Hamburg

Geheime Sex-Fantasien: So sprechen Sie mit Ihrem Partner über Ihre Vorlieben

Kim Patrick von Harling
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Von Kim Patrick von Harling
| 08.02.2022 16:04 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 8 Minuten
Bevor sich der Frust im Bett breitmacht, sollten Sie mit Ihrem Partner über Ihre Wünsche sprechen. Foto: PantherMedia/imago images
Bevor sich der Frust im Bett breitmacht, sollten Sie mit Ihrem Partner über Ihre Wünsche sprechen. Foto: PantherMedia/imago images
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Sie haben eine intime Vorliebe, scheuen sich aber, diese mit Ihrem Partner zu teilen? Wie Sie Ihren Partner in Ihre geheimsten Wünsche einführen, erklärt eine Expertin.

Es ist eine Sehnsucht, die Sie schon lange in sich tragen. Eine Fantasie, die Ihnen unmöglich erscheint, auszuleben. Es nagt an Ihnen. Denn noch nie konnten Sie diese bestimmte sexuelle Vorliebe ausleben, weil Sie sich nicht trauen, Ihrem Partner davon zu erzählen. Sie haben womöglich Angst, ausgelacht zu werden oder fortan als „merkwürdig“ angesehen zu werden. Tatsächlich gibt es Herangehensweisen, um Ihren Partner sanft zu Ihren sexuellen Vorlieben zu führen.

Sexual- und Paartherapeutin Christiane Jurgelucks kennt entsprechende Methoden. Im Gespräch mit unserer Redaktion verrät die Expertin, wie Sie vorgehen sollten, mit Ablehnung umgehen und zu welchem Zeitpunkt ein solch intimes Gespräch angemessen ist.

Frage: Frau Jurgelucks, wieso fällt es vielen Menschen so schwer, sich mit ihrem Partner über sexuelle Vorlieben auszutauschen?

Antwort: Sexualität und die mit ihr verbundenen Wünsche sind ein sehr intimer Blick in unsere Persönlichkeit. Wir sind in diesem Bereich sehr sensibel und verletzlich und lassen nur wenige Menschen so tief in uns blicken. Dazu fehlt den meisten Menschen die Fähigkeit, „gute“ Worte für ihre Bedürfnisse, Sehnsüchte und geheimen Phantasien zu finden. Wir haben das schlichtweg viel zu wenig geübt und spielerisch ausprobiert. 

Frage: Welche Ängste hemmen uns?

Antwort: Wir haben Angst uns lächerlich zu machen oder unsere Wünsche könnten als „unnormal“ diagnostiziert werden. Wir fürchten uns oft auch vor Konflikten, unser Partner oder unsere Partnerin könnte sich von uns abwenden. Manchmal möchten wir auch nicht so viel Intimität. 

Frage: Wie sollte man vorgehen, damit das Gespräch nicht „komisch“ oder gar unangenehm wirkt?

Antwort: Ich rate immer zu einem spielerischen Umgang mit einer gewissen Ernsthaftigkeit. Wenn man sich nicht traut, dann gibt es eine Menge erotischer Kartenspiele, die viele Fragen beinhalten. Da kann man einfach abends mal eine dieser Karten ziehen und kommt auf eine spielerische Art und Weise miteinander in Kontakt. In diesem Kontext kann man auch ein ernsthaftes Gespräch beginnen. Zum Beispiel: „Du, wo wir jetzt gerade über so viele interessante Fragen geredet haben, habe ich Lust, Dir mal von einer meiner Fantasien zu erzählen. Ich bin total gespannt, was Du dazu sagst.“

Antwort: Eine andere Möglichkeit wäre das erotische Zwiegespräch. Zwiegespräche sind eine hochwirksame Intervention zur Stärkung der Paarintimität. Hierzu würde sich das Paar 90 Minuten ungestörte Zeit nehmen und dann abwechselnd, jeder dreimal 15 Minuten über die eigene Sexualität sprechen. Wichtig ist im Zwiegespräch, dass beide ganz bei sich bleiben und sich mit viel Entdeckerfreude dem widmen, was da gesagt werden möchte. Auf keinen Fall darf in diesem sehr strukturierten Gesprächsrahmen Kritik geübt werden oder Vorwürfe platziert werden. Auf diese Weise kann das Paar gemeinsam immer mutiger werden.

Frage: Zu welchem Zeitpunkt einer Beziehung spricht man sexuelle Vorlieben an?

Antwort: Im Idealfall ganz am Anfang schon. Da sind wir oft noch weniger ängstlich. Was wir noch nicht haben, können wir auch nicht verlieren.

Frage: Wo spricht man die sexuellen Vorlieben an?

Antwort: Das kommt auf die Situation an. Wichtig ist die seelische Haltung und die Atmosphäre zwischen einem Paar. Am leichtesten geht es, wenn man sich gerade sehr nah ist. In Krisen können solche Gespräche zusätzlich verunsichern. Falls einer der beiden Partner allerdings bereits im „Geheimen“ agiert hat, z.B. durch eine Affäre oder intensiven Pornokonsum, dann geht an einem ehrlichen Gespräch kein Weg vorbei, in dem alle bedeutenden Gesichtspunkte zur Sprache kommen sollten. Nichts ist so schlimm für Liebende, wenn sie Wahrheiten scheibchenweise erfahren.

Frage: Wie sollte man mit Ablehnung umgehen?

Antwort: Das ist eine sehr spannende Frage, die in der Paartherapie sehr interessant ist. Ich nenne mal eine häufige sexuelle Phantasie: den Analverkehr. Nehmen wir mal an, der Mann würde das gerne mal ausprobieren und die Frau nicht. Dann könnte das Gespräch damit beendet sein, schließlich besteht gesellschaftliche Einigkeit darüber, dass nur gelebt wird, was beide möchten.

Antwort: Ich rate in so einem Falle nachzufragen und tue das auch in der Praxis. Zum Beispiel stelle ich die Frage an den Mann: Mögen Sie mal erzählen, was Sie am Analverkehr reizt und welche Bedeutung das für Sie hat? Mit einer offenen Frage, lädt man zum Gespräch ein und erfährt in der Regel die Sehnsüchte hinter der Phantasie. Der Mann könnte zum Beispiel antworten: „Mich reizt das Verbotene.“ Oder: „Ich stelle mir vor, dass ich sie dann besser spüre. In letzter Zeit sind meine Erektionen nicht mehr so sicher.“ Vielleicht könnte er auch sagen: „Daran würde ich merken, dass sie mich wirklich will. Dafür ist ganz viel Vertrauen notwendig.“

Antwort: Auch die Frau würde ich fragen, worauf sich ihre Ablehnung bezieht. Vielleicht würde sie sagen: „Ich habe Angst, dass er mir wehtut. Manchmal tut mir auch der „normale“ Geschlechtsverkehr sehr weh.“ Oder sie würde antworten: „Da schäme ich mich. Das machen doch nur Käufliche.“ Denkbar wären auch hygienische Gründe.

Antwort: Wenn das Paar auf diese Weise miteinander redet, dann können sie spüren, dass hinter dem „Nein“ Angst und Scham stecken und hinter dem „Ja“ der Wunsch nach Neuem und Erregendem, sowie die Sehnsucht, wirklich gewollt zu werden. Und an diesem Punkt kann das Thema erweitert werden und häufig geht es dann gar nicht mehr ausschließlich darum, ob sie es tun oder eben nicht. Es können Alternativen gefunden werden, in der beide Partner Berücksichtigung finden.

Frage: Können unterschiedliche sexuelle Vorlieben oder Wünsche – auch in zeitlich fortgeschrittenen Beziehungen – zu einem Bruch der Liebe oder gar zur Trennung führen?

Antwort: Auf jeden Fall. Häufig passiert dies, wenn einer der beiden ein sexuelles Erlebnis (in der Regel außerhäusig) hatte, welches das Leben auf den Kopf stellt. Es gibt ein sehr lesenswertes Buch in denen Geschichten von „life changing sex“ beschrieben sind.

Frage: Wenn man seine Wünsche nicht in der Partnerschaft ausleben kann, sollte man den Wunsch außerhalb ausleben, zum Beispiel in einer offenen Beziehung?

Antwort: Das ist eine sehr schwierig zu beantwortende Frage. In der Praxis habe ich nur sehr selten Menschen erlebt, die eine gute offene Beziehung führen konnten. Es braucht ein maximales Gefühl von Sicherheit und Intimität zwischen beiden Partnern und transparente, verlässliche Regeln, an die sich beide gebunden fühlen. Am leichtesten scheint dies zu funktionieren, wenn beide Swinger Clubs oder Fetisch Partys mögen. Da hilft der feste Rahmen der Veranstaltung. Auch Paare, die BDSM leben, erlauben sich oft zusätzliche „SpielpartnerInnen“. Insgesamt kommunizieren Paare, die besondere Vorlieben haben, meist sehr offen und kompetent über ihre sexuellen Wünsche.

Frage: Können unterdrückte Fetische oder sexuelle Vorlieben krankmachen?

Antwort: Bislang hatte ich noch nie mit Klienten zu tun, die ihre Vorlieben oder Fetische in Gänze unterdrückt hätten, meist werden sie im Geheimen gelebt, wenn die Befürchtung besteht, dass der Partner oder die Partnerin mit Unverständnis oder Aversion reagieren könnte.

Frage: Sexuelle Vorlieben können auch über Plattformen ausgelebt werden – also über Pornografie. Ist ein solches digitales „Ausleben“ hinderlich im realen Sexleben?

Antwort: Erst auf den zweiten Blick. Anfangs erscheint das digitale Ausleben die Rettung zu sein, aber das stellt sich bald als Illusion heraus. Pornos setzen auf schnelle Erregung und schnelle Entladung. Sie können es mit dem Essen eines Burgers vergleichen. Macht satt aber nicht zufrieden. Sexualität, wie ich sie verstehe, hat nicht nur eine erregende Komponente, sondern auch eine seelische, genießerische und verbindende. All das kann Porno nicht bieten, ganz im Gegenteil: Sexualität wird funktional und mechanisch. Leider gewöhnt sich das Gehirn an den starken Reiz, so dass viele Männer, die wir in der Praxis sehen, beim „realen“ Sex mit ihrer Partnerin nicht mehr genügend Erregung empfinden und deshalb in der Folge unter Erektionsschwierigkeiten leiden und häufig nicht mehr ohne weiteres zum Orgasmus kommen können.

Antwort: Frauen schauen insgesamt weniger Pornos als Männer, beim erotischen Chatten unterscheiden sie sich nicht von Männern. Ich sehe in der Praxis oft virtuelle erotische Beziehungen, die emotional sehr tief gehen können und deshalb die originäre Partnerschaft auf diese Weise gefährden. Online spricht es sich für beide Geschlechter leichter über Geheimes und Intimes.

Frage: Inwiefern kann eine Sexual- und Paartherapie hierbei helfen?

Antwort: Paar- und Sexualtherapie schafft einen vertrauensvollen Raum, der Menschen hilft Worte, für ihr Erleben zu finden. Alles darf gesagt werden, der Therapeut oder die Therapeutin hilft durch Verständnis, Nicht Verurteilen und In Worte fassen. Zudem wissen Menschen erstaunlich wenig über ihren Körper und ihre Sexualität. Hier ist die Paar- und Sexualtherapie ein Lernort ohne Klassenarbeiten und Prüfungsstress. Wir erleben täglich eine große Dankbarkeit, gerade, was das Wissen anbelangt. Auch wenn Mann und Frau gleichwertig sind, es gibt doch ein paar Unterschiede.

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