Sturmflut 1962
Blick in die Zukunft: Investitionen, Ziele, Klimawandel
Der Meeresspiegel steigt: Investitionen von 100 Millionen Euro jährlich könnten für die Deiche notwendig werden. Ob das ausreicht?
Ostfriesland - Drei schwere Stürme direkt hintereinander und im Anschluss Schnee. Das Wetter im ostfriesischen Februar scheint verrückt zu spielen. „Bis Ende des Jahrhunderts ist in Norddeutschland bis zu 40 Prozent mehr Regen im Winter möglich“, sagt Dr. Insa Meinke vom Helmholtz-Zentrum Hereon in Geesthacht. Das wird sich auch auf die Nordsee auswirken und somit auch auf die Deiche. „Durch ungünstige Winde kann eine Sturmflut Ende des Jahrhunderts bis zu 30 Zentimeter höher werden als heute“, betont die Forscherin.
Was und warum
Darum geht es: Der Meeresspiegelanstieg und die Auswirkungen auf die Deiche
Vor allem interessant für: Alle, die an der Küste leben
Deshalb berichten wir: Anlässlich des Jahrestags der Sturmflut 1962 wollen wir auch einen Blick in die Zukunft wagen Den Autoren erreichen Sie unter: m.kierstein@zgo.de
Der UN Klimarat erwartet bis Ende des 21. Jahrhunderts zudem einen Meeresspiegelanstieg von etwa zwei bis sechs Dezimeter. Das bedeutet, dass sich die bisherige durchschnittliche Anstiegsrate des letzten Jahrhunderts (zwei Dezimeter) im nächsten Jahrhundert verdreifachen kann. Bis zum heutigen Tag scheint sich der Meeresspiegelanstieg an der ostfriesischen Küste jedoch noch nicht so sehr auszuwirken, wie im globalen Schnitt. „Der Anstieg in den letzten 100 Jahren betrug vor Norderney 14 Zentimeter. Im globalen Mittel waren es 18. Der globale Meeresspiegelanstieg verläuft aber immer schneller“, sagt Meinke. Abwarten möchte die niedersächsische Landesregierung deshalb nicht.
Höhere Investitionen
Umweltminister Olaf Lies sagt: „Wir investieren jedes Jahr über 65 Millionen Euro in unsere Deiche. 100 Millionen Euro werden hier künftig notwendig sein, denn unsere Deiche brauchen ein Vorsorgemaß von nicht mehr nur einem halben, sondern in Zukunft von einem Meter.“ Deiche, Sperrwerke und sonstige Schutzwerke schützen heute in Niedersachsen rund 6500 Quadratkilometer und damit 14 Prozent der Landesfläche, die sonst von Sturmfluten unmittelbar bedroht wären. Es gehe um den Schutz von 1,1 Millionen Menschen und Sachwerten im dreistelligen Milliardenbereich. Allein von der niederländischen Grenze bis zum Landkreis Friesland sind es 227 Kilometer Hauptdeich. Hinzu kommen 35 Kilometer Deich auf den Ostfriesischen Inseln. Aktuell werden die Deiche im Bereich Krummhörn und Bensersiel verstärkt. Oft dauern diese Arbeiten mehrere Jahre. Das liegt vor allem daran, dass nur im Sommer gebaut werden kann.
„Bund und Land haben gemeinsam mit den Deichverbänden dafür gesorgt, dass diese Anlagen heute das beste Schutzniveau haben, welches es in der Geschichte des Küstenschutzes je gab. Es ist aber auch klar: Absolute Sicherheit wird es auch hinter noch so wehrhaften Deichen nicht geben. Küstenschutz wird eine Daueraufgabe bleiben“, sagt Carsten Lippe, Sprecher des Niedersächsischen Landesbetriebs für Wasserwirtschaft, Küsten- und Naturschutz (NLWKN).
Schon jetzt an die Zukunft denken
Diese Daueraufgabe gehen die Behörden schon heute an. Ziel ist es, möglichst viel Sicherheit zu bringen, damit sich eine verheerende Flut wie 1962 nicht wiederholt. Man tue alles, um diese von Sturmfluten bedrohten Teile des Landes optimal zu schützen. Es seien aber auch zukünftig umfassende Investitionen in den Küstenschutz nötig, so Lippe. Der Klimadeich ist dabei eine Antwort auf die angestiegenen Forderungen. Ein breiteres Fundament und weniger Steile Hänge bilden den Kern der Deiche. „Das Konzept Klimadeich kann einen Meeresspiegelanstieg von bis zu einem Meter abwehren“, gibt sich auch die Hereon-Forscherin zuversichtlich. „Die Küste zu halten ist bis auf weiteres machbar. Künftige Generationen werden sich aber überlegen müssen, ob es weiter funktioniert.“
Das sieht auch Niedersachsens Umweltminister: „Der beste Küstenschutz bleibt zwar immer noch der Klimaschutz, denn nur so können wir den weiteren Anstieg des Meeresspiegels aufhalten. Wenn wir aber gleichzeitig Lehren aus der Sturmflut vor 60 Jahren ziehen wollen, dann auch die, dass jeder in den Küstenschutz investierte Euro ein gut investierter Euro ist.“ Dabei gibt es viele Ansatzpunkte. Beispielsweise Deichöffnungen und Salzwiesen.
„Wir merken, dass Salzwiesen eine starke wellendämpfende Wirkung haben und so den Druck von Deichen nehmen“, sagt Leena Karrasch vom Zentrum für Umwelt- und Nachhaltigkeitsforschung der Universität Oldenburg. Sie plädiert dafür, das Vorhandene zu ergänzen. „Wir können die Natur nutzen, damit sie hilft“, sagt sie. So könne man beispielsweise Deiche öffnen, um Salzwiesen zu erschaffen. „Die Anpassungen sind lokal allerdings sehr spezifisch. Öffnungen sind nicht überall möglich“, betont die Forscherin. Was auch sie sieht, ist, dass die Deiche heute sicher sind. „Wir werden aber damit anfangen müssen, zu überlegen, wie wir mit Klimaänderungen umgehen“, sagt sie. Es wird also weitergehen mit dem Kampf gegen die Fluten und gegen den Klimawandel.