Hamburg
Früherkennung und Krebsvorsorge: Wie nachlässig sind Männer wirklich?
Die Techniker Krankenkasse erntete für ihren Porno-Clip zur Hodenkrebs-Früherkennung bei jungen Männern mächtig Kritik. Gleichzeitig bekam sie viel Zuspruch – schließlich sind Männer bekanntlich Gesundheitsverweigerer und schwer zu erreichen. Doch stimmt das überhaupt? Und will die TK nun selbst ihr Angebot verändern?
53 Sekunden. Länger dauert der Clip nicht. Ein Zusammenschnitt von Fußballern, die sich – wie sagt man noch gleich? – die Eier kraulen: Auf Einwechslung wartend an der Seitenlinie, stehend in der Abwehrreihe beim Freistoß oder noch eben schnell im Kabinengang. Untermalt ist das Ganze mit Klängen aus Johann Strauss‘ Walzer-Repertoire. Am Ende schwarze Schrift auf weißem Bild: „Entscheidendes Handspiel“, steht da. Und dann: „Selbst untersuchen. Hodenkrebs früh erkennen.“
Den Clip hat die Deutsche Gesellschaft für Urologie hochgeladen. Er verzeichnet auf der Videoplattform Youtube knapp 10.000 Aufrufe – nach fünf Jahren. Der Film der Techniker Krankenkasse, in dem die Pornodarstellerin Anny Aurora erklärt, wie Männer ihre Hoden abtasten, kommt auf gut 270.000 Klicks – innerhalb weniger Tage. Der Shitstorm, den die Macher für ihren „sexistischen Porno“ vor allem in den sozialen Netzwerken ernteten - er dürfte wohlkalkuliert gewesen sein.
Nicht wenige beglückwünschten die TK aber auch zu diesem Coup. Schließlich war es für einen guten Zweck, nämlich endlich einmal viele Männer mit einem Vorsorgethema zu erreichen – also etwas, das den Urologen mit ihrem Film eher nicht geglückt ist. Männer gelten ja bekanntlich als Gesundheits- und Vorsorgemuffel. Deshalb sterben sie im Schnitt auch ungefähr fünf Jahre früher als Frauen und leiden bis dahin öfter unter einer miesen Gesundheit, weil sie zu schlecht essen und sich zu wenig bewegen zum Beispiel. Und das nur, weil sie sich nicht für ihre Gesundheit interessieren. Weil sie ihnen einfach egal ist. Oder?
Martin Dinges gehört zu jenen Experten, die das für einen Mythos halten. Er hat lange das Institut für Geschichte der Medizin der Robert Bosch Stiftung in Stuttgart geleitet, ist wissenschaftlicher Beirat bei der Stiftung Männergesundheit und hat sich intensiv mit der Frage nach Männlichkeit und Gesundheit beschäftigt. Dinges zerpflückt die Gesundheitsmuffel-Erzählung innerhalb von Minuten, die jedes Jahr von Neuem bevorzugt zum Internationalen Männertag vorgetragen wird: „Es ist ein Bild, das an der Realität vorbei geht, weil vorhandene Zahlen nicht genannt oder nicht wirklich reflektiert werden“, sagt er.
Als Beispiel dient ihm die Pressemeldung der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BzgA) zum Männertag im vergangenen Jahr. Der Titel: „Mehrheit der Männer scheut Krebsfrüherkennung.“ Allein die Überschrift, sagt Dinges, stehe für die rein defizitorientierte Kommunikation im Bereich der Männergesundheit. Zwar sei sie inhaltlich nicht falsch, weil tatsächlich im Schnitt nur rund 40 Prozent der Männer regelmäßig an gesetzlich vorgesehenen Krebsvorsorgen teilnehmen (Frauen: 67,2 Prozent). Genauso gut hätte die BzgA jedoch auch Zahlen nennen können, die sie im dazugehörigen „Faktenblatt“ versteckt. Zum Beispiel, dass fast genauso viele Männer wie Frauen regelmäßig an den Gesundheits-Check-Ups teilnehmen. Oder, dass beide Geschlechter beim Thema Hautkrebsvorsorge so gut wie gleichauf liegen. Beides passt nicht ganz so gut zum „Mythos Vorsorgemuffel“.
Vor allem sind die Gesamtzahlen zur Krebsfrüherkennung auch vor einem strukturellen Hintergrund zu interpretieren: Die erste Krebsfrüherkennung, die neben dem Hautkrebsscreening gesetzlich vorgesehen ist, gibt es für Männer ab 45 Jahren – nämlich in Bezug auf Darmkrebs. „Zu diesem Zeitpunkt werden Frauen schon seit 25 Jahren zur Brustkrebsuntersuchung gerufen und dazu auch direkt eingeladen“, sagt Dinges. Ganz abgesehen davon, dass Frauen schon als Mädchen wie selbstverständlich von der Kinder- zur Frauenärztin wechseln und regelmäßig dort hingehen. Nämlich dann, wenn ihre Periode einsetzt und sich Fragen der Verhütung stellen. „Gleichaltrige Jungs“, sagt Dinges, „gehen zu diesem Zeitpunkt zum Arzt, wenn sie beim Bolzen hingeflogen sind.“
Für Martin Dinges ist Gesundheitsvorsorge etwas, das Männer wie Frauen erlernen müssen. Er spricht von einem „Gesundheitshabitus“, der sich bei Mädchen und Frauen aufgrund körperlicher Eigenschaften eher herausbildet. Zahlen des Zentralinstituts für die kassenärztliche Versorgung und auch die Studie zur Gesundheit Erwachsener in Deutschland belegen, dass sich die Einstellung der Männer zur Vorsorge über die Zeit verändert: Schaut man auf die Altersgruppen ab 60, sind die Unterschiede bei der Teilnahme an Früherkennungsuntersuchungen zwischen Männern und Frauen nicht mehr allzu groß.
Interessant ist auch, was Christian Wülfing zu dem Thema zu sagen hat. Er ist Chefarzt der Urologie an der Asklepios Klinik Altona in Hamburg und Sprecher der Deutschen Gesellschaft für Urologie (DGU). Wülfing war einer der Macher des oben erwähnten DGU-Films zur Hodenkrebsvorsorge und ist durchaus stolz, damit überhaupt ein paar Tausend Menschen erreicht zu haben. Jedenfalls sagt er: „Es gibt für diese Zielgruppe keine abrechenbare Vorsorgeuntersuchung beim Urologen.“ Würde ein junger Mann von zum Beispiel 25 Jahren in die Praxis kommen und danach fragen, könne man ihm anbieten, die Hoden abzutasten und einen Ultraschall zu machen – als Selbstzahlerleistung. „Vielleicht“, sagt Wülfing, „plant die TK ja nun, die Kosten zukünftig zu übernehmen.“
Auf Anfrage verweist die Krankenkasse lediglich auf den Gemeinsamen Bundesausschuss (G-BA) in Berlin. Der legt fest, für welche Leistungen alle Gesetzlichen Krankenkassen und damit die Allgemeinheit aufzukommen hat. Darüber hinaus kann natürlich jede Kasse für sich entscheiden, ihren Versicherten zusätzliche Angebote zu machen und zum Beispiel die Rechnung für eine Selbstzahlerleistung wie dem Hodencheck zu übernehmen. Zu der Frage, ob das für TK-versicherte junge Erwachsene zukünftig der Fall sein wird, äußert sich die Krankenkasse nicht. Martin Dinges findet: „Mit dem Video hat die Kasse das Thema öffentlich gesetzt und auch auf sich aufmerksam gemacht. Nun sollte sie auch konsequent sein und mit einem eigenen, passenden Zusatzangebot werben.“
Letztlich sind Krankenkassen aber auch in einem Zwiespalt: Sie bewegen sich in einem System, das ihnen abverlangt, auch knallhart ökonomisch zu denken. Aus dieser Perspektive erscheint der finanzielle Aufwand für einen flächendeckenden bezahlten Hodencheck hinsichtlich vergleichsweise kleiner Fallzahlen zu groß. Schließlich erkranken jährlich „nur“ etwas mehr als 4000 Männer daran, beim Darmkrebs sind es rund 30.000 und beim Prostatakrebs mehr als 60.000 Fälle. Zudem gibt es selbst bei relativ spät erkannten Hodenkrebs-Tumoren noch eine sehr gute Heilungschance. „Aber natürlich könnte eine solche Standarduntersuchung beim Urologen dabei helfen, das Bewusstsein für Vorsorge bei jungen Männern ähnlich wie bei Frauen allgemein zu fördern“, sagt Urologen-Sprecher Christian Wülfing.
Was man auch nicht vergessen darf, das sind ganz praktische Probleme: Wer Vollzeit arbeitet und nicht gerade einen Bürojob mit flexibler Zeiteinteilung hat, muss schon sehr an Vorsorge interessiert sein, um einen Termin zu machen – vielleicht im Urlaub? „Es gibt einen klaren Zusammenhang zwischen Umfang und Art der Erwerbsarbeit und der Inanspruchnahme von Früherkennungsuntersuchungen“, sagt Martin Dinges. „Und Studien, die zeigen, dass sich Frauen darin kaum mehr von Männern unterscheiden, sobald sie selbst Vollzeit arbeiten.“
Dass strukturelle Gründe nicht nur in Deutschland ein Problem darstellen, sieht man auch daran, dass das Konzept der „male friendly services“, also der männerfreundlichen Gesundheitsangebote, zurzeit international breit diskutiert wird. Einig sind sich die Experten und Expertinnen darin, dass die Medizin und ihre Versorgungsangebote eher frauen- und mädchenorientiert sind.
Einer, der darauf seit Jahrzehnten hinweist, ist Bernhard Stier. Er ist Beauftragter für Jungenmedizin und Jungengesundheit im Bundesverband der Kinder- und Jugendärzte und Mit-Herausgeber des Standardwerks „Jungengesundheit“. Die Liste seiner Veröffentlichungen, mit denen er für ein besseres Verständnis der Gesundheit von Jungen und jungen Männern wirbt, ist lang. Auch Flyer hat er schon früh erstellt, darunter natürlich auch zur Hodenkrebs-Vorsorge. Slogan: „Achte auf deine Nüsse!“
Stier sagt ganz offen, dass damals, im Jahr 2015, viele die Notwendigkeit eines Beauftragten für Jungengesundheit nicht sahen: „Die Kollegen und Kolleginnen erkannten nicht wirklich den Bedarf für diese Position und schon gar nicht für eine eigene Arbeitsgruppe, die ich gerne eingeführt hätte.“ Manche hinterfragten auch grundsätzlich, ob man in der Medizin so nach Geschlechtern unterscheiden müsse. Dabei sei es, wie Stier sagt, ohne die Geschlechter gegeneinander ausspielen zu wollen, eher die Gesundheit von Jungen, die in einigen Bereichen Unterstützung benötige. „Wir haben schon lange eine auf Mädchen spezialisierte Medizin, aber es gibt keine ebensolche Jungenmedizin“, sagt Stier. „Es klingt banal, aber Mädchen sind auch medizinisch keine Jungen und Jungen keine Mädchen.“
Zum Beispiel verweist Stier auf Erkrankungen und Fehlbildungen wie den Hodenhochstand (übrigens ein Risiko für Hodenkrebs), die zu einem hohen Prozentsatz nicht leitliniengerecht behandelt werden – nämlich zu spät. Auch Essstörungen wie Bulimie und Anorexie sowie psychische Leiden blieben häufiger unerkannt und würden nicht wirklich im Kontext von Jungen und jungen Männern gesehen.
Stier zufolge liegt das auch an fehlenden oder zu schlechten Daten: „Bei Studien zur psychischen Gesundheit zum Beispiel handelt es sich oft um Befragungsstudien“, erklärt der Mediziner. „Zwar unterscheiden sie grundsätzlich zwischen Geschlechtern, aber die Fragen sind natürlich dieselben – und häufig so gestellt, dass eher Mädchen und Frauen darauf zielgerichtet antworten können.“ Im Ergebnis heiße es dann etwa: Mädchen sind häufiger von Depressionen betroffen als Jungen. „Dabei äußern sich Depressionen bei Jungen ganz anders, zum Beispiel durch gesteigertes Risikoverhalten, und es fällt Jungen viel schwerer, diese für sich zu realisieren und sich dazu zu bekennen.“ Im Ergebnis entsteht ein falsches Bild, eine verzerrte Datenlage.
„Da beißt sich die Katze dann in den Schwanz“, sagt Stier. Denn wenn Probleme nicht oder nur unzureichend erkannt würden, spielten sie scheinbar auch keine große Rolle – und es würden weniger spezifische Versorgungsmöglichkeiten vorgehalten „Was wir brauchen, ist unter anderem eine gendergerechte Medizin und Forschung, die dann auch das Vorkommen kompetenter Ansprechpartner für Jungenmedizin fördert – insbesondere ab der Pubertät.“
Das ist nämlich der Zeitpunkt, ab dem die Jungen häufig durchs Versorgungsnetz fallen. Während die Mädchen zur Gynäkologin wechseln, gehen die Jungen… ja, genau, wohin? Vielleicht mal zum Allgemeinmediziner oder zum Urologen, wenn es irgendwo zwickt, ganz so wie Papa das auch macht. Spätestens ab dann ist Medizin für Jungen und Männer vor allem eines: Reparaturbetrieb.
„Dabei sind Jungen eigentlich offen dafür, über gesundheitliche und medizinische Probleme zu sprechen“, sagt Stier. Vielleicht wäre auch das mal eine Idee: Mal bei Jungen nachzufragen, wie und wo sie gerne über gesundheitliche Fragen und Probleme sprechen. Der Aufwand könnte sich lohnen. Schließlich geht es um keine kleine Gruppe - sondern um die Hälfte der Gesellschaft.