Küste und Wirtschaft
Die Krabbenfischer und das Prinzip Hoffnung
Hinter den Krabbenfischern liegen drei harte Jahre. Wenn die jetzt beginnende Saison nicht besser wird, wird es für viele Betriebe eng. Die Branche blickt deswegen auch mit Sorge auf den Dieselpreis.
Greetsiel/Neßmersiel - Wenn die Sonne wieder höher steigt und eine Ahnung von Frühling in der Luft liegt, werden Fischer wie Jann-Tjado Gosselaar unruhig. Der Kutterkapitän aus Greetsiel will endlich auf die See. „Die Schiffe liegen fangklar im Hafen. Dann fängt es an zu kribbeln“, sagt er. In diesem Jahr ist es aber nicht alleine die Sehnsucht nach dem Meer, die ihn und viele andere zum Ende der wochenlangen Winterpause ungeduldig macht. Vielen Krabbenfischern steht das Wasser wirtschaftlich bis zum Hals. Sie müssen raus, weil ihre Reserven an Land aufgebraucht sind.
Was und warum
Darum geht es: die Situation der ostfriesischen Krabbenfischer vor Beginn der neuen Fangsaison
Vor allem interessant für: Fischer und Genießer einer typisch ostfriesischen Spezialität
Deshalb berichten wir: Um diese Zeit bereiten sich die Kutterkapitäne und Crews langsam auf die Saison auf See vor. Den Autor erreichen Sie unter: g.paeschel@zgo.de
Wer mit der Natur arbeitet und von ihr lebt, ist Schwankungen gewöhnt. Auf ertragreiche Jahre folgen schwache Ernten – und umgekehrt. Gosselaar und seine Kollegen wissen: Verlässlich planen lässt sich in ihrem Beruf so gut wie nichts, schon gar nicht der Erfolg. Deswegen müssen solide Betriebe in guten Zeiten vorsorgen für die schlechten. Das Problem der Krabbenfischer in Ostfriesland und der ganzen Nordseeküste: Der Aufschwung lässt schon ziemlich lange auf sich warten. Hinter ihnen liegen „drei miese Jahre“, sagt Dirk Sander, Geschäftsführer der Erzeugergemeinschaft der Deutschen Krabbenfischer. „In den meisten Familien sind die Rücklagen aufgebraucht.“
Umsatz ist zurückgegangen
Die dazugehörigen Kennzahlen hat Philipp Oberdörffer von der Landwirtschaftskammer in Oldenburg. Hier tragen sie Saison für Saison die Daten der Branche entlang der Nordseeküste zusammen. Im Mittel, so Oberdörffer, habe der jährliche Umsatz in den vergangenen zehn Jahren rund 40 bis 42 Millionen Euro betragen. Zum Vergleich: Seit dem überdurchschnittlich guten Jahr 2018 fiel der Umsatz auf etwa 30 Millionen Euro und verharrt seitdem auf schwachem Niveau.
Die Gründe sind vielschichtig: Zum einen wurden auch in der jüngsten Saison mit etwa 8000 Tonnen gut ein Drittel weniger Krabben gefangen als üblich. Gleichzeitig zogen die Preise im Großhandel nur langsam an. Zu kämpfen hatten die Fischer laut Oberdörffer auch mit den Spätfolgen der Corona-Pandemie. Neben einer geringeren Nachfrage nach Krabben meint er damit den Sand im Getriebe der Logistikketten. Nachdem die üblichen Transportwege zu den Pulbetrieben im Norden Afrikas im Jahr 2020 teilweise ganz gekappt waren, dauerte es auch im Jahr darauf, bis sich die Abläufe wieder eingespielt hatten.
Wenn die Fischer nicht mehr jammern
Zu schaffen machen vielen zudem die rasant steigenden Dieselkosten. Sie sind für bis zu 25 Prozent des Gesamtumsatzes in einem Fischereibetrieb verantwortlich. Ist der Kraftstoff – so wie jetzt – teuer, zehrt es die Reserven auf. „Die Gewinne gehen gegen Null“, weiß Oberdörffer aus etlichen Gesprächen mit Fischereifamilien. „Viele erreichen die Null nur, weil sie Investitionen verschieben.“
Was ihn vor dem Start der neuen Saison am meisten beunruhigt, ist eine ungewöhnliche Stille in den Kutterflotten. „Ich erlebe, dass die Fischer nicht mal mehr jammern. Die sind schon einen Schritt weiter. Das ist Resignation“, sagt der Kammer-Vertreter.
Jann Tjado Gosselaar, der seit 1991 mit seinem Betrieb selbständig ist, schiebt die dunklen Wolken zur Seite. Seine Erfahrung zeigt, wie schnell sich die Bedingungen ändern können. Ein überdurchschnittlich gutes Jahr könne die Situation wieder entspannen. Das Verharren liegt dem 51-Jährigen nicht. Er will aufs Wasser und die ersten Krabben fischen. Gosselaar hofft auf einen guten Fang und gute Preise. Mehr kann er nicht tun.