Stadtentwicklung
„Ich halte Conrebbersweg-West für nachhaltig“
Seit vergangenem Jahr ist Irina Krantz Stadtbaurätin in Emden. Wir haben mit ihr über ihre Ziele, das Mega-Baugebiet Conrebbi und ihre neuen Kollegen gesprochen – und über einen Dino.
Emden - Sie stammt aus dem Rheinland, hat Architektur in Aachen studiert und in ihrer Diplomarbeit ein Stadtentwicklungskonzept für Lissabon geschrieben. 2015 zog es die 43-Jährige mit ihrer Familie nach Ostfriesland. Nach sechs Jahren an der Spitze des Fachbereichs Planen und Bauen der Stadt Aurich wechselte sie im vergangenen Oktober nach Emden. Dort übernahm Krantz als erste Frau das Amt der Stadtbaurätin.
Frage: Wie wollen Sie Emden als Stadtbaurätin entwickeln?
Irina Krantz: Das Wichtigste für mich ist es, die Emderinnen und Emder mitzunehmen.
Frage: Weil das von Ihren Vorgängern versäumt worden ist?
Krantz: Nein, das soll keine Kritik an der Vergangenheit sein. Ich bin davon überzeugt, dass man neue Orte nur gestalten kann, wenn man auch die Leute mitnimmt, die dort leben und die diese Plätze nutzen sollen.
Was und warum
Darum geht es: Emdens neue Stadtbaurätin Irina Krantz und ihre Ziele
Vor allem interessant für: Emderinnen und Emder, die eine bessere Vorstellung von der neuen Stadtbaurätin bekommen möchten
Deshalb berichten wir: Die 43-Jährige wechselte im vergangenen Jahr von Aurich nach Emden und trat die Nachfolge des langjährigen Stadtbaurates Andreas Docter an. Den Autor erreichen Sie unter: g.paeschel@zgo.de
Frage: Spielen Sie auf die Verkehrsexperimente in Emden an und die Frage, wie die Innenstadt der Zukunft aussehen soll?
Krantz: Wir haben dort die schöne Situation, dass wir vieles ausprobieren können. Es ist noch nichts in Stein gemeißelt, das ist die klare Aussage. Wir reden mit allen darüber.
Frage: Dennoch werden Sie es nie allen recht machen können. Auch das zeigen die Reaktionen und die zum Teil sehr hitzigen Diskussionen. Wo wünschten Sie sich für die Stadtverwaltung mehr Freiheit? Oder anders gefragt: Wo hat der Bürgerdialog seine Grenzen?
Krantz: Es ist in einem Beteiligungsprozess wichtig zu zeigen, wo wir gerade stehen. Sie haben recht. Man kann nicht immer die Rolle rückwärts machen. Am Anfang eines solchen Prozesses wie die Neuausrichtung der Innenstadt kann ich sehr frei reingehen. So haben wir es jetzt im Herbst bei der Neutorstraße getan. Da haben wir ganz offen gefragt, was die Leute wollen. Aber ich kann nicht im nächsten Schritt noch mal fragen: „Was wünscht Ihr Euch alles?“ Wir haben aus diesen Gesprächen mitgenommen, dass vielen das Thema Aufenthaltsqualität wichtig ist. Dafür haben wir Vorschläge erarbeitet. Jetzt müssen wir klar kommunizieren, dass wir für Verbesserungsvorschläge offen sind und in einem dritten Schritt bereit sind, die mit umzusetzen.
Frage: Das nächste große Experiment nach der Neutorstraße wird die Straße Am Delft sein. Lassen wir mal für einen Augenblick außen vor, was die Emderinnen und Emder, Ratsfraktionen oder Oberbürgermeister Kruithoff dort gerne hätten. Was möchten Sie persönlich am liebsten mit der Straße anstellen?
Krantz (lacht): Ich will nichts mit der Straße anstellen. Aber ich halte es für eine ganz große Chance, die Stadt an der Stelle näher ans Wasser zu holen. Es gibt viele Beispiele dafür, welche Potenziale es mit sich bringt, wenn Hauptverkehrstrassen zu Gunsten nutzbarer Flächen für Menschen zurückgebaut werden. Das würde ich gerne auch für Emden versuchen.
Frage: Wie wollen Sie den Verkehr umleiten, ohne das Ringstraße oder Agterum der Infarkt droht?
Krantz: Indem Sie Möglichkeiten schaffen, auf verschiedenen anderen Verkehrswegen in die Innenstadt zu kommen: zu Fuß, mit dem Bus, der Bahn oder dem Fahrrad...
Frage: ...und mit dem Auto?
Krantz: ...auch mit dem Auto, natürlich. Beim Auto geht es dann sicherlich um das Thema Parkraum. Wir müssen aber auch gucken, wer wirklich in die Innenstadt muss und wer vielleicht genau so gut außen rum fahren kann? Im Herbst ist der Trog fertig. Dann steht uns diese wichtige Umgehungsmöglichkeit wieder zur Verfügung. Wir dürfen auch nicht vergessen, dass wir einen Autobahnring haben. Und außerdem arbeiten wir an einem besseren Durchfluss am Agterum.
Frage: Das Gutachten, das der Stadt zum Verkehr vorliegt, sieht für die Strecke Agterum keinen Handlungsspielraum...
Krantz: Wir müssen uns trotzdem genau anschauen, wie die Bedarfsfußgängerampeln und der Vorrang für den Busverkehr den Straßenverkehr ausbremsen. Ich glaube, dass wir einen deutlich besseren Durchfluss bekommen, wenn uns das nicht immer die grüne Welle zerschießt. Es ist zweifellos eine hohe Kunst, alles aufeinander abzustimmen. Ob uns das zur Zufriedenheit aller gelingt, kann ich Ihnen leider auch nicht sagen.
Frage: Wie viel Handlungs- und Gestaltungsspielraum lässt man der Stadtbaurätin denn innerhalb der Verwaltung?
Krantz: Im Rahmen der üblichen Gesetze und Regelungen gibt es immer wieder Möglichkeiten, sich einzubringen.
Frage: Die Frage zielte eher auf das Miteinander mit Ihren noch immer recht neuen Kolleginnen und Kollegen.
Krantz: Den Vorstand würde ich als sehr gutes Team bezeichnen, das sich immer sehr gut ergänzt und bereichert. Das gilt auch für die Fachbereiche oder den Bau- und Entsorgungsbetrieb. Ich denke, dass noch viele spannende Ideen für die Stadt möglich sind.
Frage: Wie sehr hat man sich im Verwaltungsvorstand über den Nabu-Negativpreis „Dino“ für das Megabaugebiet Conrebbersweg-West geärgert?
Krantz: Geärgert ist das falsche Wort. Wir haben uns schon gefragt, ob Emden unbedingt das negativste Beispiel eines Baugebietes ist?
Frage: Was denken Sie?
Krantz: Ich bestreite es. Ich halte das Baugebiet für sehr nachhaltig.
Frage: Ist es nachhaltig, so viel wertvolle Natur zu versiegeln?
Krantz: In einem gewissen Rahmen ist es notwendig. Man muss sich aber genaue Gedanken darüber machen, wo versiegele ich und warum. Einen gut integrierten Standort für Wohnungsbau wie Conrebbersweg halte ich für wesentlich geeigneter als eine grüne Wiese ohne Einbindung in ein Stadtgefüge.
Frage: Und wie sozial ist das Projekt? Entsteht dort ausreichend sozialer Wohnraum?
Krantz: Conrebbi wird sozial, wenn auch nicht unbedingt im Sinne von sozial gefördertem Wohnungsbau. Wir setzen uns insbesondere für junge Familien ein. Wir haben feste Preise und einen Kriterienkatalog für die Vergabe der Grundstücke, der Familien bevorzugt, die am Anfang ihres gemeinsamem Weges stehen und ein Haus bauen wollen. Auch das ist ein sozialer Aspekt: Wir ermöglichen diesen Menschen, in Eigentum zu investieren und damit eine Altersabsicherung zu haben.
Frage: Das Baugebiet wird aber den Mangel an kleineren, günstigen Wohnungen in Emden nicht lösen.
Krantz: Wir haben auch einen Bedarf an Studentenwohnungen und barrierefreien Wohnungen. Da müssen wir sicherlich kritisch gucken, wo wir nachbessern können.
Frage: Reicht das? Oder muss Emden sozialer werden?
Krantz: Wir haben mit Barenburg, Port Arthur/Transvaal und jetzt neu auch Borssum drei soziale Stadtgebiete. Wir haben das energetische Quartier Innenstadt und das Gemeinwesen, das sich jetzt speziell noch einmal der Situation in der Innenstadt in einem eigenen Projekt annimmt. Ich glaube, da sind wir schon viel weiter als die meisten Städte um uns herum.
Frage: Trotzdem wirft Ihnen das Aktionsbündnis „Besser Wohnen“ vor, über den neuen Mietspiegel den Mangel an bezahlbaren Wohnungen zu verschärfen.
Krantz: Das ist eine Kritik, die bei neuen Mietspiegeln immer laut wird. Ich kenne es nicht anders. Wir sind gut aufgestellt und haben uns dazu entschlossen, unsere Wohngeldstelle zu verstetigen. Es stimmt aber, dass wir weiter gucken müssen, ob es zusätzliche Projekte geben kann, um die ganz besonderen Bedarfe, auf die das Aktionsbündnis hinweist, nachkommen zu können. Ein gutes Beispiel dafür ist das Projekt Frauenhaus.