Infrastruktur

Zwischen gemütlich und nix los: Wittmund und sein Image

| | 23.02.2022 18:05 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Bei diesem Wetter sieht wohl jede Fußgängerzone leer aus. Der sogenannte „Pudding“ in Wittmund soll durch Verschönerungen deutlich belebter werden. Foto: Oltmanns
Bei diesem Wetter sieht wohl jede Fußgängerzone leer aus. Der sogenannte „Pudding“ in Wittmund soll durch Verschönerungen deutlich belebter werden. Foto: Oltmanns
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Es ist kurios: Während Urlauber und Zugezogene die Wittmunder Innenstadt gemütlich und nett finden, gucken die eigenen Bürger gerne woanders hin. Das soll sich ändern. Geld ist jedenfalls da.

Wittmund - Hat die Stadt Wittmund ein Imageproblem? Kann schon sein, heißt es bei Gewerbetreibenden und Politik. Eigentlich nicht, findet Bürgermeister Rolf Claußen (parteilos). Ein Thema ist es dennoch, so viel wurde beim jüngsten Treffen des „Arbeitskreises Perspektive Innenstadt“ deutlich. In diesem Arbeitskreis sitzen Vertreter von Stadtpolitik, Verwaltung, Wirtschaft, Vereinen und Tourismus. Ihre Aufgabe: Geld verteilen, oder besser: Fördergelder in die richtige Richtung lenken, also in die Belebung der Wittmunder Innenstadt. Dazu gehört nun auch ein bisschen Arbeit am Selbstbild.

Was und warum

Darum geht es: Hat die Stadt Wittmund ein Imageproblem?

Vor allem interessant für: Wittmunder und Leute, die die Stadt gern besuchen.

Deshalb berichten wir: Aktuell steht der Stadt mehr als eine Million Euro für die Verschönerung ihres Zentrums zur Verfügung. Ein Arbeitskreis sammelt Ideen und will bei der Gelegenheit auch die Vermarktung der Stadt verbessern.

Die Autorin erreichen Sie unter: i.oltmanns@zgo.de

„Das Image muss sich verbessern“, stellt Gerhard Becher während des Treffens im Wittmunder Rathaus fest. Becher gehört zur Beratungsgesellschaft Cima und will den Wittmundern dabei helfen, ihre Innenstadt attraktiver zu machen. Mit der Entwicklung eines neuen Marketings etwa oder mit der Entwicklung eines eigenen Leitbilds. Das Ziel: „Die Leute sollen sagen: Wittmund – da muss ich mal hin“, findet Becher. Das ist – zumindest in den unmittelbar benachbarten Regionen – bis jetzt nicht der Fall.

Die Erfahrungen

Zum Arbeitskreis gehören auch Birgit Becker und Rainer Poppen. Becker war zehn Jahre Ortsvorsteherin der Wittmunder Kernstadt und Poppen betreibt seit 25 Jahren sein Geschäft Harle Optik in der Wittmunder Innenstadt. Beide kennen die Befindlichkeiten der Wittmunder also ganz gut und stellen übereinstimmend fest: Die Innenstadt wird unterschiedlich wahrgenommen. Urlauber und Zugezogene finden sie gemütlich und schön, Wittmunder selbst meckern eher an ihr rum.

„Ich verstehe nicht, warum die Leute so negativ sind“, ärgert sich Becker. Sie selbst empfinde Wittmund als gemütliche Stadt, mit freundlichen Einzelhändlern und kurzen Wegen. Aber sie selbst, sagt sie auch, sei eben hergezogen, in den 1980er aus der Region um Aachen. Rainer Poppen spricht nicht nur für sich selbst, er ist auch Vorsitzender des Vereins „pro Wittmund“, einer Werbe- und Interessengemeinschaft. „Klar sind wir keine große Einkaufsstadt“, sagt Poppen, aber so schlecht sei es auch nicht. Die Fußgängerzone sei gemütlich, man könne überall kostenlos parken, auch der Leerstand sei aktuell gering. Eine Verschönerung der Innenstadt müsse natürlich trotzdem sein. Er verspricht sich davon eine deutliche Belebung, in den Abendstunden etwa und auch an den Wochenenden. Ob dann auch Leute aus den Nachbarregionen kommen? „Arbeiten wir erstmal daran, dass die Wittmunder selbst wieder mehr in die Innenstadt kommen“, sagt Poppen.

Der Hintergrund

In die Stadtkassen fließen demnächst ganz erhebliche Fördermittel für die Belebung des Zentrums. Zum einen bekommt die Stadt 345.000 Euro aus dem Sofortprogramm „Perspektive Innenstadt“. Dabei handelt es sich um EU-Fördergelder, die über das Land Niedersachsen an die Kommunen verteilt werden. Dieses Geld kann direkt in Projekte fließen.

Weitere 517.000 Euro bekommt Wittmund vom Bund, die Mittel stammen aus dem Programm „Zukunftsfähige Innenstädte und Zentren“. Nur 30 Prozent dieser Summe kann direkt für Projekte ausgegeben werden, der Rest muss in selbst erarbeitete Konzepte fließen, in denen es darum geht, wie die jeweils eigenen Innenstädte gestärkt werden können. So entstand die Idee zur Entwicklung eines neuen Marketings und zu einem eigenen Leitbild. Für beides müssen nun Konzepte erarbeitet werden. Zusätzlich zu den Fördergeldern muss die Stadt auch eigene Mittel in den Haushalt einstellen. So kommt man zum Schluss auf die rund 1,1 Millionen Euro.

Was ein Leitbild bringt

Hier lohnt sich ein Blick nach Carolinensiel und dem vorgelagerten Harlesiel. Der Küstenort gehört zur Stadt Wittmund und hat vor einigen Jahren ein eigenes Leitbild entworfen. Zwei Jahre hat das Ganze gedauert, mitgearbeitet haben „Touristiker, Nichttouristiker und indirekte Nutznießer des Tourismus“, wie es im Vorwort des 30-seitigen Dokuments heißt, das am Ende dabei herauskam. Es definiert, wie die Carolinensieler sich selbst sehen, was sie wollen und wo sie hin möchten. Und es definiert auch, was schlecht läuft und wo sie nicht hin möchten.

„Dieser Prozess war ganz, ganz wichtig“, sagt Carolinensiels stellvertretender Kurdirektor Marcus Harazim. Auch zum Befrieden der eigenen Bevölkerung. Vorher habe es heftige Spannungen gegeben im Ort, vor allem zwischen der Kurverwaltung und den Vermietern. Das sei nach der Leitbild-Arbeit vorbei gewesen, sagt Harazim. Und das Dokument selbst setzt auch keinen Staub in irgendeiner Schublade an: „Es wird immer gleich an Investoren und Projektentwickler geschickt, die sich für uns interessieren“, so der Touristiker. Da wüssten die dann gleich, was hier erwünscht sei und was nicht.

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