Tierschutz
Kastration bei Katzen: Kleiner Eingriff, große Wirkung?
Eine Kastration bei Katzen ist für Tierschützer viel mehr als ein Schutz vor ungewollter Schwangerschaft. Tierarzt Dr. Mathias Schumann berichtet, warum die OP die Tiere zum Positiven verändert.
Burhafe - Wer eine Katze bei sich aufnehmen will, hat reichlich Auswahl: Die Tierheime platzen aus allen Nähten, die Kleinanzeigen sind voll mit Samtpfoten und so mancher oft unfreiwillige Streuner ist auf der Suche nach einem neuen Wirkungskreis. Es gibt ein deutliches Überangebot an Katzen – und nicht wenigen geht es damit schlecht. Kaum jemand weiß das so gut wie Elfi Kirchdorfer, Vorsitzende des Tierschutzvereins Harlingerland. Sie und zahllose andere Tierschützer sind täglich mit den Folgen dieser „Katzenflut“ konfrontiert. Der kleine Verein aber fährt jetzt schwere Geschütze auf, um etwas zu ändern: „Die Kastration ist das einzige Mittel zur Beseitigung des Katzenelends.“
Was und warum
Darum geht es: Der Tierschutzverein Harlingerland zahlt in einer beispielhaften Aktion Kastrationen für mehr als 150 Wittmunder Katzen und Kater. Ein Tierarzt erklärt, warum dieses Geld bestens angelegt ist.
Vor allem interessant für: Katzenhalter und andere Tierfreunde
Deshalb berichten wir: Kastrationen verhindern Katzenelend, bevor es entsteht. Mit einer Summe von 15.000 Euro leistet ein kleiner Verein einen großen Beitrag. Die Autorin erreichen Sie unter: s.ullrich@zgo.de
15.000 Euro sollen einen Unterschied machen: Das Geld stellt der Verein den zehn Wittmunder Tierärzten zur Verfügung. Erstmals in mehr als 30 Jahren Vereinsgeschichte ist durch mehrere große Einzelspenden eine solch gewaltige Summe zusammengekommen. Damit sollen die Veterinäre Katzen von finanzschwachen Haltern kastrieren: Zwischen 150 und 200 Tiere aus dem gesamten Kreis Wittmund können so noch bis Mitte März auf den Operationstischen landen. Das Haustierregister Tasso unterstützt die Aktion mit 150 Transpondern. Die Vierbeiner werden somit direkt gechippt und registriert. Im Kreisgebiet schreibt eine Katzenschutzverordnung eine fast flächendeckende Kastrations- und Registrierungspflicht für Freigänger vor. Nur die Samtgemeinde Holtriem hat keine.
Halter haben Vorurteile
Tierhalter können sich direkt mit den Wittmunder Praxen in Verbindung setzen. Nach Einschätzung von Dr. Mathias Schumann sind die Kosten in Verbindung mit den Mühen eines Tierarztbesuches für das Gros der Haustierbesitzer der vorrangige Grund, warum ihre Tiere unkastriert umherstreifen. Der Veterinär führt die Tierarztpraxis Burhafe/Middels mit Sitz in Burhafe gemeinsam mit Dr. Reinhard Steudtner, Dr. Jan Hendrik Steudtner und Björn Steudtner. Doch es gebe auch andere Erklärungen von Tierhaltern zu den Gründen, warum sie ihre Vierbeiner eben nicht kastrieren lassen, berichtet Schumann auf Nachfrage. Gewisse Vorurteile halten sich dabei offenbar hartnäckig: „Es gibt Leute, die meinen, die Katze müsste einmal im Leben Junge haben. Das ist definitiv Quatsch“, unterstreicht er.
Im Gegenteil könne eine frühzeitige Kastration verschiedenen Krankheiten vorbeugen. Tumore am Gesäuge beispielsweise seien ohne eine vorherige Schwangerschaft unwahrscheinlicher. Ganz aktiv wirke eine Kastration zudem der Übertragung von Krankheiten entgegen. Katzen und Kater würden nach dem Eingriff weniger liebestoll und umtriebig. Das Resultat: Weniger Revierkämpfe und damit weniger Verletzungen, bei denen sich die Tiere bei ihren Kontrahenten anstecken könnten. Zudem käme es zu weniger Unfällen im Straßenverkehr. „Wer seinem Tier etwas Gutes tun will, lässt es kastrieren.“
„Ein kleiner Eingriff“
Viele Halter befürchten dennoch, ihr Stubentiger könne sich durch eine Operation verändern. Sie kann der Tierarzt beruhigen: „Die Tiere verändern sich im Prinzip nur zum Positiven.“ Einen möglichen Nachteil gibt es aber doch: Manche Vierbeiner würden an Gewicht zulegen. Da kastrierte Katzen und Kater häuslicher und verschmuster werden, sind sie weniger aktiv und unterwegs, brauchen weniger Energie. Schumann rät Haltern darum, beim Füttern aufzupassen. Das aber sei vergleichsweise unproblematisch. Manchmal helfe eine Futterumstellung.
„Es ist ein kleiner Eingriff, bei dem sich der Besitzer keine Sorgen machen muss“, sagt der Veterinär. Er beschreibt den Ablauf so: Der Halter gibt sein Tier nüchtern in der Praxis ab. Ist es gesund und munter, bekommt es eine Narkose. Einem Kater werden die Hoden abgebunden und entfernt. Einer Katze werden durch einen kleinen Schnitt in der Bauchdecke die Eierstöcke entfernt. Innerhalb von maximal einer halben Stunde ist die Operation vorbei. Das Tier verschläft den gesamten Eingriff und wird erst später aufgeweckt und den Besitzern zurückgegeben.
Eine Katze = 240 Millionen Nachkommen
Zwischen 200 und 300 Tiere werden in der Burhafer Kleintierpraxis im Jahr kastriert, schätzt Schumann. Das Narkoserisiko sei verschwindend gering: bei jungen, gesunden Tieren gebe es normalerweise keine Komplikationen. Etwa acht Millionen Katzen leben ungefähr in deutschen Haushalten. Der Deutsche Tierschutzbund schätzt, dass es weitere zwei Millionen Straßenkatzen gibt. Er hat eine vorsichtige Schätzung angestellt: Eine Katze ist mit einem halben Jahr geschlechtsreif und bekommt zwei- bis dreimal im Jahr durchschnittlich vier bis sechs Junge. „Die Überlebenschancen der Jungtiere sind bei freilebenden Katzen zwar gering. Dennoch haben die Tiere enorm viele Nachkommen.“ Bei nur zwei Würfen im Jahr und einem Überleben von drei Jungen summieren sich die Nachkommen einer einzigen Katze in nur zehn Jahren auf 240 Millionen Tiere.
Kirchdorfer beschreibt den aussichtslosen Kampf, den diese Tiere oft führen: „Viele tausend ausgesetzte oder entlaufene Katzen und deren Nachkommen streunen durch die Gemeinden. Meist unversorgt, unterernährt, voll von Parasiten wie Flöhe und Würmern und infiziert mit tödlichen Erkrankungen werden sie verjagt und sterben oft einen grausamen Tod.“ Unkastrierte Freigänger, die sich mit kranken Streunern verpaaren, würden all diese Krankheiten mit nach Hause bringen und auf ihren ungeborenen Nachwuchs übertragen.