Konflikt

Wieso eine Pingo-Ruine ein Baugebiet in Aurich ruinieren könnte

Gabriele Boschbach
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Von Gabriele Boschbach
| 10.02.2022 20:11 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Dieses Areal zwischen Leerer Landstraße und dem Ems-Jade-Kanal soll bebaut werden. Foto: Ortgies
Dieses Areal zwischen Leerer Landstraße und dem Ems-Jade-Kanal soll bebaut werden. Foto: Ortgies
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Am Ortseingang von Aurich könnte ein Naturschutzgebiet ausgewiesen werden − wegen sogenannten Pingos. Obwohl die Eiszeit-Gebilde sehr selten und für Forscher bedeutend sind, kennt sie kaum jemand.

Aurich - Viele wollen bauen, auch in Aurich. Indikator dafür ist beispielsweise die große Nachfrage im Baugebiet „Im Timp“, wo Investor Udo Fuhrmann eine Warteliste mit Interessenten führt. Doch auch an anderen Stellen in der Stadt gibt es den Wunsch, Wohn- und Zweckgebäude zu errichten. Im Mai vergangenen Jahres wurden Pläne bekannt, ein Gebiet jenseits der Straße „In der Diere“ zu erschließen. Dort sollen ein neues Gebäude für die Feuerwehr, ein Fachmarkt und in der Nähe des Ems-Jade-Kanals auch ein Wohngebiet entstehen. Es gibt bereits einen Aufstellungsbeschluss für einen Bebauungsplan. Ein Planungsbüro sei beauftragt, sagte Stadtbaurätin Alexandra Busch-Maaß auf Anfrage. Erste Konzepte habe man schon entwickelt.

Jetzt hieß es in einer Einwohnerfragestunde des Ortsrats Kernstadt, dass Naturschützer auf dem Areal „In der Diere“ zwei Pingo-Ruinen vermuten. Dabei handelt es sich um Überbleibsel aus der Eiszeit, sogenannte Geotope. Laien sehen darin nur XXL-Mulden im Boden. Tatsächlich handelt es sich um eine Senke, in der früher ein monströser Eisblock abgelegt war. Für Wissenschaftler sind diese Gebilde wertvoll, weil sie Erkenntnisse über die Entwicklung der Erde und des Lebens vermitteln. Sie können Aufschluss über Gesteine, Böden, Mineralien und Fossilien geben.

Landkreis-Sprecher Rainer Müller-Gummels bestätigte, dass der Auricher Naturschutzbund (Nabu), der Bund für Umwelt- und Naturschutz (BUND), Regionalverband Ostfriesland, sowie der Verein Bilanz Aurich am 9. Juli 2021 beantragt haben, den Landschaftsteil „In der Diere/Uhlenmoor“ als Naturschutzgebiet festzusetzen. Als Begründung hierzu hieß es, dass in dem 15 Hektar großen Gebiet zwei Pingo-Ruinen mit ihren jeweilig dazugehörigen Ringwällen lägen, eine kleinere im Bereich der Flurstücke 88/5 und 89/6, Flur 2 Gemarkung Kirchdorf, und die andere im Bereich der Flurstücke 142/1, 143, und 43/1 der Flur 21, Gemarkung Aurich (siehe Grafik). Die Größere soll einen Durchmesser von rund 100 Metern haben.

Kiebitze fühlen sich dort auch wohl

Für die Antragsteller liegt klar auf der Hand, dass es sich nicht nur wegen der Pingo-Ruine um einen schützenswerten Bereich handelt. Rolf Runge vom Aurich BUND verwies darauf, dass es sich unter anderem um Lebensraum von Kiebitzen handele, Vögeln also, die nach dem Bundes- und dem EU-Naturschutzgesetz streng geschützt seien. Wegen der Räum- und Umgestaltungsarbeiten auf dem Gelände hätten diese Tiere sich offenbar bereits schon so stark gestört gefühlt, dass sie dem Grundstück ferngeblieben seien. Axel Heinze, ein pensionierter Geografie-Lehrer aus Esens, habe vor Monaten eine Einschätzung zu den Pingo-Ruinen abgegeben. Demnach handelt es sich um „eine sehr tiefgründige Pingo-Ruine in relativ ungestörter Lage“, wie es in der Expertise heißt. Es sei mit archäologischen Funden auf dem deutlich sichtbaren Randwall zu rechnen. Heinze ist unter anderem Arbeitskreisleiter für regionale Geografie am Regionalen Pädagogischen Zentrum (RPZ) in Aurich. Er gilt als Experte für Pingo-Ruinen, weil er das Thema seit Jahren intensiv erforscht.

Auf Nachfrage sagte Rolf Runge, dass er seit Juli nur eine einzige Reaktion vom Landkreis erhalten habe, nämlich eine Bestätigung, dass der Antrag eingegangen sei. Das BUND-Vorstands-Mitglied sprach von einer „heiklen Angelegenheit“. Wenn dem Antrag auf Unterschutzstellung nämlich stattgegeben würde, könnte das die Ausweisung als Baugebiet torpedieren. Nach Recherchen dieser Zeitung ist es kein Wunder, dass sich in der Sache nichts bewegt. Rainer Müller-Gummels sagte nämlich auf Anfrage, dass das Landesamt für Bergbau, Energie und Geologie (LBEG) für die wissenschaftliche Beurteilung und Dokumentation von Geotopen, also auch für die Pingo-Ruinen, zuständig sei. Die Behörde begründe auch Vorschläge für Schutz-, Pflege- und Erhaltungsmaßnahmen. Der Landkreis sei nicht in der Pflicht, in der Sache tätig zu werden.

Es gibt kein Kataster

Das sieht das LBEG ganz anders. So lange kein Impuls aus Aurich komme, werde man auch nicht aktiv, teilte LBEG-Sprecher Eike Bruns mit: „Der Landkreis müsste auf uns zukommen.“ Im Übrigen sei es sehr schwer, Pingo-Ruinen eindeutig zu identifizieren. Das rühre unter anderem daher, dass der Boden oft durch landwirtschaftliche oder andere Nutzung bereits so verändert worden ist, dass dieser Prozess außerordentlich erschwert werde. Derzeit gebe es kein Kataster, in dem alle Geotopen dieser Art aufgeführt seien.

Noch ist in der Schwebe, wie sich das Tauziehen zwischen den Akteuren um das mögliche Baugebiet an der Diere entwickelt. Es ist allerdings nicht selten, dass Naturschutzverbände mit solchen Vorhaben nicht einverstanden sind. Aktuell steht das Gebiet Conrebbersweg-West in Emden im Fokus. Es wurde sogar auf Bundesebene als schlechtes Beispiel herangezogen. Der Nabu Deutschland verlieh der Stadt dafür Ende Dezember einen Negativ-Umwelt-Preis.

Mit juristischen Schritten will der Nabu Ostfriesland weiter gegen die Erschließung des ersten Abschnitts mit rund 100 Grundstücken vorgehen. Weil das Bauland inmitten von geschützten Feucht-Biotopen entstehen soll, in denen sich gefährdete Pflanzen- und Tierarten aufhalten, kritisiert der Nabu insbesondere den Standort. Die Stadt sieht aber keine sinnvolle Alternative innerhalb des Autobahnrings.

Ostfriesland ist weltweit eine der wenigen Regionen mit Pingos

Unsere Region ist eine Fundgruppe für Geologen. Die freuen sich auch über die Pingos, die es unter anderem in Aurich gibt. Dort können auch Archäologen auf Schätze stoßen.

von Gabriele Boschbach

Das Frauenmeer nördlich von dem Großefehntjer Ort Timmel ist auch ein Pingo. Foto: Archiv
Das Frauenmeer nördlich von dem Großefehntjer Ort Timmel ist auch ein Pingo. Foto: Archiv

Aurich - „Bitte was?“ Wenn Gesprächspartner den Begriff Pingo-Ruine hören, reagieren sie meistens verständnislos. Das liegt daran, dass das Wort oft nur geografisch Interessierten bekannt ist. Es stammt aus dem Inuktitut, der Sprache der indigenen Bevölkerung des arktischen Kanadas und Grönlands. Daher sind auch Anorak oder Kajak entlehnt. Dass so wenige Menschen Pingos kennen, ist verwunderlich, weil Ostfriesland zu den wenigen Regionen in der Welt gehört, in denen sie vorhanden sind.

Pingo (Inuktitut für „Hügel“) ist der Fachausdruck für einen im Dauerfrostboden entstandenen Hügel oder eine Erhebung, dessen Inneres aus einer Eislinse besteht. Sie können einen Durchmesser von bis zu 200 Metern haben, wie Hermann Ihnen herausstreicht. Das Mitglied des Auricher Naturschutzbundes (Nabu) hat sich intensiv mit dem Thema auseinandergesetzt. Heute gebe es sie noch in Kanada. In Ostfriesland entstanden sie in der letzten Eiszeit, der Weichsel-Eiszeit, vor mehr als 13.000 Jahren, als die Gegend am Rande der Vergletscherungszone lag.

Viele Mulden sind verlandet

Als es wärmer wurde und das Eis abschmolz, wurde durch den solchermaßen verursachten Druck Sand zur Seite geschoben. So entstand die Pingo-Ruine. Diese besteht aus einer Mulde und der Randzone. Davon sind in Ostfriesland zwei bis drei Dutzend bekannt. In den meisten Fällen sind die Mulden verlandet; es bildeten sich – je nach Grundwasserstand – Nieder- oder Hochmoore. Solche Pingo-Ruinen sind beispielsweise die Kleine Zielke in Süddunum oder das Wrokmoor im Friedeburger Ortsteil Hesel.

In der Landschaft sind die Überreste der Pingos heute oft nur schwer auszumachen. Wind und Wetter haben das Gelände ebenso verändert wie die jahrhundertelange Landwirtschaft. Manche Pingos sind mit Wasser vollgelaufen. Ein Beispiel dafür ist das Frauenmeer nördlich von Timmel. „Unsere Vorfahren haben teilweise auf den Ringwällen der Ruinen gewohnt“, sagte Hermann Ihnen. Der Experte streicht die erdgeschichtliche Bedeutung dieser Gebilde heraus. Dort seien archäologische Funde zu machen. Das sei südwestlich der Diere vor Jahren passiert, als die Ostfriesische Landschaft ein Pingo systematisch untersucht habe.

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