Energiewende

Öl und Gas war gestern: Jetzt kommt der Wasserstoff

| | 03.02.2022 15:18 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Am Verteiler 16 auf dem Kavernenfeld Etzel soll die Wasserstoff-Speicherung erforscht werden. Foto: Oltmanns
Am Verteiler 16 auf dem Kavernenfeld Etzel soll die Wasserstoff-Speicherung erforscht werden. Foto: Oltmanns
Artikel teilen:

Im Salzstock unter Etzel lagern seit einem halben Jahrhundert Energiereserven, in Form von Öl und Gas. Doch künftig könnten hier stattdessen enorme Mengen Wasserstoff lagern. Jetzt wird geforscht.

Etzel - In Etzel nimmt eines der größeren Projekte der Energiewende Fahrt auf: Niedersachsens Umweltminister Olaf Lies (SPD) übergab dem Kavernenbetreiber Storag Etzel am Donnerstag Förderbescheide für rund acht Millionen Euro. Das Geld soll in die Forschung vor Ort fließen. Es geht um die Frage, wie die bisher mit Öl und Erdgas gefüllten unterirdischen Kavernen so umgerüstet werden können, dass sie künftig Wasserstoff aufnehmen können. „Wir wollen zeigen, dass es möglich ist, die Anlagen der ‚old economy‘ – also Öl und Gaswirtschaft – umzuwidmen, um sie für die kommende Wasserstoffwirtschaft nutzen zu können“, erklärte Storag-Geschäftsführer Boris Richter das Vorhaben.

Was und warum

Darum geht es: Wasserstoff wird als Energieträger der Zukunft gesehen und könnte auch für Teile Ostfrieslands prägend werden. Vor allem interessant für: Technologie-Interessierte

Deshalb berichten wir: Das Land Niedersachsen unterstützt den Kavernenbetreiber Storag Etzel und dessen Partner mit acht Millionen Euro, um dort Wasserstoff-Speicherung zu erforschen.

Die Autorin erreichen Sie unter: i.oltmanns@zgo.de

Im Salzstock unter Etzel sind derzeit 75 Kavernen in Betrieb; in 51 lagert Erdgas, in 24 weiteren Rohöl. Diese Hohlräume sind etwa 60 Meter im Durchmesser, zwischen 300 und 500 Meter hoch und befinden sich etwa 1000 Meter unter der Oberfläche. Das Kavernenfeld ist laut Storag der größte Speicher für Öl und Gas in Nordwesteuropa. Hier lagert nicht nur ein Teil der deutschen Rohölreserven sondern auch Öl und Gas aus den Niederlanden und Großbritannien. „Deswegen ist es so wichtig, dass wir an diesem Standort zeigen, dass es technisch möglich ist“, so Richter. Aber erstmal muss nun geforscht werden.

Was jetzt passiert

Das Projekt läuft unter dem Namen „H2Cast“. Genutzt werden zwei schon bestehende Kavernen. Darüber, auf dem Verteilerplatz 16, soll dazu eine komplette Obertageanlage errichtet werden, um den Wasserstoff ein- und auszuspeichern und ihn zu reinigen. „Wir wollen auch nachweisen, dass der Salzstock und alle Bauteile, die damit in Berührung kommen, langfristig für eine Wasserstoffspeicherung geeignet sind“, erklärte der Leiter des Kavernenbetriebs, Carsten Reekers. Die Planungen liefen schon, im Herbst würden die ersten wesentlichen Komponenten beschafft.

Hier sollen neue obertägige Anlagen entstehen, um Wasserstoff ein- und auszuspeisen. Foto: Oltmanns
Hier sollen neue obertägige Anlagen entstehen, um Wasserstoff ein- und auszuspeisen. Foto: Oltmanns

Ab dem zweiten Halbjahr 2023 sollen die Komponenten dann eingebaut werden, so Reekers. Parallel laufen dann schon die ersten Tests. Mitte 2024 könnten dann zum ersten Mal die umgerüsteten Kavernen mit Wasserstoff befüllt werden. Der erst einmal per Tanklastzug kommen wird; eine Wasserstoffpipeline gibt es noch nicht. Storag Etzel rechnet mit etwa 100 Tanklastzügen und einer Menge von knapp 100 Tonnen Wasserstoff für die Testphase. Er soll aus erneuerbaren Quellen aus der Region kommen.

Warum Wasserstoff

Wasserstoff gilt als Energieträger der Zukunft, vor allem der sogenannte grüne Wasserstoff. Der wird mit Hilfe regenerativer Energien gewonnen, vor allem der Windenergie. Die Idee: Der Strom, den Windanlagen erzeugen, kann zur Produktion von Wasserstoff (H2) genutzt werden. Denn der kommt nur gebunden vor, vor allem mit Sauerstoff als Wasser (H2O). Das Aufspalten ist jedoch energieintensiv, weswegen das Verfahren bisher kaum vorangetrieben wurde. Das soll nun anders werden. Auch im Koalitionsvertrag von SPD, Grünen und FDP heißt es: „Wir wollen den Aufbau einer leistungsfähigen Wasserstoffwirtschaft und die dafür notwendige Import-und Transportinfrastruktur möglichst schnell vorantreiben.“

In Etzel verdeutlichte Storag-Geschäftsführer Richter, welche Rolle die Kavernenanlage hier spielen soll: „Wir haben eine Pufferfunktion und die ist elementar für die Versorgungssicherheit Niedersachsens, Deutschlands und Europas.“ Denn Deutschland könne nur einen kleinen Teil des künftig benötigten Wasserstoffs selbst produzieren, der größte Teil müsse also importiert werden. Richter spricht von 70 Prozent der benötigten Menge. So könnte der Wasserstoff per Schiff zum Tiefwasserhafen Wilhelmshaven kommen, per Pipeline nach Etzel und dort gelagert werden, bis er benötigt wird. So geschieht es aktuell auch mit dem Rohöl. Im Etzeler Kavernenfeld könnten bei Auslastung aller genehmigten 99 Kavernen 22 Terawattstunden Wasserstoff gespeichert werden, rechnet der Geschäftsführer vor. Das ist nach einer Hochrechnung des Fraunhofer-Instituts rund die Hälfte der gesamten künftig benötigten H2-Speicherkapazität.

Möglicher Streit

In dieser Rechnung des Geschäftsführers steckt allerdings auch Streitpotenzial. Denn aktuell sind nur 75 der zugelassenen 99 Kavernen gebaut. Und auch deren Betrieb sorgt schon jetzt in der Bevölkerung der umliegenden Ortschaften immer wieder für Kritik. Grund: Der Boden über dem Kavernenfeld senkt sich langsam ab und dieser Prozess setzt sich auch noch fort. Eigenheimbesitzer befürchten Schäden an ihren Häusern, Umweltschützer Schäden an der Umwelt.

Das Kavernenfeld bei Etzel. Foto: Storag Etzel
Das Kavernenfeld bei Etzel. Foto: Storag Etzel

Der neu gewählte Vorsitzende der Bürgerinitiative Lebensqualität Horsten-Etzel-Marx, Alexander von Fintel, hatte erst kürzlich erklärt, dass eine Wasserstoff-Speicherung in den bestehenden Kavernen in Ordnung sei. Jede zusätzliche Kaverne betrachte er allerdings als Sachbeschädigung. Carsten Reekers, der Leiter des Kavernenbetriebs, erklärte am Donnerstag, dass das Vorhaben keine Auswirkungen auf die Absenkungen haben werde. Davon gehe man jedenfalls aus. „Wir werden aber ein sehr genaues Oberflächenmonitoring machen“, so Reekers.

Bei der Übergabe der Förderbescheide waren zwei Politiker anwesend, Umweltminister Lies und die für diesen Wahlkreis zustände Bundestagsabgeordnete Siemtje Möller (SPD). Beide warben eindringlich um Verständnis bei der Bevölkerung: „Diese Region wird sich verändern und sie wird sich positiv verändern, weil sie wirtschaftlich stärker wird“, so Lies. Er sprach von einer Riesenchance. Auch Möller sprach von Vorteilen für die hier lebenden Menschen: „Innerhalb dieser Energiewende gibt es ein enormes Potenzial, was die Verbesserung des eigenen Lebensstandard angeht.“ Lies kündigte einen breiten öffentlichen Diskurs zum Wasserstoff-Projekt in Etzel an.

Ähnliche Artikel