Osnabrück

Wie bewerten Menschen in Russland den Krieg gegen die Ukraine?

Ralf Doering
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Von Ralf Doering
| 27.02.2022 17:01 Uhr | 1 Kommentar | Lesedauer: ca. 3 Minuten
Foto: ALEXANDER NEMENOV
Foto: ALEXANDER NEMENOV
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In der ganzen Welt demonstrieren Menschen gegen Putins Krieg gegen die Ukraine, auch in Russland selbst. Doch es gibt auch Menschen, die Putins Kriegsrhetorik teilen.

Es ist längst kein Geheimnis mehr, dass der russische Präsident Wladimir Putin die Pressefreiheit in der Russischen Föderation massiv eingeschränkt hat. So dürfen über den Krieg in der Ukraine Medien nur noch Informationen offizieller russischer Stellen veröffentlichen, wie unter anderem der „Tagesspiegel“ diesen Donnerstag berichtet hat. Das kommt einer Gleichschaltung der Medien gleich, und macht sie zum Propaganda-Instrument der russischen Führung und damit Putins. Dass das im Land seine Wirkung nicht verfehlt, zeigt die Meinung einer Russin, die unsere Redaktion erreicht hat.

Die Frau, die anonym bleiben möchte, schreibt: „Unser Land ist multinational und multikonfessionell, aber niemand hört uns zu und glaubt uns nicht, dass in der Ukraine seit acht Jahren Russen getötet werden und ihnen verboten wird, ihre Muttersprache zu sprechen.“ Was damit gemeint ist, kann man nur vermuten; sicher haben in dem Krieg, der seit 2014 im Osten der Ukraine bittere Realität ist, Soldaten der russischen Separatisten ihr Leben gelassen haben – so wie ukrainische Soldaten auch. Mit dem angeblichen Verbot der russischen Sprache aber greift sie ein Gerücht auf, das offenbar in Russland weit verbreitet ist. Dabei hat unlängst der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj sich in einer Videobotschaft ans russische Volk gewandt – auf russisch.

Weiter schreibt die Frau: „Die USA brauchen einen Krieg. Sie verdienen damit Geld, werden reicher: Afghanistan, Irak, Jugoslawien ... und bewaffnen alle Länder mit ihren Waffen.“ Sicher ist das ein Vorwurf, der nicht hundertprozentig von der Hand zu weisen ist: Natürlich hat Amerika stets geopolitische und wirtschaftliche Interessen befolgt. So enthält der Satz, „sie“ – also die Europäer – „sind gezwungen, fünfmal teureres Öl von ihnen“ – also den Amerikanern – „zu kaufen“ ein Körnchen Wahrheit:Die Abhängigkeit Europas von russischem Gas und Erdöl ist den USA ein Dorn im Auge, strategisch wie wirtschaftlich.

Doch dann schreibt sie, „sie haben unsere Grenzen überschritten und töten Kinder und Menschen an unseren Grenzen und im Donbass. Uns blieb keine Wahl.“ Das klingt frappierend nach Putins einstündiger Fernsehrede und verkehrt die Realität ins Gegenteil: Grenzen überschritten hat nun einmal die russische Armee. Putins Propaganda funktioniert offenbar, zumindest in Teilen der Bevölkerung. Später ist noch von ukrainischen Nationalisten die Rede, vor denen es das Land zu retten gelte, womit sie Putins Rhetorik in Reinform aufgreift. Der will ja die Ukraine unter anderem von Nationalsozialisten befreien.

Doch in Russland gibt es auch andere Haltungen. Das zeigen nicht nur die Demonstranten, die öffentlich gegen den russischen Angriffskrieg protestieren obwohl sie riskieren, verhaftet zu werden. Das zeigt auch die Reaktion eines russischen Geisteswissenschaftlers, dessen Name unserer Redaktion bekannt ist. „Millionen in meinem Land sind schockiert“, schreibt er. „Niemand hat geglaubt, dass ein Krieg mit der Ukraine entstehen kann.“ Nachrichten von einem bevorstehenden Krieg seien in den russischen Medien als „amerikanische Lüge“ dargestellt worden. „Alle meinten, das sei Unsinn.“ Gleichzeitig schreibt der Intellektuelle, viele Menschen hätten verstanden, dass Russland die Region Donbass unterstützt – wobei offenbleiben muss, ob er die russische Anerkennung der Region als Unterstützung wertet, oder das schon als aggressiven Akt versteht – während die Ukraine seit 2014 vom Krieg spricht. Jedenfalls bezeichnet der Intellektuelle die russische Invasion als „Katastrophe“, in der Folge Russland „isoliert“ sein wird, „wie Iran, wie Nordkorea“. Und er schließt mit den Worten: „Ich bin sicher, er (Putin, d.Red.) hat eine große Revolution ausgelöst. Gegen Putin, gegen dieses Regime.“ Gegen sich selbst.

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