Justiz
Mega-Drogenprozess: Zwei Brüder eines Familienclans angeklagt
Drogen im Wert von rund 1,3 Millionen Euro soll ein Familienclan umgesetzt haben. Zwei Brüder stehen nun vor Gericht. Einer ihrer Anwälte war zum Prozessauftakt auf Krawall gebürstet.
Aurich - Kokain, Heroin, Marihuana, Amphetamin, Ecstasy, Crystal Meth und die dazugehörigen Streckmittel, offenbar bestellbar per Hotline: Am Auricher Landgericht begann am Dienstag ein Megaprozess gegen zwei mutmaßliche Mitglieder einer Bande, die aus den Niederlanden heraus große Mengen von Drogen jeglicher Art an Personen in Ostfriesland, Wilhelmshaven und Papenburg verkauft haben sollen. 29 Fortsetzungstermine sind bis Ende Mai geplant.
Die angeklagten Niederländer, zwei Brüder im Alter von 27 und 22 Jahren, schweigen. Sie sollen einer kriminellen Vereinigung angehört haben, die Drogen im Wert von insgesamt mehr als einer Million Euro umgesetzt hat. Der Prozess fand unter großen Sicherheitsvorkehrungen statt. Am ersten Prozesstag zeigte sich einer der Verteidiger auf Krawall gebürstet.
27-Jährige soll an 334 Fällen beteiligt gewesen sein
Die Staatsanwaltschaft legt den Angeklagten bandenmäßiges Handeltreiben mit Betäubungsmitteln in nicht geringen Mengen beziehungsweise Beihilfe zur Last. Sie sollen die Drogen zwischen Mai 2019 und April 2021 in Hoogezand und Sappemeer (Provinz Groningen) sowie in Emden und andernorts verkauft haben.
Der 27-jährige Angeklagte soll an 334 Fällen beteiligt gewesen sein. Er soll zu den Rädelsführern oder Hintermännern der kriminellen Vereinigung gehört haben. Gemäß der Anklage hat er je circa fünf Kilogramm Kokain, zwei Kilogramm Heroin, 25 Kilogramm Marihuana, acht Kilogramm Amphetamine, 151 Ecstasy-Tabletten sowie 50 Gramm Crystal Meth im Wert von 348.000 Euro umgesetzt.
22-Jährigem werden 143 Fälle vorgeworfen
Seinem jüngeren Bruder wirft die Staatsanwaltschaft Beteiligung in 143 Fällen vor. Er soll je circa zwei Kilogramm Kokain, ein Kilogramm Heroin, sieben Kilogramm Marihuana und zwei Kilogramm Amphetamine im Wert von 164.000 Euro verkauft haben.
Die kriminelle Vereinigung soll aus fünf Brüdern eines marokkanisch stämmigen Familienclans, zwei bekannten und weiteren unbekannt gebliebenen Personen bestanden haben. Laut den Ermittlungen setzten sie Drogen im Wert von rund 1,3 Millionen Euro um. Insgesamt sollen je circa 20 Kilogramm Kokain, acht Kilo Heroin, 77 Kilo Marihuana, 22 Kilo Amphetamine, 1300 Ecstasy-Tabletten und ein Kilo Crystal Meth sowie Streckmittel verkauft worden sein.
Familienclan soll drei Hotlines betrieben haben
Die Drogen wurden laut Anklage selbst hergestellt, in Rotterdam bezogen oder im Ausland eingekauft. Der Vertrieb soll arbeitsteilig erfolgt sein. Die Vereinigung soll über fünf Bestell-Hotlines erreichbar gewesen sein. Der 27-jährige Angeklagte und sein Zwillingsbruder sollen die Bestellungen entgegen genommen haben. Gemäß der Anklageschrift war der 22-Jährige für die Auslieferung zuständig oder er brachte bestellte Drogen zu einer der Übergabe-Wohnungen in Hoogezand und andernorts. Ein weiteres Mitglied soll Abnehmer in Wilhelmshaven, Emden und im Landkreis Aurich beliefert haben. Als Zahlungsmittel soll die Bande Bargeld oder Kraftfahrzeuge akzeptiert haben.
Die Käufer aus Emden, Wilhelmshaven, Papenburg, dem Bereich Aurich und dem Landkreis Leer sollen bei der Bande wiederholt – teils mehr als 200 Mal – Drogen bestellt haben. Eine Person aus der JVA Meppen hat über sie 31 Mal Stoff im Wert von rund 10.000 Euro bezogen.
Berliner Anwalt wütet gegen „Provinzgericht“
Beide Angeklagte erschienen mit je zwei Verteidigern. Damit der Prozess bei krankheitsbedingten Ausfällen weitergehen kann, gibt es je einen Ergänzungsrichter und -schöffen. Auch die Staatsanwaltschaft ist doppelt vertreten. Die Verhandlung war von Anfang an durch das aggressive Gebaren eines Verteidigers des 27-jährigen Angeklagten geprägt. Der Berliner Rechtsanwalt Johannes Eisenberg hat nach unverhältnismäßigen Unmutsbezeugungen über den leicht verspäteten Prozessbeginn umgehend einen Antrag auf Abnahme der Fußfesseln der Angeklagten gestellt, der von der Kammer zurückgewiesen wurde. Diese vom Vorsitzenden Richter wegen erhöhter Fluchtgefahr angeordnete Maßnahme rügte der Anwalt als „unverhältnismäßig“, „demütigend“ und „eine Verletzung der Menschenwürde“. Zwischendurch wetterte er in einer wütenden Salve gegen das „Provinzgericht“. Weiter unterstellte er der ersten Großen Jugendkammer Befangenheit. Erst ganz zum Schluss ruderte Eisenberg in puncto Fußfesseln zu einem „so richtig in Ordnung finde ich das nach wie vor nicht“ zurück.
Nächster Verhandlungstag steht fest
Seine Kollegin verlas einen 30-seitigen Antrag, in dem sie der Verwertung der Erkenntnisse aus der Telekommunikationsüberwachung und der Observation widersprach. Eine Verteidigerin des 22-jährigen Angeklagten stellte einen weiteren Antrag, der die Vernehmung des Ermittlungsführers zu einem derartig frühen Verfahrenszeitpunkt ablehnte. Aufgrund des Umfangs der Anträge wurde nicht über sie beschieden. Der Zeuge wurde abgeladen.
Der Prozess wird am Freitag, 18. Februar, um 9 Uhr in Saal 003 fortgesetzt.