Gesellschaft

Mieter sauer wegen Vergemeinschaftung des Müll-Problems

Gordon Päschel
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Von Gordon Päschel
| 23.02.2022 13:28 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 6 Minuten
Heinz Mammen (rechts) und Helga Steiml organisieren Widerstand gegen ihre Hausverwaltungsgesellschaft. Foto: Päschel
Heinz Mammen (rechts) und Helga Steiml organisieren Widerstand gegen ihre Hausverwaltungsgesellschaft. Foto: Päschel
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In Emden wurden hunderte Haushalte zu Müllgemeinschaften zusammengelegt, die Kosten werden geteilt. Einige Mieter pochen auf ihr Recht und sperren sich. Nun bekommen sie Unterstützung. Zu spät?

Emden - Stellen Sie sich vor, sie fahren zur Tankstelle und zapfen Treibstoff für 20 Euro. Neben ihnen parkt ein weiterer Kunde, auch er braucht Benzin. Der Tank ist leer. Um ihn aufzufüllen, sind 80 Euro fällig. An der Kasse fasst der Kassierer beide Rechnungen zu 100 Euro zusammen und teilt die Summe auf. Beide sollen 50 Euro zahlen. Vermutlich guckt einer von beiden etwas irritiert aus der Wäsche.

Was und warum

Darum geht es: verärgerte Mieter und Müll in Barenburg

Vor allem interessant für: Anlieger, die von der Umstellung bei der Müllabfuhr betroffen sind, sowie alle, denen verunreinigte Viertel ein Dorn im Auge sind

Deshalb berichten wir: Zum 1. Februar waren die Müllabfuhr und das Gebührensystem für hunderte Hauhalte geändert worden. Drei Wochen nach der Einführung haben wir uns erkundigt, ob sich Betroffenen damit arrangiert haben.

Den Autor erreichen Sie unter: g.paeschel@zgo.de

Es ist eine fiktive Erzählung, die ein Mieter im Emder Stadtteil Barenburg in einem Mehrparteienhaus auspackt. Aber sie fasst ziemlich gut zusammen, was Heinz Mammen und Helga Steiml umtreibt. Der 96-Jährige und die 74-Jährige sitzen zusammen mit einem Dritten, der im Bericht namentlich nicht erwähnt werden möchte, an einem Tisch in Mammens Wohnzimmer. Wir haben sie Ende Januar an gleicher Stelle schon einmal getroffen. Ihr Ärger ist seitdem nicht verraucht. Im Gegenteil. Sie wollen nicht klein beigeben. Und angesichts ihres fortgeschrittenen Alters überrascht die Vehemenz, mit der sie argumentieren. Kein Zweifel: Die beiden sind richtig sauer.

„Kosten werden extrem steigen“

Zum 1. Februar hat man ihnen und hunderten weiteren Haushalten in Barenburg die graue Abfalltonne weggenommen und in den Straßen stattdessen große Container aufgestellt. Für Steiml steht fest: „Das ist nicht rechtens.“ Und sie ist überzeugt: „Die Kosten werden extrem steigen.“

Der Schritt war eine Gemeinschaftsentscheidung der städtischen Müllabfuhr – dem Bau- und Entsorgungsbetrieb Emden (BEE) – und einer großen Hausverwaltungsgesellschaft, der Zentral Boden Vermietung und Verwaltung GmbH, kurz: ZBVV. Im Schulterschluss sehen sie darin die Lösung für ein seit Jahren drängendes Problem.

Ein Container für bis zu 24 Haushalte

Weil es immer wieder massive Beschwerden wegen wilder Müllkippen, verschmutzter Plätze und Grünanlagen, falsch entsorgtem Abfall und Ungeziefer gegeben hatte, griffen BEE und ZBVV pauschal durch. Sie fassten mehrere Häuser zu Müllgemeinschaften zusammen. Im Falle von Helge Steiml und Heinz Mammen in der Friedrich-Rückert-Straße heißt das, dass jede Mietpartei die eigene, abschließbare und messbare Tonne abgeben musste. Anstelle in die Tonnen, die im Keller des Hauses standen und alle zwei Wochen zum Entleeren an die Straße gestellt wurden, müssen die Rentner ihren Restmüll zu nicht abschließbaren Containern im Freien bringen. Die Sammelstelle teilen sich insgesamt bis zu 24 Haushalte.

Dass die individuellen Tonnen abschließbar und die darin enthaltenen Müllmenge vor jeder Abfuhr gewogen werden konnte, ist für den Ärger vom Mammen, Steiml und Co. entscheidend. „Es geht um die Kosten“, sagt die 74-Jährige aufgebracht. Sie sehe es nicht ein, dass sie in die Verantwortung genommen werden soll für ein Problem, das sie nicht verursache und für das sie nicht zuständig sei. „Es ist Sache der ZBVV, nicht der Mieter“, findet sie.

Schwarz, blau, gelb: Drei neue Großcontainer stehen aufgereiht vor einem Wohnhaus an der Friedrich-Rückert-Straße in Barenburg. Foto: Päschel
Schwarz, blau, gelb: Drei neue Großcontainer stehen aufgereiht vor einem Wohnhaus an der Friedrich-Rückert-Straße in Barenburg. Foto: Päschel

Fremder Müll in der eigenen Tonne

Helga Steiml besteht darauf, dass sie als umweltbewusste Verbraucherin unterdurchschnittlich wenig Abfall produziere und außerdem nichts dafür könne, dass der Stadtteil in einigen Straßenzügen verdrecke. Mit der Neuregelung zahlt sie allerdings faktisch genauso viel wie ein Haushalt, der weit mehr als sie verbrauche. Und mehr noch: Weil die Großcontainer nicht abschließbar sind, kann darin theoretisch auch jede Menge fremder Müll landen. Um auf das Bild von der Tankstelle zurückzukommen: Theoretisch könnte sie am Ende den Sprit von weiteren Autofahrern mitbezahlen.

Dass diese Sorge nicht ganz unbegründet ist, macht Heinz Mammen deutlich. Er legt Originalrechnungen der Müllabfuhrgebühren aus den Jahre 1995 und 1996 auf den Tisch. Innerhalb eines Jahres schnellte die Gebühr für ihn um mehr als das Sechsfache nach oben. Der Grund: Auch damals war wegen genau der gleichen Probleme an der Friedrich-Rückert-Straße von Einzeltonne auf einen Sammelplatz umgestellt worden. Der Schritt wurde nach massivem Protest auch aus den Reihen der Politik wieder zurückgenommen. Mammen sieht auch diesmal nur eine Möglichkeit, ihn zu besänftigen: „Die Dinger müssen da weg“, sagt er und meint eine Rückkehr von Großcontainern zur alten Tonne.

Die Politik wird aufmerksam

Die streitbare Hausgemeinschaft fühlt sich mit ihrem Anliegen vom BEE, der Stadt und der Verwaltungsgesellschaft ZBVV alleingelassen. Die Stadt sieht sich nicht zuständig, der BEE schiebt die Verantwortung auf die ZBVV und dort weiche man auf Nachfragen aus, klagen die Mieter. Unterstützung bekommen sie unterdessen zunehmend aus dem Rat.

Es gab mehrere Treffen mit Vertretern von Grünen, FDP und Linken. Einer, der sich mit Mammen zusammensetzte, war Lars Mennenga von der Gruppe „Die Fraktion“ im Emder Rat. Er zeigt Verständnis für den Widerstand von Mammen, Steiml und Co. „Es ist nicht gerecht, weil es nicht nach dem Verursacherprinzip läuft“, findet er. In seinen Augen ist „die ZBVV in der Pflicht“, eine Lösung für das Müllproblem zu finden. Stattdessen werde es auf die Allgemeinheit abgewälzt, so Mennenga.

Wer ist zuständig?

Bei der ZBVV sieht man das anders. Auf Nachfrage des Linken-Politikers habe ihm das Unternehmen schriftlich versichert, dass die „Mieter alle zufrieden“ seien mit der Neuregelung, sagt Mennenga. Und gegenüber der Redaktion ließ eine Sprecherin mitteilen, dass sie unter dem Strich sogar von einer Nebenkostensenkung für die Mieter ausgingen. Heinz Mammen und Helga Steiml glauben nicht daran.

Zum einen habe man ihnen gegenüber bereits angekündigt, dass die Großcontainer zu klein seien und zusätzliche angeschafft werden sollen. Zum anderen verweisen sie auf die sogenannte Spermüllgebühr, die sie bereits jetzt jedes Jahr über die Betriebskosten für das ganze Viertel mitbezahlen. Unter diesem Punkt werden Zusatzkosten für einen externes Dienstleistungsunternehmen erhoben, die die ZBVV beauftragen muss, weil der BEE sich weigert, falsch entsorgten Müll mitzunehmen. Dass diese von der gesamten Mietergemeinschaft zu schulternden Extraausgaben mit der Umstellung entfallen, bezweifeln die Rentner.

In der Hoffnung darauf, Gehör und eine Alternative zu finden, hatten die Barenburger auf eine für diese Woche geplante Sitzung des BEE-Betriebsausschusses des Emder Rates gesetzt. Mehrere Fraktionen hatten dazu Redebedarf angekündigt. Doch der Termin wurde gestrichen. „Wir haben keine Themen gehabt“, sagt der Ausschussvorsitzende Horst Götze (SPD). Dem Müllproblem in Barenburg misst er offenbar keine allzu große Bedeutung zu. „Das läuft uns ja nicht weg“, so Götze. Voraussichtlich begegnet es ihm schon bald wieder: Die nächste BEE-Ausschusssitzung ist am 24. März.

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