Analyse
Tatanreiz: So hoch ist die Beute bei Geldautomaten-Sprengungen
Auch in Ostfriesland und umzu sind wieder Geldautomaten gesprengt worden. Passanten drohen schwere Verletzungen. Eine Analyse, wie fett die Kriminellen Kasse machen – und wie Banken Tatanreize setzen.
Ostfriesland/Hannover - 17,1 Millionen Euro haben Geldautomaten-Sprenger im Jahr 2020 in Deutschland erbeutet. Das geht aus dem aktuellsten Lagebild des Bundeskriminalamts (BKA) hervor. 256-mal kamen die Täter nicht über einen Versuch hinaus.
In 148 Fällen waren sie erfolgreich – wobei sie durchschnittlich 115.000 Euro erbeuteten. Und sie mussten, im Unterschied zu früheren Bankräubern, nicht erst einen Tunnel zum Tresorraum graben. „Drei bis vier Minuten – dann ist alles erledigt“, sagt Dirk Behrmann vom niedersächsischen Landeskriminalamt (LKA), der dort die Zentralstelle für Prävention leitet.
Was fordert der Innenminister?
„In den Niederlanden und in Belgien gibt es gesetzliche Verpflichtungen für die Banken, die Geldautomaten besser zu schützen“, so Niedersachsens Innenminister Boris Pistorius (SPD) nach der Innenministerkonferenz im Dezember. „Bevor wir so etwas bei uns machen müssen, appelliere ich an die Banken hier in Deutschland, und die entsprechenden Verbände, dass sich die Bankinstitute zukünftig zunächst auf freiwilliger Basis besser schützen. Denn am Ende geht es auch um Gefahren für Bankkunden und Anwohner, die im schlechtesten Fall durch diesen Sprengstoff erheblich verletzt werden können.“
Täter flohen in hochmotorisiertem Audi aus Augustfehn
Geldautomaten-Sprengung in Ostfriesland – das BKA ermittelt
Wie es nach einer Geldautomaten-Sprengung aussieht, war am 17. Januar an der Filiale der Oldenburgischen Landesbank in Augustfehn zu besichtigen und am 24. Januar an der Bankstelle Holtland der Raiffeisenbank Moormerland. Wenn da jemand während der Sprengung vorbeigelaufen wäre, der nachts nochmal mit dem Hund rausmusste, der hätte schwere Schnittverletzungen von herumfliegenden Fensterglas-Splittern davontragen können.
Wie gefährlich sind die Explosionen?
„Selbst Personen, die sich im Umfeld zum Explosionsherd befinden, etwa weil sie zum Zeitpunkt der Sprengung das Foyer straßenseitig passieren, sind extrem gefährdet, da die Explosion kleine und größere Bruchstücke regelrecht in Geschosse verwandeln kann.“ Das schreibt der Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) in seinen „Richtlinien zur Sicherung von Geldautomaten“. Denn es habe sogar schon den „Komplettverlust von Häusern oder Hausteilen durch Explosion und/oder Brand gegeben“.
Innenminister Pistorius sagte im Dezember: „In Niedersachsen gibt es seit kurzem ein gesondertes Lagebild zu Geldautomaten-Sprengungen. Es gibt mehrere Taten pro Monat, etwa die Hälfte davon verlaufen erfolgreich. Wir machen die Erfahrung, dass die Täter gerade aus den Beneluxländern für diese Taten über die Grenze nach Deutschland kommen.“ Offenbar, weil hier der Sicherheitsstandard niedriger ist.
Wer ermittelt die Sprengung in Riepe?
Aufgrund seiner Nähe zu den Niederlanden ist Niedersachsen das am zweitstärksten betroffene Bundesland. Hier registrierte das BKA jeweils 45 Geldautomaten-Sprengungen in den Jahren 2019 und 2020. Im Jahr davor sogar 54. Nur Nordrhein-Westfalen hat mehr zu verzeichnen: 176 Anschläge im Jahr 2020.
Die Staatsanwaltschaft Düsseldorf hat inzwischen eine Sonderzuständigkeit für Geldautomaten-Sprengungen, wie ein Sprecher der Behörde berichtet. Dorthin hat die Staatsanwaltschaft Osnabrück kürzlich ihre Ermittlungsakte zu einer Geldautomaten-Sprengung in Riepe geschickt. In dem Ihlower Teilort war am 2. September ein Gerät der Sparkasse Aurich-Norden betroffen.
Auch das Bundeskriminalamt mischt mit
Die Düsseldorfer Ermittler prüfen jetzt, ob Zusammenhänge mit anderen Taten bestehen, wie der Presse-Staatsanwalt erläutert. Seine Kolleginnen und Kollegen hätten rund 25 solcher Verfahren aus ganz Deutschland auf dem Tisch. Das nordrhein-westfälische Landeskriminalamt habe die Ermittlungskommission „Heat“ (Englisch: Hitze) gebildet.
Bezüglich der Sprengung in Riepe ermittelt laut Polizeiinspektion Aurich-Wittmund sogar das BKA. Das hat ein dortiger Sprecher in einem Telefonat mit unserer Redaktion bestätigt. Die eigentliche Anfrage, nach dem Stand der Ermittlungen, hat er aber nicht mehr beantwortet: „Zu Ihren Fragen kann das Bundeskriminalamt aus ermittlungstaktischen Gründen leider keine Stellung beziehen.“ Nicht einmal die zuständige Staatsanwaltschaft wollte er nennen.
Wie lange noch setzen Banken Tatanreize?
Niedersachsens Innenministerium verweist auf den Bundesverband Deutscher Banken, laut dem es im Jahr 2020 bundesweit 56.858 Geldautomaten gegeben habe. Also viele Tatgelegenheiten. Vor allem die Geräte, die – obwohl voller Geld – an Außenwänden angebracht sind, bewerten Polizei und Versicherungen als relativ attraktive Ziele für Gangster.
LKA-Spezialist Behrmann sieht „diejenigen“ in der Verantwortung, „die die Tatanreize setzen“. Es seien Automatenmodelle weit verbreitet, bei denen man mit einem Schraubenzieher das Tastenfeld herunterwuchten könne. Dann springe eine Schublade auf und man könne in den Automaten hineinsehen. Zu diesem Zeitpunkt reagiere in der Regel noch nicht einmal eine Alarmanlage. „Der Täter ist bis dahin völlig entspannt“, sagt Behrmann. Das sei nach Sprengstoff-Anschlägen auf den Videos von Überwachungskameras zu sehen. „Erst bei der Explosion fängt die Uhr an zu laufen.“ Der Kriminalist schildert ein Grundproblem: „Geldautomaten wurden nicht dafür konzipiert, bei Sprengungen standzuhalten.“ Es sei um Bedienungskomfort gegangen, um technische Zuverlässigkeit. Behrmann spricht von „Selbstbedienungsautomaten – für uns Kunden wie auch für Täter“. Dabei gibt es technische Möglichkeiten, die Diebstähle zu erschweren. Beispielsweise, wie Behrmann erläutert, indem das Geld gefärbt oder verklebt wird – wenn sich jemand mit Gewalt an einem Automaten zu schaffen macht.
Was schlagen die Versicherungen vor?
Der Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft gibt eine Vielzahl von Sicherheitsempfehlungen. Zusammengefasst sähe die sicherste Lösung demnach so aus: Ein Geldautomat einer hohen Sicherheitsklasse wird innerhalb eines Gebäudes in eine Mauer integriert – ein Modell, das von hinten befüllt wird. So dass im Falle einer erfolgreichen Sprengung die Tür beziehungsweise die Schubladen – anders als bei Frontlader-Geräten – nicht zu den Tätern hin aufspringen.
Der Raum dahinter sollte keine Fenster haben, gut verriegelt sein und über eine Alarmanlage verfügen. Und der Zugang zum Geldautomaten sollte für Kunden und Täter nachts, beispielsweise von 0 bis 5 Uhr, verschlossen sein. Wenn bereits beim Einbruch ins Gebäude ein Sicherheitsdienst alarmiert wird, der sofort die Bilder der Überwachungskameras sichtet, dann stehen die Täter von Anfang an unter Zeitdruck.
Warum verwenden Täter jetzt Festsprengstoff?
Idealerweise können die Sicherheitsleute auch noch aus der Ferne eine Vernebelungsanlage einschalten. „Das ist beeindruckend, wenn man in einem Raum ist, in dem man in drei, vier Sekunden die Hand vor Augen nicht mehr sieht“, erzählt Dirk Behrmann. Aber all das kostet die Banken natürlich Geld.
Einige Jahre lang haben die Gangster die Automaten gesprengt, indem sie Gas eingeleitet und gezündet haben. Seit viele Modelle Gas erkennen und unschädlich machen können, arbeiten die Täter oft mit Festsprengstoff. Kriminalist Behrmann vergleicht das mit dem Wettlauf zwischen Hase und Igel. Er fände es sinnvoll, wenn die Banken die Automaten nicht so voll machen würden: „Wenn viel Geld zu holen ist, dann wird ein höheres Risiko in Kauf genommen.“