Literatur
Ein Ostfriesland-Krimi mit brisanten Themen
Ein toter Wal und ein toter Umweltschützer auf Wangerooge. Darum geht es in dem neuen Ostfriesen-Krimi „Es muss nicht immer Labskaus sein“. Im Interview sprechen die Autorinnen über den Umweltschutz.
Ostfriesland - Es ist Januar in Ostfriesland. Ein toter Pottwal wird am Strand von Spiekeroog angespült. Als wäre das nicht schon genug Aufregung, wird auf der Insel auch noch ein Umweltschützer ermordet. Für die Wittmunder Kripo ist das Motiv schnell klar, denn einige der wertvollen Zähne des Wals sind herausgebrochen. Doch schon bald kommen Zweifel an dieser Theorie auf. Denn ein weiteres Mitglied der Umweltschutzgruppe verschwindet. Die Leiche wird kurz darauf im Hafenbecken in Neuharlingersiel gefunden. Eine brenzlige Ausgangssituation, die die beiden Autorinnen Cornelia Kuhnert und Christiane Franke in ihrem neuen Krimi „Es muss nicht immer Labskaus sein“ beschreiben.
Es ist bereits der neunte Fall um den Dorfpolizisten Rudi Bakker. Das Buch erscheint am 15. Februar. Rudi, der normalerweise in Neuharlingersiel ermittelt, vertritt einen Kollegen auf der Insel. Als sich die Ereignisse überschlagen, ruft er auch seine Hobby-Ermittlerfreunde, die Lehrerin Rosa und den Postboten Henner zur Unterstützung auf den Plan. Im Interview mit unserer Redaktion erklären die beiden Autorinnen, warum Ostfriesland der perfekte Schauplatz für einen Krimi ist und wie man zu zweit ein Buch schreibt.
Frage: Was thematisieren sie in Ihrem Buch?
Cornelia Kuhnert: Neben dem Thema Wal, das Leben der Wale und Rohstoffquellen für die Wale geht es auch um das Thema Umweltschutz in der Nordsee. Da hat sich auch Sven (Anmerkung der Redaktion: Sven ist der Sohn des Dorfpolizisten Rudi) gerade engagiert in einem Plastikmüllprojekt. Dieses Projekt gibt es tatsächlich in Amsterdam. Wir haben es nach Emden verlegt, wo Sven arbeitet. Wir haben in unseren Büchern immer ein Thema, wo wir auf der Sachebene versuchen, ein paar Informationen an die Leser zu bringen – beiläufig zum Krimi.
Christiane Franke: Das Thema Umweltverschmutzung und Vermüllung ist nicht erst seit gestern groß. Überall auf den Inseln stehen diese großen Metallkörbe, wo die Menschen Müll vom Strand reinschmeißen können. Man wundert sicht, wie schnell diese großen Körbe voll sind. Wenn man mal weiter weg schaut, in die sogenannten Paradiese, wo man früher in klares türkises Wasser gegangen ist, schwimmen da heute Badelatschen und Plastikflaschen rum. Man sieht vom Meer kaum noch was, weil der ganze Müll dort angespült wird. Das sehen wir hier an unseren Stränden zwar so noch nicht. Aber es gibt viele Orte auf der Welt, wo die Vermüllung sichtbar ist. Diesem Thema wollten wir uns annehmen. Immer öfter stranden Wale, weil sie sich verirrt haben, weil das Meer immer wärmer wird.
Kuhnert: Die Fälle hat es ja auch tatsächlich schon auf Wangerooge gegeben und auch auf anderen Inseln in der Nordsee. Daher interessiert uns selbst das Thema sehr. Bei der Recherche haben wir auch immer wieder Seiten kennengelernt, die wir noch gar nicht kannten. Ich kannte beispielsweise die Kunst auf Walzähnen gar nicht. Dafür gibt es aber eine ganze Kunstrichtung.
Frage: In Ihrem Buch geht es aber nicht nur um die Umwelt. Auch sexueller Missbrauch wird thematisiert. Warum haben Sie sich für ihr Buch solch brisante Themen ausgesucht?
Franke: Eigentlich geht es gar nicht vordergründig um sexuellen Missbrauch, sondern darum, welche Macht vermeintliche Opfer haben, jemanden zu diskreditieren. In diesem Fall ist es so, dass Schülerinnen bei illegalen Dingen erwischt wurden. Ein Lehrer drohte ihnen deswegen eine Strafe an. Daraufhin haben die Schülerinnen eine Situation beim Sportunterricht bewusst hergestellt. Auf den Inseln spielen die Schüler Schlagball. Dabei steht der Lehrer hinter einer Schülerin und zeigt ihr, wie sie den Schläger halten muss. Da geht die Schülerin ein bisschen mit ihrem Körper zurück, so dass es aussieht, als ob der Lehrer sich an ihr ran drängt. Aber das tut er nicht. Damit wollen wir zeigen, wie leicht Menschen – gerade in der heutigen Zeit wo jeder seine Handykamera immer griffbereit hat – in ein falsches Licht gerückt werden kann. Das gibt es ja immer wieder, dass Menschen anderen einen Vorwurf machen oder für schuldig erklären, wo gar nichts gewesen ist.
Frage: Sie wohnen in Hannover und in Wilhelmshaven. Warum haben Sie sich für Ihre Schauplätze Ostfriesland ausgesucht?
Franke: Weil Ostfriesland und vor allem Neuharlingersiel ein zauberhafter Ort ist. Alleine das Bild vom Kutterhafen ist so schön. Wir wollten für unsere Geschichte einen kleinen Mikrokosmos haben. Also keine große Stadt, sondern einen Ort, wo jeder jeden kennt. Genauso ist es auch auf den Inseln. Zwar gibt es im Sommer viele Touristen, aber einen relativ kleinen Kern an Einwohnern. Das macht den Charme der Serie aus. Es ist ein ganz eigenes Gefüge. Wenn die Leute nach Neuharlingersiel kommen, dann sind sie praktisch mitten in unseren Geschichten drin. Wir kriegen von unseren Lesern auch immer wieder mit, dass sie in den Orten nur darauf warten, dass sie dem Postboten Henner oder dem Polizisten Rudi begegnen.
Kuhnert: Außerdem haben wir uns kennengelernt über die Mörderischen Schwestern (Anmerkung der Redaktion: ein Verein, der von Frauen verfasste deutschsprachige Kriminalliteratur fördert). Damit waren wir mit vielen Schwestern aus Deutschland und Österreich zum Boßeln in Ostfriesland. Christiane und ich waren in einem Team. Ich fand das so herrlich, mit den vielen Eigenarten, die es in Ostfriesland gibt. So entstand die Idee, über diese skurrilen Eigenarten zu schreiben. Denn mir ist schnell klar geworden, dass die Menschen, die da oben wohnen, das gar nicht als skurril empfinden. Sie haben das jeden Tag und für sie ist es normal. Aber schon in Hannover ist es nicht mehr normal, wenn es ein Schlickschlittenrennen gibt.
Frage: Von was für Eigenarten reden Sie?
Kuhnert: Beispielsweise, dass es in Ostfriesland Häuptlinge gab und diese auch überall präsent sind. Überall sind Straßen nach ihnen benannt. Vom Boßeln will ich gar nicht erst anfangen. Dieser Sport ist selbst schon in Hannover angekommen. Es ist aber auch die einsilbige Sprechweise der Ostfriesen, die aber durchaus herzlich wird, wenn die Leute sich besser kennen. Es gibt dort aber auch Gerichte mit äußerst seltsamen Namen. Ich habe da beispielsweise ein Kochbuch vom Hausfrauenclub in Neuharlingersiel und es ist erstaunlich, was da für Gericht drin stehen. Oft steckt dahinter etwas ganz anderes, als es der Name vermuten lässt. Wir stoßen bei der Recherche auch immer wieder auf neue Themen. Beispielsweise gibt es in Ostfriesland Gruppen, die mit Metalldetektoren den Strand absuchen. Sondeln nennt man das. Auch im Bereich der Legenden und Sagen hat Ostfriesland einiges zu bieten, beispielsweise die Geschichte von Störtebecker.
Frage: Wie schreibt man denn zu zweit ein Buch?
Franke: Wir überlegen zunächst, welches Thema wir drin haben wollen. Um dieses Thema suchen wir uns neue Figuren, die wir für die Geschichte brauchen. Das sind viele Stunden, die wir telefonieren. Da besprechen wir, wer das Opfer ist und warum es sterben musste. Das Opfer ist im Krimi die zentrale Figur. Wir müssen Stränge finden, die alle zum Opfer führen. Dann hangeln wir uns langsam von einem Ausgangspunkt in die Entwicklung der Geschichte. Wir skizzieren dem Krimi dann erstmal auf sieben bis acht Seiten.
Kuhnert: Dann ist die Geschichte zumindest schonmal rund. Kleinigkeiten können immer nochmal verändert werden. Wir suchen auch für jeden Charakter ein Bild raus, damit wir beide das gleiche Bild vor Augen haben. Mittlerweile geht das alles recht zügig. Als wir den ersten Band geschrieben haben, war das alles noch viel komplizierter, weil wir unser ganzes Stammpersonal erst noch entwickeln mussten.
Frage: Gibt es da nicht auch mal Streit?
Franke: Nein, wir wollen ja beide gute Bücher schreiben.
Kuhnert: Wenn jemand einen Teil schreibt und der andere Verbesserungsvorschläge hat, ist das gut. Es geht um die Szene und um das Buch insgesamt und nicht darum, Recht zu haben.
Frage: Am Ende jedes Buches gibt es Rezepte, die die Figuren auch in der Geschichte kochen. Wer von Ihnen ist denn die große Köchin?
Franke: Wir kochen beide gerne. Die meisten Rezepte davon haben wir in Ostfriesland aufgeschnappt. Wenn wir alte Hausmannsrezepte finden, schlagen wir zu. Wir haben auch schon mal bei einer Lesung erlebt, dass ein Mann auf uns zukam und sagte, dass er bereits alle Rezepte aus unseren Büchern nachgekocht hat. Das fanden wir total klasse.
Kuhnert: Manchmal posten Leser auch auf unserer Facebook-Fan-Seite Fotos, wenn sie unsere Rezepte nachgekocht haben.
Frage: Apropos Facebook: Ihre Fan-Gruppe dort hat schon fast 500 Mitglieder. Wie wichtig sind die Sozielen Medien für Ihre Arbeit?
Franke: Sehr. Dort können wir uns mit den Lesern austauschen und über Neuigkeiten informieren. Wenn es beispielsweise einen Entwurf für ein neues Cover gibt oder neue Termine für Lesungen bekannt sind, sind sie die ersten, die davon erfahren. Und wir können ihr Feedback in unsere Arbeit mit einbeziehen. Die Leser fiebern immer total mit. Vor allem nun in der Corona-Pandemie bietet es eine gute Möglichkeit, um Kontakt zu den Lesern zu halten.
Frage: Da wir gerade bei Corona sind. Wie hat die Pandemie Ihre Arbeit beeinflusst?
Franke: Alle Lesungen sind weggebrochen. Das hat den Austausch mit den Lesern sehr erschwert. Wir waren sonst sehr viel unterwegs. Cornelia und ich haben uns das letzte Mal im März 2020 live gesehen. Wir sehen uns eigentlich nur noch über Videokonferenzen. Wir telefonieren sehr viel. Aber wir haben die Zeit genutzt. Wir haben im letzten Jahr drei Bücher geschrieben, die alle in diesem Jahr erscheinen. Neben dem jetzigen Buch erscheint im Juni der erste Teil einer Krimi-Serie, die Ende der 50er-Jahre in Leer spielt. Der zweite Teil dazu wird im Herbst erscheinen. Also wir waren sehr fleißig.