Kiew
„Amokfahrt“: So blickt die Welt auf Russlands Vorgehen in der Ukraine
Die Anerkennung der selbsternannten Volksrepubliken Donezk und Luhansk durch Russlands Präsident Putin sorgt bei internationalen Kommentatoren für Kritik. Die Pressestimmen zur Russland-Ukraine-Krise im Überblick.
Am Montag erkannte Russlands Präsident Putin die selbsternannten Volksrepubliken Donezk und Luhansk in der Ostukraine als unabhängige Staaten an. Zeitgleich kündigte er an, Truppen in die Gebiete schicken zu wollen. Dieses Vorgehen sorgte weltweit für Empörung. Internationale Kommentatoren kritisierten Russlands Vorgehen scharf. Teils wurde auch die Antwort des Westens als nicht ausreichend bemängelt.
Nach der japanischen Tageszeitung „Nihon Keizai Shimbun“ hat Putin mit seinem Vorgehen „die rote Linie überschritten“. Die Zeitung schrieb: „In seiner Rede war herauszuhören, wie sehr er den Westen hasst und was für ein Geschichtsverständnis er hat. Putin will ‚seine‘ Ukraine unbedingt zurück, auch wenn der Preis hoch ist. Er verfolgt geradezu zwanghaft das Ziel, Russland wieder groß zu machen.“
Der Kommentator der ukrainischen „Kiew Post“ appelliert an die internationale Gemeinschaft: „Die Ukraine hat zu keinem Zeitpunkt auf einen Krieg gedrängt. Sie hat das Recht, als unabhängiges Land mit voller territorialer Integrität weiter zu bestehen. Dafür muss die internationale Gemeinschaft alles tun.“
Die polnische Tageszeitung „Rzeczpospolita“ sieht weiter Hoffnung für eine diplomatische Lösung: „Unter Umständen will Putin vor einem möglichen Treffen mit US-Präsident Biden den Druck auf den Westen noch einmal erhöhen, um Zugeständnisse an Russland zu erzwingen. Vielleicht strebt er weiterhin eine diplomatische Einigung an. Aber die Chancen, auf diese Weise einen Krieg zu vermeiden, sind gering. Der Einmarsch russischer Streitkräfte in die beiden selbsternannten Republiken hat das Risiko einer direkten Konfrontation und damit für einen großen Krieg zwischen Russland und der Ukraine enorm erhöht.“
Zur Zuspitzung des Ukraine-Konflikts schreibt die „New York Times“: „Es gibt keine Rechtfertigung für Russlands Anerkennung der beiden komischen „Volksrepubliken“, eine gleichermaßen illegale wie empörende Aktion.“ Dass der Westen bislang auf Diplomatie setzt, bewertet die Zeitung positiv: „(US-Präsident Joe) Biden und seine Verbündeten und Partner hatten Recht, nicht überzureagieren und Putin kontinuierlich eine Exit-Strategie anzubieten. (...) Die Katastrophe, die der Ukraine und Europa im Falle einer vollständigen Invasion widerfahren würde, rechtfertigt es, der Diplomatie weiterhin eine Chance zu geben.“
Das „Wall Street Journal“ kritisiert hingegen den Umgang westlicher Staaten mit Russland in der Ukraine-Krise: „Russland marschiert also in die Ukraine ein, und die USA beschließen, nicht Russland, sondern einen Teil der Ukraine zu sanktionieren. (...) Wir hätten gedacht, dass die Europäer, insbesondere die Deutschen, dieses historische Echo verstehen und entsprechend reagieren würden. Wenn das Gemetzel in der Ukraine seinen Lauf nimmt, sollten die amerikanischen und europäischen Eliten darüber nachdenken, wie sie sich erneut zu Geiseln eines Diktators gemacht haben.“
Zu den westlichen Sanktionen gegen Russland meint die belgische Zeitung „De Standaard“ am Mittwoch: „Die Machthaber in Moskau sind offenbar bereit, die mit ihrem rücksichtslosen Kurs verbundenen Schmerzen mit einem Lächeln zu ertragen. Sie gehen davon aus, dass die westlichen Länder und ihre Bevölkerungen zu schwach sind, um den Preis für eine härtere Gangart gegenüber Russland zu zahlen. Die Tatsache, dass die Inbetriebnahme der Nord Stream 2-Gaspipeline nun blockiert ist, schreckt die Russen offensichtlich nicht ab. Ex-Präsident Dmitri Medwedew höhnte bereits, Europa werde lernen müssen, mit einer weiteren Verdoppelung des bereits stark gestiegenen Gaspreises zu leben.“
Die italienische Zeitung „La Repubblica“ aus Rom sah in Putins Anerkennung der „Volksrepubliken“ Donezk und Luhansk das endgültige Aus des Minsker Abkommens. Putins Plan „die europäischen Grenzen mit militärischer Gewalt zu verändern“ sei eine „Amokfahrt“. Die Zeitung appellierte an den Westen: „Es ist an der Zeit, dass die Ukraine vollständig in die europäische Familie aufgenommen wird. Zusammen mit einem deutlichen und sehr harten Sanktionssystem ist das die beste Antwort, die man auf eine völlig ungerechtfertigte militärische Bedrohung vor den Toren Europas geben kann.“
Die britische Zeitung „The Telegraph“ sieht das Risiko, dass Putin bei erfolgreicher Abspaltung der ukrainischen Separatistengebiete künftig auch die Zerschlagung der baltischen Staaten anstreben könnte: „Eine diplomatische Lösung ist zwar einem Krieg vorzuziehen, aber nicht um jeden Preis (...). Der Westen darf der Zerschlagung der Ukraine nicht zustimmen, um Putin so zum Abzug seiner Truppen zu bewegen. Die Provinzen Donezk und Luhansk stehen seit 2014 im Zentrum eines blutigen Konflikts zwischen den beiden Ländern (...). Wenn Putin sie von der Ukraine abspalten kann, so wie er es mit der Krim getan hat, wird er sein Vorgehen der Einschüchterung und Aggression als Erfolg werten. Aber er wird wiederkommen und als nächstes die baltischen Staaten auf seiner Liste haben.“
Die norwegische Boulevardzeitung „Verdens Gang“ sieht in der Anerkennung der Unabhängigkeit der ostukrainischen „Volksrepubliken“ den Eintritt in ein neues Zeitalter: „Unabhängig vom Ausgang ist die Krise in der Ukraine ein Zeichen dafür, dass Europa in eine gefährlichere Zeit eintritt. Putin versucht, in der Ukraine etwas von dem wiederaufzubauen, was beim Zusammenbruch der Sowjetunion verloren ging. (...) Die Frage ist, ob die Kampfhandlungen im Donbass nur ein Vorläufer für die größte Militärkampagne in Europa seit 1945 sind. Putin sagt, Moskaus oberste Priorität sei nicht die Konfrontation, sondern die Sicherheit. Sein Vorgehen deutet leider in die entgegengesetzte Richtung.“