Stalking

Begegnungen, die zur psychischen Belastung werden

| | 24.02.2022 14:31 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Stalking drängt Opfer in die soziale Isolation. Eine Frau aus Holtriem sagte vor Gericht, sie habe sich kaum noch aus dem Haus getraut. Symbolfoto: Pixabay
Stalking drängt Opfer in die soziale Isolation. Eine Frau aus Holtriem sagte vor Gericht, sie habe sich kaum noch aus dem Haus getraut. Symbolfoto: Pixabay
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Nach ihrem Beziehungs-Aus sahen sich zwei Ex-Partner wegen des Vorwurfs der Nachstellung vor dem Amtsgericht Wittmund wieder. Opferschützer wissen längst, dass auf Liebe nicht selten Stalking folgt.

Wittmund - Es sind zwei Seiten einer ehemals gemeinsamen Geschichte, die an den entscheidenden Stellen nicht recht zueinander passen wollen: Was eine 59-jährige Zeugin am Mittwoch vor dem Amtsgericht Wittmund als eine extreme psychische Belastung aufgrund von Stalking durch ihren Ex-Partner beschrieb, war aus Sicht des 54 Jahre alten Angeklagten eine Reihe teils zufälliger Begegnungen beziehungsweise der Versuch, sein Eigentum nach einer Trennung wiederzubekommen.

Das Opfer zeigte den Mann etwa eineinhalb Jahre nach der Trennung an. Zuvor hatte sie Hilfe bei einer Beratungsstelle für Opfer von Gewaltverbrechen, dem Weißen Ring, gesucht. Die Staatsanwaltschaft Aurich klagte ihren früheren Lebenspartner nun wegen des Verdachts auf Nachstellung an. Nachdem beide ihre Sicht vor Gericht geschildert hatten, wurde das Verfahren noch während der Verhandlung eingestellt. „Die Zeugin hat sicherlich gelitten“, sagte Richter Dirk Mönkediek. Die direkte Konfrontation mit ihrem Ex aber habe sie nicht gesucht: „Eine eindeutige Ansage scheint es nicht gegeben zu haben.“ Die Frau hatte zuvor ausgesagt, ihm ein Mal gesagt zu haben, er solle sie in Ruhe lassen. „Ich habe es immer nur ausgehalten.“ Der Richter führte zudem an, der Angeklagte habe seine Versuche der Kontaktaufnahme mit der Anzeige sofort eingestellt.

„Sie hat mir nie gesagt, dass sie keinen Kontakt wollte“

Die Aussagen zeigten übereinstimmend diese Vorgeschichte des Paares: Es lebte gemeinsam in der Samtgemeinde Holtriem, bis es nach mehr als fünf Jahren Beziehung vermeintlich getrennter Wege ging. Beide Ex-Partner schilderten im Gerichtssaal, wie sie die Monate nach dem Beziehungs-Aus durchlebten. Im Kern ging es oberflächlich betrachtet darum, die durch die Verbindung entstandenen Verknüpfungen rückabzuwickeln: Besitztümer zu trennen, gemeinsame Verträge aufzulösen.

Der 54 Jahre alte Angeklagte berichtete zunächst, wie er seiner Ex nach der Trennung und dem Auszug freundschaftlich verbunden blieb. Er habe sich nichts vorzuwerfen, versicherte er vor Gericht. Er habe sich „immer vernünftig verhalten“. Nach und nach habe er seine Sachen abholen wollen – bis die Frau irgendwann nicht mehr reagiert habe. Seine Anrufe seien ins Leere gelaufen, die Tür nicht mehr geöffnet worden. Familienangehörige seiner Ex hätten ihm daraufhin gesagt, er solle seine frühere Lebensgefährtin in Ruhe lassen. Das habe der nicht verstanden: „Sie hat mir nie gesagt, dass sie keinen Kontakt wollte.“

„Das kann man einfach nicht aushalten“

Die 59-Jährige beschreibt ihren ehemaligen Partner als „präsent“. Ihr Ex sei nach dessen Auszug in den ersten Monaten immer wieder bei ihr aufgetaucht: „Da war er tagtäglich an der Tür, um irgendwelche Sachen zu holen.“ Oder er sei langsam an ihrem Haus vorbeigefahren. „Das kann man einfach nicht aushalten.“ Sie beschrieb im Zeugenstand verschiedene Begegnungen, die deutlich an ihren Nerven gezehrt hätten. „Ich habe mich unwohl gefühlt, bedroht gefühlt.“ Sie habe sich nicht mehr aus dem Haus getraut und nachts im Schlafzimmer eingeschlossen. Das sei über Monate so gegangen, dann habe es abrupt aufgehört. „Neun Monate war Ruhe.“ Danach habe es erneut begonnen. Diesmal für etwa drei Monate, bis sie Anzeige bei der Polizei erstattete. Dabei habe sie das ursprünglich nicht gewollt. „Ich wollte ihm nicht schaden.“

Mit teils brüchiger Stimme berichtete sie: „Ich wusste nicht mehr, wie ich mich verhalten sollte.“ Irgendwann habe sie keine Kraft mehr gehabt. „Diese psychische Belastung ist extrem. Wenn jemand immer hinter Ihnen steht, Sie psychisch fertigmacht.“ Trotz der aus ihrer Sicht lebenseinschränkenden Situation, habe sie sich nur ein einziges Mal zur Wehr gesetzt: „Ich habe ihn angeschrien. Dass ich zur Polizei gehe, damit das endlich mal ein Ende hat.“ Diesen Rat hatte ihr ein Opferschützer gegeben.

Stalker sind meist männliche Bekannte

„Ich rate immer zur Anzeige“, sagte Manfred Riemann dieser Zeitung auf Nachfrage. Der Polizeibeamte im Ruhestand unterhält die Außenstelle Wittmund des Weißen Rings. Er rät Stalkingopfern außerdem, eine Art Tagebuch zu führen. Ein Protokoll dessen, was sie erleben. Es gehe darum, detailliert festzuhalten, was wann passiert. Für sich selbst, aber auch für die Staatsanwaltschaft, wenn es zur Anklage kommt. „Leider ist es oft nicht der Fall“, bedauert er.

Über 700 Stalkingopfer berät der Weiße Ring eigener Auskunft zufolge pro Jahr. Meistens kennt der Verfolgte seinen Verfolger. „In der Regel sind es ganz viele Vorfälle, wo der Stalker ein ehemaliger Lebensabschnittsgefährte oder jemand aus dem Bekanntenkreis ist“, berichtet Riemann aus 30 Jahren Polizeidienst und 15 Jahren Arbeit für den Weißen Ring. Mehr als die Hälfte der Täter sind Männer.

Riemann schätzt mindestens 60 Prozent, beim Weißen Ring selbst geht man sogar von 80 Prozent aus: „Viele von ihnen glauben, sie kämpfen um ihre ehemalige Beziehung. Dabei bemerken sie nicht, dass sie den Frauen extrem zusetzen.“ In manchen Fällen ende die Verfolgung mit dem Tod des Opfers, weiß Riemann. Die Opfer sind meist weiblich und werden in die soziale Isolation gedrängt. Jede Nachstellung hinterlasse Spuren, seelisch und körperlich: „Die Opfer sind traumatisiert.“

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