Berlin
Marburger-Bund-Chefin: FFP2-Maskenpflicht bis zum Frühsommer!
Susanne Johna, Chefin des Ärzteverbandes Marburger Bund, gehört seit Beginn der Corona-Pandemie zu den Warnern. Doch jetzt sieht auch die 56-Jährige die Zeit für Lockerungen gekommen, allerdings nur Schritt für Schritt. Und sie macht eine Ausnahme: Masken müssen bleiben!
Das Interview im Wortlaut:
Frage: Frau Dr. Johna, die Corona-Zahlen sinken, auch der Expertenrat hält Lockerungen für möglich. Kann die Eindämmung womöglich schon Ende März weitgehend enden, wie es die Bundesregierung plant?
Antwort: In der jüngsten Stellungnahme des Expertenrats steht ein ganz zentraler Satz: „Ein zu frühes Öffnen birgt die Gefahr eines erneuten Anstieges der Krankheitslast.“ Das sehen wir ganz genauso. Es kann nur schrittweise gehen und mit Augenmaß. Ich glaube, wenn wir so vorgehen und nicht überstürzt handeln, vermeiden wir böse Überraschungen. Wir dürfen ja nicht vergessen, es gibt leider immer noch 16 Millionen ungeimpfte Erwachsene. Darunter sind auch 2,8 Millionen über 60-Jährige ohne zweifachen Basis-Impfschutz. Wenn sich diese Menschen vermehrt infizieren – und das werden sie bei Aufhebung aller Schutzmaßnahmen – wird es in dieser Gruppe auch deutlich mehr Erkrankungen geben. Deshalb müssen wir der Impfkampagne wieder mehr Schub geben. Auch bei den Auffrischungsimpfungen ist noch sehr viel Luft nach oben.
Frage: Also begrüßen Sie den Lockerungsplan aus dem Kanzleramt?
Antwort: In der Beschlussvorlage zu der Ministerpräsidentenkonferenz wird ein gestuftes Vorgehen in Aussicht gestellt. Das ist der richtige Ansatz. Ich halte es für sinnvoll, im Abstand von etwa einer Woche neue Lockerungsschritte umzusetzen. Die 2G-Regel im Einzelhandel ist entbehrlich, wenn stattdessen bis auf weiteres die FFP2-Maskenpflicht beibehalten wird. Sie sollte als letztes wegfallen, weil sich die FFP2-Masken in der Pandemie als besonders hilfreich erwiesen haben. Solange wir eine derart hohe Infektionsaktivität haben wie jetzt, sind FFP-2-Schutzmasken gerade in Innenräumen absolut unentbehrlich.
Frage: Wann können wir unsere Masken weglegen?
Antwort: Wahrscheinlich wird man sie im Frühsommer nicht mehr brauchen, in Teilbereichen des Gesundheitswesens werden sie aber wohl zum Alltag gehören. Wir haben ja gesehen, wie wirkungsvoll das Tragen von Schutzmasken ist, um gerade vulnerable Personengruppen vor Ansteckung zu schützen. Wenn es im Herbst wieder zu vermehrten Infektionen kommt, womit wir rechnen sollten, werden Masken in Innenräumen erneut gebraucht werden, um sich selbst zu schützen und das Infektionsgeschehen einzudämmen.
Frage: Schützen die Masken auch vor anderen Infektionskrankheiten?
Antwort: Ja! Wir haben jetzt im dritten Jahr in Folge keine relevante Influenza-Aktivität. Es ist noch nicht abzusehen, ob sich das grundlegend ändert, wenn die Masken teilweise wegfallen. Wir sollten aber darauf vorbereitet sein, dass die Influenza in der nächsten Saison wieder mehr Probleme macht. Auch hier kann man nur wieder an die Bevölkerung appellieren, die Grippeschutz-Impfung wahrzunehmen, das gilt insbesondere für ältere Menschen.
Frage: Ein enormer Anteil der Bevölkerung ist geimpft oder genesen. Müssen wir uns trotzdem auf eine neue und bedrohliche Welle im Herbst einstellen?
Antwort: Wie groß die Welle im Herbst sein wird, kann man jetzt noch nicht sagen. Das hängt ja auch ganz entscheidend davon ab, wie viele Menschen bis dahin geimpft sind. Es gibt noch nicht das Maß an Immunität in der Bevölkerung, das uns vor etwaigen Überlastungen schützen kann. Da hinken wir in Deutschland anderen Ländern in Europa, beispielsweise Dänemark, immer noch hinterher.
Frage: Aber braucht es wirklich noch eine einrichtungsbezogene Impfpflicht, wenn für den Herbst eine allgemeine Impfpflicht kommt?
Antwort: Die einrichtungsbezogene Impfpflicht ist ein erster Schritt, der dazu dient, besonders vulnerable Personengruppen, zum Beispiel ältere oder immungeschwächte Menschen, so gut wie möglich zu schützen. Das duldet aus meiner Sicht keinen Aufschub und sollte jetzt auch einheitlich in allen Bundesländern umgesetzt werden. Die allgemeine Impfpflicht wird uns im Herbst helfen, wenn sie zügig, also noch vor Ende Mai, in Kraft getreten ist. Bis zum Abschluss der kompletten Impfung inklusive Booster vergehen ja mindestens vier Monate. Ich halte die Impfpflicht für die richtige Antwort auf die Gefährlichkeit des Coronavirus.
Frage: Aber die Zahlen gehen runter...
Antwort: Die jetzige Omikron-Welle mit vielen leichteren Verläufen darf uns nicht vergessen lassen, dass die Delta-Virusvariante weiterhin da ist und auch zukünftige Virusmutationen möglich sind. Deswegen ist ein breiter Impfschutz enorm wichtig, um auf durchgreifende Maßnahmen möglichst auch dauerhaft verzichten zu können.