Hannover
Energieminister Lies: „Sind in unglaublicher Abhängigkeit von Russland“
Der Ukraine-Krieg dürfte sich auf die Energiemärkte auswirken. Vor allem Erdgas kommt aus Russland. Niedersachsen will künftig verstärkt auf Flüssigerdgas setzen.
Niedersachsen will sich weniger abhängig machen von russischen Gasimporten. Das hat Niedersachsens Energieminister Olaf Lies nach dem Angriff Russlands auf die Ukraine erklärt. „Mit Blick auf konsequente und langfristige Sanktionen ist es umso dringender, dass wir darüber sprechen, wie wir diese Sanktionen auch durchhalten. Wir sind in einer unglaublichen Abhängigkeit von Gaslieferungen gerade aus Russland“, erklärte der SPD-Politiker. Schon vor dem eskalierten Konflikt in der Ukraine habe die Landesregierung den Ausbau von Flüssigerdgas-Terminals unterstützt. Niedersachsen hat laut Lies mit Stade als Standort der chemischen Industrie und auch Wilhelmshaven mit seinem Tiefwasserhafen Jade-Weser-Port und der Nähe zu großen Gasspeichern „zwei hervorragend geeignete Standorte für den Import von Flüssiggas“. Ziel der Regierung sei es, über die Terminals später nicht mehr fossiles, sondern erneuerbares Gas einzuführen. Auch Brunsbüttel (Schleswig-Holstein) ist als Standort für das erste deutsche LNG-Terminal im Gespräch.
„Das Land Niedersachsen wird natürlich selber keine Terminals bauen“, merkte Wirtschaftsminister Bernd Althusmann (CDU) im Landtag in Hannover an. „Aber wir werden gemeinsam mit Investoren die Voraussetzungen für eine größere Unabhängigkeit Niedersachsens und Deutschlands von russischem Gas schaffen müssen. Ohne das wird es nicht gehen.“
Nach Angaben der Hanseatic Energy Hub (HEH) GmbH kann das Importterminal für Flüssigerdgas (LNG) in Stade frühestens in viereinhalb Jahren, Ende 2026, in Betrieb gehen. Dann könnten von der Anlage bei Vollauslastung etwas mehr als zehn Prozent des deutschen Erdgasbedarfs gedeckt werden. Jährlich sollten bis zu zwölf Milliarden Kubikmeter Gas pro Jahr in die nur rund zehn Kilometer entfernten Gasnetze eingespeist werden, sagte Johann Killinger, geschäftsführender HEH-Gesellschafter.
Die konkrete Investitionsentscheidung und Inbetriebnahme hänge vor allem von der Kundenseite ab. Für das Genehmigungsverfahren sah Killinger keine großen Hürden. Für das Projekt unmittelbar an der Elbe auf dem Gelände des Chemiekonzerns Dow Chemical sind 800 Millionen Euro an Investitionen geplant. Hinzu kommen etwa 150 bis 200 Millionen Euro für öffentliche Hafenanlagen. Derzeit bezieht Deutschland Flüssigerdgas von anderen europäischen Terminals.
LNG wird mit minus 162 Grad tiefgekühlt, flüssig per Schiff transportiert, angelandet, erwärmt, „regasifiziert“ und dann in die Netze eingegeben. Ein höherer Anteil an LNG würde zwar die Bezugsquellen für Erdgas auf eine breitere Basis stellen, aber an der deutschen Importabhängigkeit nichts ändern. 95 Prozent des Erdgases muss Deutschland importieren. Große weltweite LNG-Exporteure sind unter anderem Katar, Australien, die USA und Algerien.
Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) hatte bereits vor einigen Tagen erklärt, Deutschland müsse seine Abhängigkeit von Gas verringern. Als eine Alternative nannte er die Produktion von Wasserstoff. Für die Übergangszeit könne die Versorgungssicherheit aber auch durch den Bau eigener LNG-Terminals gesichert werden.
„Nicht erst die brutale Eskalation des Ukraine-Konflikts führt uns vor Augen, dass Deutschland seine Energieversorgung neu aufstellen muss. Andernfalls wird die künstliche Verknappung von russischem Erdgas auch zukünftig als Druckmittel, wenn nicht sogar als politische Waffe, gegen uns eingesetzt“, warnte Wirtschaftsminister Altusmann. Insofern sei die Energieversorgungssicherheit nicht mehr nur eine soziale, sondern auch eine sicherheitspolitische Herausforderung. „Deutschland ist bei diesem Thema sehr verletzlich. Wir müssen daher die stabilen Beziehungen zu Lieferanten wie Norwegen und Niederlande erhalten und ausbauen.“