Energie

Plötzlich ist sie ihren Stromanbieter los

Jens Schönig
|
Von Jens Schönig
| 24.02.2022 17:20 Uhr | 1 Kommentar | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Zum Abschluss des alten Strom- und Gas-Vertrags gab es für Gerda und Wilfried J. noch einmal Geld zurück. Viel lieber hätten sie aber den Vertrag behalten. Foto: Schönig
Zum Abschluss des alten Strom- und Gas-Vertrags gab es für Gerda und Wilfried J. noch einmal Geld zurück. Viel lieber hätten sie aber den Vertrag behalten. Foto: Schönig
Artikel teilen:

Kann die EWE einen Versorgungsvertrag mit einem anderen Anbieter kündigen, ohne dass der Kunde gefragt wird? In Marcardsmoor ist genau das offensichtlich passiert.

Marcardsmoor - Für Strom- und Gas-Kunden ist es eine der normalsten Sachen der Welt: Wenn mir der Vertrag mit meinem Anbieter nicht mehr zusagt, kündige ich ihn. Der Anbieter schickt mir daraufhin ein Schreiben, in dem er die Entscheidung tränenreich bedauert und zugleich die Kündigung bestätigt.

Was und warum

Darum geht es: Die EWE kündigte einer Wiesmoorerin den Versorgungsvertrag mit Vattenfall.

Vor allem interessant für: So ziemlich alle Strom- und Gas-Kunden, da es womöglich jeden erwischen kann.

Deshalb berichten wir: Die Leserin wandte sich mit ihrem Problem direkt an uns.

Den Autor erreichen Sie unter: j.schoenig@zgo.de

Ein solches Schreiben erhielt auch Gerda J. (Name von der Redaktion geändert) aus Marcardsmoor. Das Problem war nur: Sie hatte ihren Vertrag gar nicht gekündigt. Im Gegenteil, sie war sehr zufrieden, weil er besonders günstig war. Was war passiert?

Übermittlungsfehler mit Folgen

„Als meine Mutter im vergangenen Jahr starb, habe ich ein Haus in der Zweiten Reihe geerbt und musste mit dem dortigen Mieter einen neuen Mietvertrag aufsetzen“, erzählt J. „Der Mieter wollte sich um Strom und Gas künftig selbst kümmern und wir kündigten den bisherigen Vertrag dort. Innerhalb der Widerspruchsfrist überlegte er es sich aber noch einmal anders und wir fragten den bisherigen Versorger meiner Mutter noch einmal an.“ Das Angebot des Versorgers, CB Energie in Leer, sagte dem Mieter zu und der Vertrag wurde gemacht. „Der Berater vor Ort hat alle Daten richtig aufgenommen, davon haben wir uns überzeugt“, sagt die Marcardsmoorerin.

Eine Woche später kam die Vertragsbestätigung. Mit einem Fehler: Die Zählernummer aus der Wohnung des Mieters stimmte, als Verbrauchsstelle war aber die private Adresse der Vermieterin Am Bootshafen angegeben. Ihr Haus wurde bis dahin jahrelang von Vattenfall beliefert und der Vertrag lief auf den Namen ihres Ehemannes Wilfried. „Der Mieter hatte es auch bemerkt und sagte mir, dass eine Berichtigung schon unterwegs sei“, so J. Tatsächlich lief der neue Vertrag des Mieters auch reibungslos an. Eine Woche später erhielt Wilfried J. allerdings auch völlig überraschend eine Kündigungsbestätigung von Vattenfall für den heimischen Vertrag. „Aber den haben wir nie gekündigt“, versichert Gerda J. „Da wären wir ja blöd gewesen, bei dem Tarif, den wir als langjährige Bestandskunden hatten.“

Neuer Vertrag wird deutlich teurer

Gerda J. machte sich sofort auf die Suche nach dem Fehler im System. Den räumte CB Energie schließlich ein. Man hatte ihre Privatadresse versehentlich als Verbrauchsstelle an die EWE Netz übermittelt, die als Netzbetreiber über Versorgerwechsel automatisch informiert wird. „CB bedauert den Fehler und will auch dafür geradestehen“, sagt J. Allerdings nur für die Mehrkosten bis zu einem neuen Vertrag. „Ab dem 1. Juni hätten wir bei Vattenfall günstige Anschlussverträge bekommen, wegen Bestandsschutz. Das geht uns jetzt flöten“, sagt Gerda J. „Vattenfall will uns als Kunden auch nicht wiederhaben. Die sind froh, dass sie unseren günstigen Vertrag los sind.“ In der Grundversorgung zahlt das Ehepaar bis zu einem fälligen neuen Vertrag Mitte Mai schon rund 400 Euro mehr als im alten Vertrag.

Vor allem ärgert Gerda J. aber die Vorgehensweise der EWE. „Wie kann es sein, dass unser Vertrag gekündigt wird und wir nichts davon erfahren?“, fragt sie. „Auch dass offenbar niemandem aufgefallen ist, dass Zählernummer und Verbrauchsstelle nicht übereinstimmen können, kann doch nicht sein. Wird das nicht kontrolliert? Wenn ich meine Zählerstände online melde, steht die Zählernummer immer schon fest, die kann ich nicht verändern. Aber so könnte ich ja auch auf einer Postkarte die Zählernummer meiner Nachbarn angeben und keiner würde es merken. Und das, was uns passiert ist, kann dann ja offensichtlich jedem passieren.“

Sie hat Pech gehabt

Auch die EWE reagierte bei einer ersten Anfrage verdutzt auf den Sachverhalt, klärte ihn aber mit Verweis auf die Zuständigkeiten und Automatismen bei einem Versorgerwechsel auf. „Die EWE Netz hat für die Abnahmestelle Am Bootshafen von CB Energie die Information erhalten, dass hier eine Abmeldung des ehemaligen Lieferanten vorliegt“, erklärt EWE-Pressesprecher Dietmar Bücker. Solche Ummeldungen liefen digital und automatisiert ab. „Da werden die Zählernummern auch nicht mehr mit der Abnahmestelle abgeglichen“, so Bücker.

Ist die Verbrauchsstelle also einmal falsch im System angegeben, hilft auch keine nachträgliche Korrekturmeldung wie vom Mieter mehr. „Damit fällt die Abnahmestelle automatisch in die Grund- und Ersatzversorgung. Aus dem Grunde hat die EWE Vertrieb als zuständiger Grundversorger die Abnahmestelle übernommen. Diese automatisierten Wechselprozesse sind von der Bundesnetzagentur genau vorgegeben“, betont Bücker. „An die Vorgaben haben sich sowohl EWE Netz als auch EWE Vertrieb gehalten.“ Mit anderen Worten: Gerda J. hat Pech gehabt.

Ähnliche Artikel