erdwiens „in der jüngsten Vergangenheit zu keinen Bedrohungssituationen“ gekommen. Das ist allerdings nur berichtenswert – und damit beginnen die schlechten Nachrichten –, weil die Bilanz in anderen ostfriesischen Verwaltungen anders ausfällt. So haben Beschäftigte des Wittmunder Gesundheitsamtes dem Behördenleiter Peter Elster mitgeteilt, dass Beschimpfungen und Drohungen „eigentlich an der Tagesordnung gewesen“ seien, wie die Kreisverwaltung berichtet. Das Gesundheitsamt habe während der Corona-Pandemie „meist keine guten Nachrichten für die Menschen gehabt, etwa bei der Anordnung von Quarantänen“.
Beim Rettungsdienst hat die Wittmunder Kreisverwaltung in den vergangenen zwei Jahren sogar „jeweils zwei bis drei Anzeigen gegen Patienten wegen tätlichen Angriffen“ registriert. Aber nicht jeder Mitarbeiter zeige solche Vorfälle an. In der Regel gehe die Gewalt von „stark berauschten Personen“ oder von psychisch Erkrankten aus. „Häufiger als körperliche Angriffe sind aber Beleidigungen“, so die Kreisverwaltung. Sie gingen meist von alkoholisierten Männern aus. Darauf würden die Rettungskräfte aber kaum reagieren, „da es zum ,Tagesgeschäft‘ gehört“.
Die Aggressivität nimmt zu
Man müsse „zwischen verbalen Attacken und Beleidigungen einerseits und konkreten Bedrohungen andererseits unterscheiden“, schreibt die Kreisverwaltung Aurich. „So war gerade im Zuge der Pandemie – vor allem in den Sozialen Netzwerken, aber auch in Mails und Briefen an die Kreisverwaltung – ein zunehmendes Maß an Beleidigungen und Diffamierungen festzustellen.“ Konkrete Bedrohungen seien im vergangenen Jahr „lediglich“ vier gemeldet worden. „Es gab in Einzelfällen Androhungen körperlicher Gewalt oder ,Bestrafung‘.“ Außerdem würden „besonders schwere Fälle von Beleidigung“ angezeigt.
Es sei in jüngerer Vergangenheit „grundsätzlich eine zunehmende Aggressivität“ festzustellen, heißt es aus Aurich. Das haben auch andere Verwaltungen in einer stichprobenartigen Umfrage unserer Zeitung geschildert, beispielsweise Bürgermeister Erdwiens aus Südbrookmerland.
Wo gibt es besonders viele Konflikte?
„Ein erhöhtes Aufkommen gab es in Bereichen wie dem Jobcenter, der Ausländerbehörde oder dem Jugendamt“, berichtet die Auricher Kreisverwaltung. Da die Ämter während der Pandemie nur nach vorheriger Terminvereinbarung aufgesucht werden könnten, „hat sich die Situation deutlich entspannt“. Auch das ist aus anderen Verwaltungen zu hören.
Die Stadtverwaltung Leer verzeichnet „nur wenige Einzelfälle“ von Bedrohungen. Deren Zahl sei „konstant niedrig“. Die Kreisverwaltung Leer schreibt hingegen: „Wir registrieren durchaus eine Zunahme von Fällen, in denen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter psychischem Druck oder psychischer Gewalt ausgesetzt sind.“ Dabei gehe es beispielsweise um „Drohungen auf dem Anrufbeantworter oder diffuse Kampagnen in den Sozialen Medien“. Ein „erhöhtes Risiko“ gebe es auf Ämtern, die viele Kontakte zu Bürgern hätten und auf denen es „nicht selten um sensible Themen geht“. Die Kreisverwaltung nennt das Jugendamt, das Jobcenter, das Ordnungsamt, die Veterinärbehörde oder das Straßenverkehrsamt.
Der Umgang mit Menschen in Notlagen
In den Jobcentern beantragen Arbeitslose und Geringverdiener beispielsweise Grundsicherung, also „Hartz IV“. Bernd Leiß, Geschäftsführer des Emder Jobcenters, bestätigt, dass es gelegentlich vorkomme, dass Mitarbeiter bedroht würden. Es handle sich aber „um absolute Einzelfälle, die statistisch nicht erfasst werden“. Ihm sei eine einstellige Zahl von Vorkommnissen bekannt geworden. „Gemessen an der Zahl von circa 3800 Menschen im erwerbsfähigen Alter, die im Jahr 2021 Leistungen beim Jobcenter Emden bezogen haben, ist der Anteil also wirklich verschwindend gering.“ Die Leute befänden sich in Notlagen, erläutert Leiß. „Empathie ist sehr wichtig.“ Wenn Grenzen überschritten würden, werde dies „deutlich angesprochen“. In fast allen Fällen sei das ausreichend, „um auf die Sachebene zurückkehren zu können“.
Die Ammerländer Kreisverwaltung erklärt, welche Situationen besonders konfliktträchtig sein können: „Ordnungsamt entzieht Gewerbeerlaubnis, Sozialleistungen werden nicht bewilligt, Veterinäramt begutachtet Tierhaltung oder Jugendamt entscheidet die Herausnahme eines Kindes aus einer Familie – hier werden Emotionen ausgelöst, die bedauerlicherweise nicht immer unter Kontrolle bleiben.“
Wie schützen die Behörden ihre Leute?
Die Ammerländer Kreisverwaltung hat sich auf Gefahrenlagen vorbereitet: „Seit mehreren Jahren bieten wir den Beschäftigten im Rahmen des internen Fortbildungsprogramms verschiedene Deeskalationstrainings an, daneben haben wir unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter mit Alarmierungssystemen ausgestattet.“ Im Jahr 2021 sei auch „die Gefährdungsbeurteilung“ für Beschäftigte der Ausländerbehörde „angepasst“ worden: Mitarbeiter, die Abschiebungen begleiten müssten, würden „nunmehr mit stichfesten Westen und Einsatzhandschuhen mit Schnittschutz ausgestattet“.
Die Ausländerbehörde ist auch in Emden ein relativ konfliktreiches Arbeitsgebiet, wie die Stadtverwaltung mitteilt. Pro Jahr komme es zu rund „zehn bis 15 verbalen Angriffen und circa fünf schriftlichen Angriffen“. Relativ häufig würden „Nazi-Vergleiche“ gezogen. Zudem sei die „fehlende Akzeptanz“ von Mitarbeiterinnen und „fehlender Respekt vor den Bediensteten“ festzustellen. Ämterübergreifend sind in Emden „aufgrund einer zunehmenden Bedrohungslage“ Konsequenzen gezogen worden. „Präventiv wurde ein Alarmierungssystem installiert, das es ermöglicht, durch einen Mausklick im Notfall Hilfe aus benachbarten Büros herbeizurufen.“ In zwei Gebäuden werde ein Sicherheitsdienst eingesetzt. Und im Eingangsbereich des Bürgerbüros sei der bisher offene Tresen mit einer abschließbaren Tür und mit elektrischen Jalousien gesichert worden.
Hausverbote gegen „auffällige Personen“
Die Kreisverwaltung Leer schützt ihre Beschäftigten ebenfalls: „Wer beispielsweise ins Kreishaus möchte, muss sich zunächst an der Information melden und wird dort dann abgeholt – einfach so ins Gebäude kommen Besucher nicht. Bei einigen Behörden wird ein Sicherheitsdienst eingesetzt. In manchen Fällen werden gegen auffällige Personen Hausverbote ausgesprochen.“ Aurichs Kreisverwaltung hat ein „internes Alarmierungssystem“. Der Wittmunder Rettungsdienst setzt unter anderem auf das „Antrainieren einer ,dicken Haut‘“.
Zum Schluss nochmal eine gute Nachricht: Die Polizeiinspektionen Aurich/Wittmund und Leer/Emden melden, dass bei ihnen derzeit keine aktuellen Fälle bearbeitet würden, in denen es zu Angriffen auf Beschäftigte von Behörden gekommen wäre.
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