Forschungsprojekt
Warum werden Frauen in Ostfriesland von Männern getötet?
Wie oft werden Frauen getötet, weil sie Frauen sind? Wie geht die Justiz mit Femiziden um? Das wollen Wissenschaftler untersuchen – und haben dabei auch Taten in Ostfriesland im Blick.
Ostfriesland/Hannover/Berlin - „Jede Woche werden in Deutschland etwa drei Frauen von ihrem aktuellen oder früheren Partner getötet, im Jahr 2020 waren es 139.“ Darüber informiert der Bundesverband der Frauenberatungsstellen und Frauennotrufe (BFF) auf seiner Internetseite. Das bedeutet rechnerisch, dass alle zwei bis drei Tage eine Frau in Deutschland unter diesen Umständen stirbt.
Wenn Frauen von Männern getötet werden, weil sie Frauen sind, handelt es sich um Femizide. „Die häufigste Form des Femizids fällt in den Bereich der Partnerschaftsgewalt“, schreibt die Stadt Oldenburg auf ihrer Internetseite. „Diese Gewalt innerhalb von bestehenden oder Ex-Partnerschaften ist historisch gewachsen und beruht bis heute auf Besitzdenken sowie vermeintlichen Über- und Unterstellungsmerkmalen der Geschlechter.“
Forscher brauchen Strafverfahrensakten aus Ostfriesland
Wie oft Femizide „in Deutschland tatsächlich vorkommen, welche unterschiedlichen Arten von Frauenfeindlichkeit ihnen zugrunde liegen und welche Rolle geschlechtsbezogene Motive der Täter bei den Ermittlungen und vor Gericht spielen“, sei aber noch „weitgehend unbekannt“. Das erklärt das Kriminologische Forschungsinstitut Niedersachsen (KFN). Gemeinsam mit dem Institut für Kriminologie (IfK) der Universität Tübingen will es in einem dreijährigen Forschungsprojekt „Taten, Tatmotive und Rechtsprechung auf breiter Datengrundlage durchleuchten“ – und dabei das Jahr 2017 in den Blick nehmen.
Zum Forschungsgebiet gehört unter anderem Niedersachsen und damit auch Ostfriesland. „Die Grundlage bilden Strafverfahrensakten von Fällen, in denen Frauen getötet oder Opfer einer Körperverletzung mit Todesfolge wurden, heißt es in einer Pressemitteilung des KfN. „Auch Tötungsversuche werden einbezogen.“
Wie viele Taten aus Ostfriesland sollen untersucht werden?
In den Landkreisen Leer und Aurich sind die Forscher auf jeweils zwei solcher Fälle gestoßen sowie auf einen in Emden. Auch in benachbarten Landkreisen sind sie fündig geworden. Sie haben jeweils drei Taten aus dem Emsland und aus Friesland im Visier, zwei aus dem Kreis Cloppenburg und eine aus dem Ammerland. Professor Dr. Tillmann Bartsch, stellvertretender Direktor des KFN, erläutert: „Sofern die Staatsanwaltschaften uns Akteneinsicht gewähren, werden diese Fälle in unsere Studie einfließen.“ In einer Pressemitteilung heißt es: „Wie viele davon Femizide sind, gehört zu den Fragen, die das Forschungsprojekt beantworten wird.“ Die Aktenauswertung werde ergänzt durch Interviews mit Vertreterinnen und Vertretern von Polizei, Justiz und Opferschutzverbänden. An der Arbeit beteiligt seien Fachleute aus den Rechtswissenschaften, der Psychologie, der Soziologie und den Kulturwissenschaften.
Das Spektrum der Tatmotive reiche bei Femiziden „von männlichem Besitzdenken und patriarchalischer Frauenverachtung über sexuelle Frustration bis hin zu generellem Frauenhass“, schreiben die Forscher. Aber: „Eine empirisch fundierte Studie zu Femiziden, welche die verschiedenen sozialen Kontexte und Motivlagen berücksichtigt, gibt es für Deutschland bisher nicht“, sagt Professor Bartsch. Er realisiert das Forschungsprojekt mit Psychologie-Professorin Dr. Deborah Hellmann, die für das KFN arbeitet und an der Hochschule für Polizei und öffentliche Verwaltung Nordrhein-Westfalen lehrt, sowie mit Professor Dr. Jörg Kinzig, dem Direktor des IfK Tübingen.
Frauen-Tötungen – aus allgemeinem Frauenhass
„Die wissenschaftlichen Arbeiten, die es zu Tötungsdelikten mit weiblichen Opfern in Deutschland bislang gibt, konzentrieren sich auf sogenannte Ehrenmorde und Tötungen in Partnerschaften“, erläutert Kinzig. „Andere große Bereiche sind hingegen bislang im Dunkeln geblieben“, so Dr. Wolfgang Stelly vom Tübinger Forschungsteam. „Sie werden wir im Forschungsprojekt nun zum ersten Mal beleuchten, um ein vollständigeres Bild zu gewinnen.“ Dazu gehöre das Prostitutions-, Zuhälter- und Rockermilieu, in dem Frauen oft zu Opfern von Gewalt und Unterdrückung bis hin zur Tötung werden.
Wenig wisse man bisher auch über Frauentötungen, die zwar im sozialen Nahbereich, aber nicht durch Partner, sondern durch Freunde, Arbeitskollegen oder auch flüchtige Bekannte begangen wurden. Die eindeutigste Form des Femizids seien Tötungen aus allgemeinem Frauenhass, erklären die Wissenschaftler: „Ein Beispiel dafür ist der Attentäter von Winnenden, der gezielt Lehrerinnen und Mitschülerinnen aus diesem Motiv heraus tötete.“
Bedarf es eines eigenen Straftatbestands für Femizide?
Ein weiterer Fokus der Untersuchung liege auf der Frage, wie die Strafverfolgungsbehörden und die Justiz geschlechtsbezogene Beweggründe bewerten und welche Rolle sie beim Strafmaß spielen. „Die in anderen Ländern schon länger geführte Debatte über die rechtliche Einordnung des Femizids hat nun auch in Deutschland begonnen“, sagt Professorin Hellmann. Verschiedentlich werde Ermittlungsbehörden und Gerichten ein mangelndes Bewusstsein für die Frauenfeindlichkeit dieser Taten vorgeworfen. Zudem werde ein eigener Straftatbestand gefordert. Die jetzt beginnende Studie solle „ein empirisches Fundament“ für diese Debatte schaffen, kündigt Bartsch an.
Im Jahr 2020 hat das Bundeskriminalamt „146.655 Fälle von Gewalt in Partnerschaften“ registriert. Mehr als 80 Prozent der Opfer seien weiblich gewesen. „Tötungen gehen in sehr vielen Fällen häusliche Gewalt oder Stalking und eine Beziehung voraus, die geprägt ist von Kontrolle, starker Eifersucht, psychischer Gewalt oder einer starken Isolierung“, so der Bundesverband der Frauenberatungsstellen und Frauennotrufe (BFF). „In Deutschland waren 60 Prozent der Täter, die ihre (Ex-)Partnerin umgebracht haben, vorher polizeilich auffällig.“ Besonders gefährlich seien für Frauen Situationen, in denen eine Trennung angekündigt oder vollzogen sei – „dann eskaliert die Gewalt oft“.
Wo gibt es Beratung und Hilfe für Frauen?
Ziel müsse es sein, bei Gewalt in Partnerschaften Hochrisikofälle zu erkennen und wirksam zu handeln, schreibt der BFF. Weiterführende Informationen und Hilfsangebote sind auf der Internetseite der Organisation zu finden: www.frauen-gegen-gewalt.de.