Tierschutz
Auf Hausbesuch bei Hund und Katze
Im Veterinäramt gehen zunehmend Hinweise auf schlecht gehaltene Haustiere ein. Auch längst nicht jedem Nutztier geht es gut. Manchem Halter fehlt jegliche Einsicht: Dann muss er die Tiere abgeben.
Roffhausen/Wittmund - Geht es Tieren nicht gut, schreitet das Veterinäramt ein. In den Kreisen Wittmund, Friesland, Wesermarsch und der Stadt Wilhelmshaven ist der Zweckverband Jade-Weser mit insgesamt 19 Tierärzten unterwegs, um das Leben von Tieren zu verbessern – und manchmal auch zu retten. Dass das oft weder einfach noch reibungslos verläuft, erzählte Verbandsgeschäftsführer Dr. Norbert Heising kürzlich bei der Vorstellung des Jahresberichts 2021 am Hauptsitz der Behörde in Roffhausen. Mancher will sich darum lieber nicht kontrollieren lassen. Ein Mann im Kreis Wittmund griff vor einigen Monaten zum Spaten: Erst richtete er den drohend gegen den Tierarzt, dann gegen dessen Auto. Er schlug nicht zu – ein mulmiges Gefühl bei den Kontrolleuren hinterlässt so eine Reaktion dennoch, weiß Heising: Längst nicht jeder Halter ist einsichtig und bereit, etwas zu verändern. „Die Leben in ihrer eigenen Welt.“ Manchmal ist der letzte Ausweg ein Tierhaltungsverbot: Der Kontrollierte muss seine Tiere abgeben. So auch in den nachfolgend geschilderten Fällen.
Was und warum
Darum geht es: Das Veterinäramt und überforderte Tierhalter: Was passiert, wenn es Vierbeinern nicht gut geht?
Vor allem interessant für: Tierbesitzer und Menschen in ihrem Umfeld
Deshalb berichten wir: In Deutschland leben allein knapp 35 Millionen Haustiere. Nicht jedem geht es gut. Die Amtsveterinäre schauen genauer hin – und haben uns von ihren Erfahrungen 2021 berichtet. Die Autorin erreichen Sie unter: s.ullrich@zgo.de
„Wir haben häufig mit überforderten Personen zu tun“, berichtet Heising. „Tierhaltungen, die entgleisen, weil Lebensumstände sich ändern.“ So habe jemand ebenfalls in Wittmund eine Art Gnadenhof betreiben wollen. Das Geld wurde knapp, die Tiere litten. Auch Fälle von sogenanntem Animal Hording, dem krankhaften Sammeln von Tieren, entdecken die Veterinäre des Zweckverbandes immer wieder: Dann sehen die Kontrolleure sich mit Menschen mit psychischen Erkrankungen konfrontiert. Heising: „Sie stehen auf einmal mit sehr vielen Tieren da. Und müssen schnell handeln.“ Im Vorjahr hielt eine Frau in Wilhelmshaven 16 Katzen. In der Wesermarsch wurden 26 „in teilweise erbärmlichen Zuständen“ aufgefunden. Für einige kam jede Hilfe zu spät, sie mussten noch vor Ort eingeschläfert werden.
Rinder unter Polizeischutz verladen
Auch in der Landwirtschaft gibt es Heising zufolge vereinzelt „schwarze Schafe“. Ein Landwirt aus dem Kreis Wittmund hatte eine Kuh mit dem Frontlader über den Hof geschleift, eine andere zum Sterben zurückgelassen. Später erschoss er sie. Er weigerte sich, seine Tiere abzugeben. Heising kam in Begleitung von mehreren Polizeibeamten auf den Hof, erinnert er sich. Der Mann hatte einen Jagdschein und Waffen. „In so einem Fall bekommt man als Veterinär eine schusssichere Weste an.“ Die Waffen wurden beschlagnahmt, der Jagdschein entzogen. Zwei, drei Stunden habe es gedauert, dann waren alle Rinder verladen. Im Kreis Wittmund bekommen die Veterinäre bei ihren Kontrollen pro Jahr etwa 20 bis 25 mal Unterstützung von der Polizei, sagt eine Sprecherin der Inspektion Aurich/Wittmund auf Nachfrage.
Die meisten Kontrollen verlaufen reibungslos. Insgesamt 1007 Hausbesuche in 676 Tierhaltungen haben die Veterinäre 2021 gemacht. Auffällig ist aus Heisings Sicht eine Verschiebung hin zum Haustier: „Es sind vermehrt Hunde und Katzen.“ Die machten im Vorjahr fast 42 Prozent der Kontrollen aus. Im Jahr 2018 waren es mit 36 Prozent noch deutlich weniger. Ein Erklärungsansatz: Sinkende Nutztierzahlen treffen auf steigende Haustierzahlen. Ihr prozentualer Anteil verschiebt sich auch in der Menge der Tiere.
Heimtierzahlen sind schwer zu ermitteln
Genaue Haustierzahlen haben die Amtsveterinäre nicht. Kleintiere werden nirgends registriert. Bei Katzen besteht nur bei Freigängern eine längst nicht flächendeckende Meldepflicht. Der Deutsche Tierschutzbund vermeldete allerdings Ende vergangenen Jahres eine Katzenschwemme in Tierheimen: Die Tierschützer führen die in einer Pressemitteilung unter anderem auf einen „Haustierboom in der Corona-Zeit“ zurück und berufen sich dabei auf eine Erhebung im Auftrag des Industrieverbands Heimtierbedarf und des Zentralverbands Zoologischer Fachbetriebe Deutschlands. Die hatten für 2020 ein Plus von einer Million Samtpfoten ermittelt.
Hunde wiederum müssen der Stadt oder Gemeinde gemeldet werden. Die Stadt Wittmund teilt auf Nachfrage mit, aktuell die Hundesteuer für 2070 Vierbeiner einzunehmen. In den vergangenen Jahren sei die Zahl der Tiere jährlich um 50 bis 100 Hunde angewachsen. Mit gut 60 Tieren mehr seit 2019 ist der Zuwachs in der Gemeinde Friedeburg deutlich geringer. Aktuell sind es dort 1315 Vierbeiner. Der Trend zu mehr Hunden ist ein bundesweiter: Die Einnahmen aus der Hundesteuer sind bei den Städten und Gemeinden von 2010 bis 2020 um satte 47 Prozent gestiegen, hat das Statistische Bundesamt Destatis ermittelt.
Die Kontrollen
Es ist demnach eine simple Rechnung: Mehr Tiere bedeuten mehr Kontrollen für die Veterinäre. Wie so etwas abläuft, schildert Anja Heckmann auf Nachfrage. Die 51 Jahre alte Tierärztin arbeitet seit 2000 im Bereich Tierschutz für den Zweckverband. Sie geht in die Wohnungen oder auf die Höfe, wenn beim Veterinäramt ein Hinweis auf schlechte Haltung eingeht. Solche Hinweise kämen beispielsweise von Nachbarn. Ein Veterinär steht dann unangekündigt für eine Kontrolle vor der Tür der Tierhalter. Bei solchen Hausbesuchen sind „unschöne Situationen“ wie Beschimpfungen Einzelfälle, auf die sie ein Deeskalationstraining vorbereitet habe. „Wirklich unangenehme Situationen, in denen man verbal oder körperlich angegangen wird, sind selten.“
Nicht jeder Hinweis, der auf Heckmanns Schreibtisch landet, bedeutet auch, dass es einem Tier schlecht geht. Wenn doch, geben die Veterinäre den Besitzern zumeist Hausaufgaben auf: Sie halten fest, was sich ändern muss. Bei einem zweiten unangekündigten Hausbesuch überprüfen sie, ob das geschehen ist. „Es ist oft nicht gleich alles nach dem ersten Besuch abgearbeitet“, stellt sie klar. „Man braucht einen langen Atem.“ Aber das sei es wert: „Am Ende bewirkt meine Kontrolle etwas Positives bei den Tieren.“