Gesundheit
Rezeptfreie Schlafmittel: Sanfte Drogen für das Sandmännchen
Rezeptfreie Schlafmittel haben sich in den vergangenen Jahren immer stärker verbreitet. Halten sie, was sie versprechen und was hilft wirklich bei Einschlafproblemen?
Aurich - Millionen Deutsche haben die Situation schon einmal erlebt: Man liegt seit Stunden hellwach im Bett. Auf dem Wecker rücken die Zeiger unerbittlich vor in Richtung Morgenalarm. Einfach nur schlafen, mehr will man gar nicht. Aber das Sandmännchen scheint diese Adresse von seiner Route gestrichen zu haben.
Was und warum
Darum geht es: Ob rezeptfreie Schlafmittel halten, was sie versprechen.
Vor allem interessant für: Alle, die selbst Schlafstörungen haben
Deshalb berichten wir: Einige durchwachte Nächte und diverse Werbespots machten den Autor neugierig. Den Autor erreichen Sie unter: j.schoenig@zgo.de
Neuer Markt für altbekannte Wirkstoffe
Das Wort Schlaftabletten verbindet man meist mit hochwirksamen Medikamenten (Hypnotika), die vom Arzt verordnet werden müssen, schnell abhängig machen können und deren Überdosierung eine verbreitete Suizidmethode ist. Doch neben diesen „klassischen“ Schlafmitteln gibt es mittlerweile eine Reihe rezeptfreier Präparate. Beworben werden sie oft damit, keinen „Gewöhnungseffekt“ zu haben, also nicht abhängig zu machen. Für diese Mittel gibt es zwei verschiedene Grundwirkstoffe: Antiallergene und Melatonin.
„Allergiemedikamente der ersten Generation hatten oft die Nebenwirkung, dass sie müde machen“, erklärt der Auricher Apotheker Lars Bakker. „Die dafür verantwortlichen Wirkstoffe heißen Antihistamine. Ihre schlaffördernde Wirkung haben die Hersteller im Laufe der Zeit als zweiten Vertriebsweg erkannt und stellen seit etwa 20 Jahren Schlafmittel daraus her, während moderne Allergiemedikamente heute deutlich weniger müde machen.“ Zu den bekanntesten Mitteln dieser Gruppe gehören Hogger Night und Vivinox. Ihre Wirkstoffe waren früher noch verschreibungspflichtig. „Wenn ein Wirkstoff nach längerer Beobachtung keine schweren Nebenwirkungen entfaltet, kann die Arzneimittelkommission die Rezeptpflicht dafür aufheben“, erklärt Bakker. „Das war bei diesen Wirkstoffen der Fall. Sie sind aber nach wie vor apothekenpflichtig. Die Kunden müssen also zu uns kommen und danach fragen, damit wir sie dazu beraten können.“ Grundsätzlich sei die Nachfrage nach rezeptfreien Schlafmitteln in den vergangenen Jahren bei ihm gestiegen, aber nicht explodiert, sagt Bakker.
Die Droge aus dem eigenen Körper
Die zweite Gruppe rezeptfreier Schlafmittel basiert auf dem körpereigenen „Schlafhormon“ Melatonin. Es wird bei Dunkelheit im Zwischenhirn produziert und steuert den Tag-Nacht-Rhythmus des Körpers. „In den gängigen Präparaten ist das Melatonin mit Vitamin B und pflanzlichen Wirkstoffen wie Baldrian kombiniert“, erklärt Bakker. Für sich genommen sind diese Wirkstoffe alle nicht neu. In der Kombination aber scheinen sie ihre Wirkung zu entfalten. „Wir empfehlen bei Schlafstörungen normalerweise zunächst rein pflanzliche Mittel“, sagt Bakker. „Erst wenn die Kunden damit noch nicht zufrieden sind, gehen wir zur Kombination mit Melatonin über. Und da bekommen wir oft die Rückmeldung, dass das wirklich geholfen habe.“ Melatoninpräparate gibt es in Tablettenform, als Kautabletten und als Mundspray. „Bei den beiden letzteren wird ein Teil des Melatonins schnell über die Mundschleimhaut aufgenommen und fördert so das Einschlafen“, so Bakker. „Der Rest wird verzögert aufgenommen und fördert damit das Durchschlafen.“
Eine Überdosierung mit Melatonin ist laut Bakker unproblematisch. „Zuviel aufgenommenes Melatonin wird vom Körper normal abgebaut“, sagt er. „Allenfalls Vitamin B kann sich im Körper anreichern. Die Dosierung in diesen Mitteln ist aber so gering, dass selbst eine ganze Schachtel davon keine ernsthaften Schäden verursachen würde. Eher würde man Durchfall von den Trägerstoffen bekommen.“ Auch ein Suchtpotenzial sei nicht gegeben, fügt Bakker hinzu. „Allerdings kann bei langfristigem Gebrauch die Gefahr bestehen, dass der Körper seine eigene Melatoninproduktion zurückfährt. Außerdem bedeutet jedes Schlafmittel einen Eingriff in den Schlafrhythmus. Deshalb sollten auch Melatonine und Antihistamine nur kurzfristig eingenommen werden. Die größten bei uns erhältlichen Packungen enthalten auch nur 20 Tabletten, damit das Mittel möglichst nicht gleich ein halbes Jahr lang eingenommen wird.“
Geht es auch ohne Pillen?
Wer Tabletten oder Sprays misstraut, greift mitunter zu anderen vermeintlich erforschten Hilfsmitteln. Sieht man sich bei gängigen Musik-Streamingdiensten um, stößt man auch auf die Rubrik „Einschlafen“. Neben sanfter Klaviermusik und Naturgeräuschen gibt es dort auch Sammlungen, die sogenannte „binaurale Töne“ enthalten, die das Entspannen und Einschlafen fördern sollen. Was steckt dahinter?
„Unser Gehirn vergleicht laufend die Unterschiede zwischen den Klängen am rechten und linken Ohr, um zu bestimmen, woher ein Geräusch kommt“, erklärt Prof. Dr. Dr. Birger Kollmeier, Direktor des Departments für Medizinische Physik und Akustik an der Universität Oldenburg. „Wenn man künstlich diese beidohrigen (binauralen) Unterschiede verändert - zum Beispiel, indem die Frequenz für jedes Ohr leicht verändert wird - entstehen räumliche Schwankungen im Kopf.“ Diese Schwankungen werden im Gehirn ausgeglichen, was die Entstehung bestimmter Gehirnwellen begünstigen soll, etwa zur Entspannung. Töne im sehr niedrigen Frequenzbereich zwischen 2 und 20 Hertz etwa sollen den Gehirnwellenlängen in verschiedenen Schlafphasen entsprechen. Über Kopfhörer gehört, sollen diese Töne einen schnelleren Eintritt in den Schlaf ermöglichen. Von den physikalischen Grundlagen her klingt das schlüssig. „Zeitliche Schwankungen von Klängen führen zu nachweisbaren Schwankungen in Teilen der Gehirnströme“, sagt Kollmeier. „Ebenso können die Schlafphasen durch Schwankungen im EEG nachgewiesen werden. Beide EEG-Schwankungen sind jedoch unabhängig voneinander.“ Dass die Schlafphasen durch das akustische Signal gesteuert werden, hält der Physiker daher für sehr unwahrscheinlich. „Das wäre ungefähr so, als wolle man das Orchester im eigenen Kopf dazu bringen, ein paar Takte zu überspringen, indem man die Saal-Beleuchtung abwechselnd etwas heller oder dunkler macht.“
Wichtiger für einen guten Schlaf sind aus seiner Sicht ganz andere, einfachere Dinge: „Ein regelmäßiger Tag-Nacht-Rhythmus, keine Aufregung oder große Mahlzeit vor dem Einschlafen, eine vertraute Umgebung und Rituale, um abschalten zu können.“ Das sieht auch Lars Bakker so. „In der letzten Stunde vor dem Schlafengehen sollte man unnötigen Stress vermeiden“, sagt er. „Dazu gehört auch Fernsehen. Wer sowieso Probleme mit dem Einschlafen hat, wird davon nur weiter wach gehalten.“ Wichtig sei außerdem Regelmäßigkeit, um dem Gehirn rechtzeitig zu signalisieren, wann man seine Ruhe haben möchte. „Wenn alles nichts hilft, muss der Arzt den Ursachen für die Schlafstörung auf den Grund gehen.“
Meditation, warme Milch oder ein Buch. Die Liste der Hausmittel und Taktiken, um den ersehnten erholsamen Schlaf zu finden, ist schier unendlich. Wir haben unsere Leser bei Facebook gefragt, wie sie am besten den Weg in die Nachtruhe finden. „Rechtzeitig vor dem Schlafen muss der Stress reduziert werden“, sagt Claudia Nordhausen. Die Borkumerin empfiehlt dafür leichten Sport oder einen Spaziergang. „Zu extremer Sport hingegen ist wieder schlecht“, sagt sie. Ein Hörspiel und eine Gewichtsdecke helfen Isabel Meiert beim Einschlafen. Die schweren Decken gibt es in Gewichten zwischen vier und zehn Kilogramm (eine normale Winter-Bettdecke wiegt knapp ein Kilogramm). Durch ihr Gewicht übt sie sanften Druck auf Gelenke, Muskeln und Sehnen aus, was wiederum entspannend auf den Körper wirken soll. „Ich muss mich pudelwohl fühlen“, sagt Yvonne Gwld. „Dazu muss der Raum komplett abgedunkelt und total still sein. Keine tickende Uhr oder brummende Geräte. Eventuell eine Wärmflasche, das Bett muss kuschelig sein, eine Schale mit Wasser auf der Heizung für ein besseres Raumklima und manchmal habe ich frischen Lavendel mit im Zimmer.“ Einen ungewöhnlichen Tipp hat Kerstin Schlink aus Leer auf Lager: „Wenn der Kopf wieder einmal Karussell fährt und einen einfach nicht einschlafen lässt, dann die Augen schließen und sich grüne Dinge oder etwas Grünes, das man am Tag gesehen hat, vorstellen. So überlistet man sein Kopfkino. Man muss es ein bisschen üben, aber es lohnt sich wirklich.“
Adriana Knack hatte früher auch oft mit dem Gedankenkarussell zu kämpfen. „Was auch definitiv mal geholfen hat, war, die Gedanken aufschreiben“, sagt sie. „Aus dem Kopf, aufs Papier. Das bringt echt was.“
Marion Gerdes nimmt jeden Abend ihr E-Book als Einschlafhilfe zur Hand. „Ich lese dann drei, vier Seiten und die Augen werden schwer“, sagt sie. „Wenn ich nachts wach werde und nicht einschlafen kann, genau dasselbe.“
Therese Anders isst kurz vor dem Schlafengehen eine Banane. „Und wenn ich zwischendurch rausmuss, nehme ich noch einen kleinen Biss und schlafe gleich weiter“, sagt sie. „Klingt beinahe unglaublich, doch mir hilft es.“ Eine Atemübung hilft Christina Müller beim Einschlafen. „Beim Einatmen bis vier zählen, beim Ausatmen bis sieben“, erklärt sie. „Das Ganze elfmal. Bei Bedarf wiederholen. Das hilft zumindest beim Einschlafen.“ Auch Paul Fesenfeld atmet sich in den Schlaf. „Vier Sekunden langsam und konzentriert einatmen, sieben Sekunden Luft anhalten und dann acht Sekunden ganz langsam ausatmen. Das ganze fünfmal hintereinander und der Kopf hört auf zu denken und man schläft zügig ein.“
Sandra Buß hat eine andere, ungewöhnliche Übung parat: „Im dunklen Raum 30 Sekunden lang blinzeln... auf, zu, auf.... dann 30 Sekunden die Augen geschlossen lassen und wiederholen... und zack ... eingeschlafen.“ Gesunde Ernährung ist für Ulli Fleßner der Schlüssel zu gesundem Schlaf. „Und abends eine Stunde vorm Schlafen gemütlich laufen, mit meinen Hunden, ohne Handy die Luft genießen und ins Bett fallen... hilft bei mir immer.“ Drei Punkte sind Karin Groenefeld für guten Schlaf wichtig: „Erstens: Das Bett muss angewärmt sein, das Zimmer dafür gut durchlüftet. So entspannt man sich schneller. Zweitens: Lavendelduft auf dem Kissen. Drittens: Kopfhörer auf und Hypnose-CD an. Macht man das regelmäßig, ist der Körper geschult und reagiert sehr schnell. Dauert nicht lange und man ist eingeschlafen.“ Vermutlich nicht ganz ernst gemeint ist der Tipp von Arno Meinders aus Leer. „Ich hab noch Kälberboxen, die abgemistet werden wollen, und wenn wir damit fertig sind, können wir Großpacken in kleine Ballen pressen, damit das Ganze handlicher wird“, sagt der Landwirt. „Also Leute, die nicht schlafen können, dürfen sich gerne melden.“Schlaflos in Ostfriesland: Das empfehlen unsere Leser