Kitas
Kita-Übernahme: Der Landkreis Aurich meint es ernst
„Nur ein taktisches Manöver“: So hat der Städte- und Gemeindebund die Aussage des Landkreises Aurich bewertet, er werde sämtliche Kitas im Kreisgebiet übernehmen. Der Erste Kreisrat widerspricht.
Aurich - Der Landkreis Aurich will sämtliche Kindertagesstätten im Kreisgebiet übernehmen, von Juist bis Wiesmoor, von Baltrum bis Großefehn. In Zukunft werden nicht mehr die jeweiligen Städte und Gemeinden für Kindergärten und Krippen verantwortlich sein, sondern die Kreisverwaltung in Aurich. Das sei kein taktisches Manöver und kein Schnellschuss, sondern ein ernst gemeinter, lange gereifter Plan, sagte der Erste Kreisrat Dr. Frank Puchert am Mittwoch im Gespräch mit der Redaktion.
„Wir übernehmen die Kitas nicht, um Kosten zu sparen“, sagte Puchert. „Der Anspruch ist inhaltlicher Art.“ Kinder- und Jugendpolitik habe seit jeher einen „extrem hohen Stellenwert“ für den Landkreis Aurich. Die Kreisverwaltung lege Wert auf gute Kitas und habe sich immer dafür eingesetzt. „Wir haben das Qualitätssiegel eingeführt.“
„Da übernimmt er sich“
Puchert wies eine Vermutung des Niedersächsischen Städte- und Gemeindebundes zurück, der Landkreis wolle mit dieser Ankündigung nur seine Verhandlungsposition gegenüber den Städten und Gemeinden verbessern. Finanzreferent Marco Mensen hatte am Dienstag im Gespräch mit dieser Zeitung von einem taktischen Manöver gesprochen. „Ich kann mir nicht vorstellen, dass es für den Landkreis attraktiv ist, das zu machen“, hatte Mensen gesagt. „Da übernimmt er sich.“
Das Vorhaben des Landkreises war am Montagnachmittag durch eine Äußerung von Landrat Olaf Meinen (parteilos) in der Sitzung des Kreisfinanzausschusses an die Öffentlichkeit gelangt. Am Vormittag hatte Puchert sechs Bürgermeister informiert, mit denen eigentlich über eine höhere Kostenbeteiligung des Landkreises verhandelt werden sollte. Stattdessen überraschte der Erste Kreisrat die Bürgermeister mit der Ankündigung, den Gemeinden die Verantwortung für die Kitas zu entziehen.
Bürgermeistern klappte die Kinnlade runter
Ein solches Überrumpelungsmanöver ist nicht gerade die feine englische Art. Den Bürgermeistern sei die Kinnlade runtergeklappt, berichteten Teilnehmer. Puchert verwies auf die Vorgeschichte. Die Gemeinden seien ihrerseits nicht gerade freundlich mit dem Landkreis umgegangen. Kurz vor Weihnachten sei die Forderung erhoben worden, der Landkreis möge Jahr für Jahr jeweils zwei Drittel der in den Gemeindehaushalten nicht gedeckten Kita-Kosten tragen.
Aus diesem Anlass, so Puchert, habe man die Idee aufgegriffen, nicht nur finanziell, sondern auch inhaltlich Verantwortung für die Kitas zu übernehmen. „Wie es vom Gesetz auch vorgesehen ist“, so Puchert. Die Gemeinden hätten immer wieder darauf hingewiesen, „dass das eigentlich unsere Aufgabe ist“. Das sei tatsächlich so. In den vergangenen anderthalb Jahrzehnten habe er „mehr als einmal“ intern darüber diskutieren lassen, „ob es nicht auch eine Möglichkeit wäre, die Verantwortung für die Kindertagesstätten selbst wahrzunehmen“.
Für die dritte Kraft
Puchert strebt einheitliche Qualitätsstandards in den Kitas an – „natürlich nicht, indem man Qualität absenkt, sondern indem man Qualität erhöht“. Die dritte Fachkraft für Krippengruppen, auf die die Stadt Aurich Wert legt und um deren Fortbestand sie nun fürchtet, sei vom Landkreis immer gefordert worden. „Wir haben immer gesagt: Zwei Kräfte in einer Krippengruppe sind zu wenig. Das führt zu Überlastung.“ Die Gemeinden seien beim Ausbau der Betreuungsangebote und mit der Qualität der Kita-Gebäude sehr unterschiedlich umgegangen, sagte Puchert – „was nicht sein kann“. Der Landkreis müsse sicherstellen, dass in Gemeinde X ein vergleichbares Angebot verfügbar ist wie in Gemeinde Y.
Die Behauptung des Städte- und Gemeindebundes, mit einer solchen Aufgabe übernehme sich der Landkreis, wies Puchert zurück. Der Landkreis Aurich sei leistungsstark und handlungsfähiger als Landkreise, die sich auf ihre Kernaufgaben beschränken: „Wir haben mit unseren Einrichtungen und Gesellschaften 3500 Mitarbeiter, doppelt so viele wie der Landkreis Emsland. Wir betreiben die größte Kreisvolkshochschule. Wir bauen für mehrere Hundert Millionen Euro eine Klinik. Es wäre peinlich, wenn wir diese Aufgabe nicht stemmen könnten.“
„Gucken Sie sich mal den Arbeitsmarkt an“
Selbstverständlich sei vor der Übernahme noch vieles zu klären, so Puchert. „Ich hoffe inständig, dass wir mit den Gemeinden eine Basis finden, um das kollegial und konstruktiv vorzubereiten und umzusetzen.“ Die Verwaltung habe zur Vorbereitung einen umfangreichen Fragenkatalog an die Gemeinden verschickt. Darin gehe es um Themen wie Gebäudebestand, Ausbaupläne und Personal.
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Die Übergabe des Staffelstabs solle so ablaufen, dass Eltern, Kinder, Mitarbeiter und freie Träger sie gar nicht bemerkten. Das Personal müsse sich keine Sorgen machen. „Wir haben kein Interesse, irgendetwas zum Nachteil der Beschäftigten zu ändern“, betonte Puchert. „Gucken Sie sich mal den Arbeitsmarkt an.“