Osnabrück

Hodenkrebs-Clip der TK: Filmkunst oder plumpe Pornografie?

Ralf Doering
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Von Ralf Doering
| 04.02.2022 15:29 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Erotik-Darstellerin Anny Aurora zeigt Männern in einem Clip der Techniker Krankenkasse wie das Abtasten zur Früherkennung von Hodenkrebs funktioniert. Foto: imago images/ZUMA Wire
Erotik-Darstellerin Anny Aurora zeigt Männern in einem Clip der Techniker Krankenkasse wie das Abtasten zur Früherkennung von Hodenkrebs funktioniert. Foto: imago images/ZUMA Wire
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Die Techniker Krankenkasse hat ein wichtiges Anliegen: Sie will Männer für Hodenkrebs-Vorsorge sensibilisieren. Dafür hat sie einen Porno-Star verpflichtet.

Es soll sie ja geben, die Pornos mit Anspruch. Und einen Anspruch hat die Techniker Krankenkasse, kurz TK ohne Zweifel: Sie will Aufmerksamkeit generieren. Und man muss kein Medienexperte sein um zu wissen: Sex sells. Ein Pornofilmchen als Werbeträger ist sicher vielversprechender als, sagen wir: ein Experimentalfilm von Peter Greenaway. (Dass sich der Experimentalfilm mitunter auch dem Porno annähert, ist ein anderes Thema, denn dann heißt das Medienkunst.)

Die TK füllt einen ganzen Youtube-Kanal mit Videos zum Thema Gesundheit. Da geht es um Quarterlive-Crisis oder das Phänomen Weltschmerz, um Borderliner und Bouldern, um Detox und Dry January. Darunter sind richtig gute Filme, mit Drive und Tiefgang, die offenbar ihre Zielgruppe erreichen: An die 390.000 Aufrufe für die Quotenkönige, das ist nicht schlecht.

Und jetzt ein Film zum Thema Hodenkrebs. Die Zielgruppe ist klar definiert: Männer halt. Und wie erreicht man Männer? Über Bier? Ja, vielleicht. Über Autos? Kann sein. Über Pornos? Jou man. Aber bitte mit Anspruch!

Deshalb geht das neueste TK-Filmchen nicht gleich zur Sache. Der niveauvolle Zuschauer will fantasievollen Sex eingebettet sehen in eine schlüssige Rahmenhandlung, die dem richtigen Leben entnommen ist. Zum Beispiel, dass man sich bei der neuen Nachbarin vorstellt, die einen nur mit einem Handtuch bekleidet die Tür öffnet und „auf ein paar Drinks“ hereinbittet. Wer, liebe Mitmänner, kennt das nicht.

Damit nicht genug der cineastischen Raffinesse. Denn zunächst sehen wir die Nachbarin unter der Dusche – eine klare Anleihe an Alfred Hitchcocks „Psycho“, neu interpretiert von Pornodarstellerin Anny Aurora. Ganz großes Kino. Ähnlich subtil, wie Hitchcocks Darstellerin Janet Leigh Eros und Tod miteinander verschränkt, spielt auch Aurora mit den Erwartungen des Zuschauers: Sie lässt nicht einfach das Handtuch fallen, sondern zieht sich an, bevor sie ihrem Filmpartner an die Wäsche geht.

Noch mehr knistern nur die Dialoge. Scheinbar kommen die ganz harmlos daher, doch im Subtext dröhnt unüberhörbar das Duett mit dem Titel „Nimm mich“. Und so bahnt sich der Höhepunkt an: Zur wollüstigsten Computermusik, die Gema-frei zu haben ist, beginnen die beiden schmatzend zu knutschen, und dann öffnet Aurora ihrem Partner die Hose, und zwar auf Augenhöhe. Gleich kommt er, der titelgebende „live-saving Handjob.“ Und genau dann bricht der Film ab, und nach einer schwarzen Sekunde erreicht er das eigentliche Anliegen der TK:  Aurora erklärt detailliert, wie Mann seine Hoden auf der Suche nach Anzeichen für Hodenkrebs abtastet.

Als Hintergrund sollte man wissen: Hodenkrebs ist für Männer zwischen 25 und 45 Jahren die häufigste bösartige Tumorerkrankung. Gleichzeitig ist er gut heilbar, wenn die Männer regelmäßig ihre Hoden abtasten, um die Symptome frühzeitig zu erspüren. Genau dafür möchte die TK ein Bewusstsein schaffen. Um jeden Preis?

Die nackten Fakten sprechen für den Erfolg des Videos: Fast 111.000 Aufrufe zählt Youtube nach nur zwei Tagen. Das mag mit dem Vorwurf des Sexismus zu tun haben, der laut geworden ist, sobald das Filmchen im Netz stand, und der nicht von der Hand zu weisen ist. Andererseits muss man die Einfältigkeit des Clips mit eigenen Augen gesehen haben, um dann an den Geschlechtsgenossen zu zweifeln: Sind wir Männer tatsächlich so doof, dass wir einen dümmlichen Porno als Anreiz brauchen, uns um unsere Gesundheit zu kümmern? Außerdem: Was ist eigentlich mit den schwulen Männern, an denen der Film ja wohl meilenweit vorbeigeht? Auch die sind nicht vor Hodenkrebs gefeit.

Andererseits: Aufmerksamkeit für das Thema an sich hat der Film geschaffen. Und vielleicht erfahren ja über dieses filmische Unglück ein paar Menschen mehr von den wirklich guten Filmen auf dem Youtube-Kanal der TK.

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