Tierhaltung
Ein faires Kotelett hatte einen Ringelschwanz
Viele Schweinehalter stecken in der Krise. Gut dran ist nur, wer nicht zwischen Schweinegrippe und Niedrigpreisen in der Discounter-Falle sitzt: Über Landwirte, die einen anderen Weg gefunden haben.
estAurich/Leer - Wenn seine Schweine auf dem Weg zum Schlachter noch ihre Ringelschwänze haben, weiß Johannes Erchinger, dass er alles richtig gemacht hat. Für ihn ist der wippende Ringelschwanz ein Symbol für ein zufriedenes Schwein. Denn viele gestresste oder gelangweilte Tiere beißen ihn ab. Der Landwirt hält in Logabirum 200 Sauen auf der Weide – ganzjährig. Auch im Winter bringen sie geschützt in ihren mit Stroh eingestreuten Hütten ihre zehn bis elf Ferkel zur Welt. Duke of Berkshire heißt die robuste Rasse, die er hier hält. Die meisten Tiere verlassen seinen Hof in Richtung Maststall in der Grafschaft Bentheim, wenn sie 25 bis 30 Kilogramm wiegen. Aber auch dort, weiß Erchinger, geht es ihnen gut. Er weiß auch, wo sie geschlachtet werden.
Was und warum
Darum geht es: Landwirte und Fleischer berichten, wie sie sich auch ohne Tierwohl-Label und Bio-Siegel für eine faire Tierhaltung einsetzen.
Vor allem interessant für: Verbraucher und Landwirte
Deshalb berichten wir: Noch immer leiden viele Schweinehalter unter den schlechten Preisen auf dem Markt. Deshalb wollten wir welche zu Wort kommen lassen, die einen anderen Weg gefunden haben. Die Autorin erreichen Sie unter: n.boening@zgo.de
Was alles dazugehört, dass die Schweine bis zuletzt mit ihren Schwänzen wippen können, ist nicht so einfach zu sagen: „Es sind viele Faktoren“, sagt Erchinger: „Sie müssen sich beschäftigen und bewegen können, der Tag und das Umfeld müssen eine Struktur haben und möglichst stressfrei sein.“ Das alles ist unter den üblichen Bedingungen eines Hochleistungsstalls kaum zu erfüllen. Deshalb hat er seine Schweine im Jahr 1996 nach draußen verfrachtet. Anfangs produzierte Johannes Erchinger noch für den freien Markt. Seit 2015 erzeugt er die Ferkel des Dukes of Berkshire für den Handelshof zu festen Konditionen.
Der Wandel ist ein Erdrutsch
Johannes Erchinger gehört damit zur wachsenden Zahl an Landwirten, die auch ohne Bio-Siegel und Tierwohl-Label den Tieren ein gutes Leben bieten können. Es ist ein geschlossener Kreislauf und die Kunden wissen die Qualität zu schätzen. So kann es funktionieren, sagt er. Die Sorgen, die seine Kollegen auf dem freien Markt heute haben, betreffen ihn zwar nicht mehr persönlich, aber sie machen ihn betroffen. Denn sie stecken in einem System fest, das ihnen wenig Spielraum lässt, so drückt er es aus. „In der Schweinehaltung vollzieht sich gerade ein erdrutschartiger Wandel, der viele Existenzen zerstört“, sagt er.
Erchinger meint, es hätte auch anders laufen können. Der Wandel war bereits im Gange. Aber der Absatzrückgang in der Pandemie und der fehlende Export durch die Schweinepest kamen dazwischen. „Einer ganzen Branche wurde in kürzester Zeit der Garaus gemacht“, sagt er düster. Es ist einer der wenigen Sätze, die Erchinger spricht, ohne zu lächeln. „In diesem Kreislauf stecken nicht nur die Produzenten, sondern auch die Berater, Futtermittelhändler, Zuchtbetriebe und Stallbauer. Der Markt ist brutal und kann sie alle gefährden.“ Klar, sagt Erchinger, irgendwann haben viele aufgegeben, Schweinefleisch wird knapper und die Preise steigen wieder. Es klingt wie eine düstere Prophezeiung als er sagt: „Es wird Grillsaisons geben, in denen ist Schweinefleisch ein Luxusartikel.“
Alles in einer Hand
Noch ist es nicht so weit. Noch sind die Preise niedrig, vor allem für Ferkel. „Die Landwirte im System müssen in Masse liefern, um von den Preisen die Familie ernähren zu können“, sagt Erchinger. Bei den Mästern sei es nicht anders. Das Bild, das Erchinger skizziert, kennt Erich Loers aus Tannenhausen. Er hatte früher selbst 130 Sauen. Alle zwei Wochen verkaufte er 120 bis 150 Ferkel. Es sollten aber 300 sein, damit sich die Fahrt für seinen Abnehmer lohnte. Für Loers nicht machbar. Weichen oder wachsen hieß es damals. 2014 hörte er auf. Zu der Zeit machte er 20 Euro Minus pro Tier. „Dabei war es damals noch lange nicht so schlimm wie heute“, sagt Loers. „Für eine kurze Zeit kann man das überbrücken, aber auf Dauer ist das nicht machbar.“
Hinrich Campen aus Aurich hat damals die Schweinehaltung auf dem Hof von Erich Loers übernommen. Gefleckte Bentheimer Schweine und ein paar Dukes of Berkshire von Johannes Erchinger tummeln sich jetzt in den Ställen von Loers. Auch bei ihnen wippen die Ringelschwänze bei jeder Bewegung mit. Die Tiere stehen auf Stroh, haben Platz. Was Erchinger im Großen macht, läuft bei Hinrich Campen im Kleinen. Bis auf das Schlachten und die Ferkelproduktion, macht der Familienbetrieb rund um den Partyservice und den Hofladen Campen alles selbst: mästen, zerlegen, verwerten, verkaufen. „Nur wenn die Wertschöpfung in einer Hand liegt und man die Preise selbst steuern kann, kann das funktionieren“, sagt Campen.
Verkauf mit gutem Gewissen
Es ist ein Familienbetrieb, in den jeder eingespannt ist. Fünf Mitarbeiter gehören dazu. Verbraucht wird alles, was das Schwein hergibt. Deshalb liegen in der Auslage des Hofladens auch Pfötchen. „Das ist vielleicht etwas befremdlich, aber ein altes ostfriesisches Gericht“, sagt Campen und schmunzelt. Das Motto: So wenig wegwerfen, wie möglich. Bleibt etwas übrig, wird es zu Gläsergerichten wie Gyrossuppe, Nudelsoße oder Grünkohl verarbeitet. 2007 hat Hinrich Campen den Betrieb gegründet. Seit 2009 hat er selbst Schweine. „Es hat fünf Jahre gedauert, bis es richtig lief“, so Campen. Jetzt möchte er in Wiesens einen Schweinestall bauen – genau nach seinen Vorstellungen für zufriedene Schweine. Er weiß schon, dass die Genehmigung schwierig wird.
Den Partyservice und den Hofladen im umgebauten ehemaligen Schweinestall führt sein Sohn. Auch wenn Tammo Campen selbst gelernter Schlachter ist, übernehmen Betriebe aus der Region das Schlachten. Die Auflagen sind für ein kleines Unternehmen viel zu hoch. Hofladen und Partyservice bringen viel Arbeit für alle mit sich. „Die Stunden, die wir für den Betrieb da sind, darf man nicht zählen“, sagt Tammo Campen: „Dafür verkaufen wir hier mit einem guten Gewissen Produkte, hinter denen wir auch stehen können.“ Ein weiterer Vorteil des Geschäftsmodells: Abhängig sind die Campens nicht von einem Abnehmer, sondern von vielen Kunden – und die wissen die Arbeit zu schätzen.
Die Haltung macht den Preis
Fleischer Markus Leggedör aus Weener arbeitet ähnlich, hat aber für die Tiere im Laufe der Jahre neun Landwirte ins Boot geholt. Sie liefern Deichlämmer, Salzwiesenkälber, Weiderinder und auch die Weideschweine von Johannes Erchinger gehören dazu. „Ich sage, welche Anforderungen ich habe und frage sie, welchen Preis sie brauchen, um sie zu erfüllen“, so Leggedör. Daraus ergibt sich der Preis für das Fleisch und die Wurst. Das System funktioniert. Im Kleinen. „Die Discounter machen es von oben. Sie sagen, wie viel das Schwein kosten darf. Entweder liefert man für das Geld oder gar nicht“, sagt er. Dass bei einem solchen System das Tierwohl auf der Strecke bleibt, sei logisch.
Bleiben die Ringelschwänze in Aurich und Logabirum Einzelfälle? „Der Schweinemarkt wird sich innerhalb der nächsten zehn Jahre komplett umkrempeln“, glaubt Johannes Erchinger. Auch Markus Leggedör gibt dem Wandel noch zehn bis 15 Jahre: Selbst wenn es für seinen eigenen regionalen Kreislauf keine Bedeutung hat, setzt er dabei auf das Tierwohl-Label. Es ist ein Siegel, an dem der Verbraucher erkennt, wie sein Kotelett einmal gelebt hat: „Dann weiß man, wofür man bezahlt. Dass es für den Verbraucher letztendlich teurer wird, ist Teil des Umschwungs. Es wird zwar weniger Fleisch gegessen, das ist aber auch richtig so.“ Wichtig sei nur, von den Billigfleischproduzenten wegzukommen. Zum Wohl der Tiere und für mehr wippende Ringelschwänze.
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