Osnabrück

Deutsch-Russisches Museum reagiert auf die russische Aggression

Ralf Doering
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Von Ralf Doering
| 01.03.2022 11:01 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 3 Minuten
Foto: Ralf Doering
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Das Deutsch-Russische Museum Karlshorst ist durch den russischen Krieg in der Ukraine ins Fadenkreuz der Zeitgeschichte geraten. Die Einrichtung hat nun reagiert und setzt ein Zeichen gegen die russische Aggression.

Es ist ein Zeichen, ein kleines, das Jörg Morré am Deutsch-russischen Museum in Berlin-Karlshorst setzt. „Am Donnerstagmorgen haben wir die anderen Fahnen nicht aufgezogen“, sagt der Museumsdirektor. Die deutsche, die belarussische und die russische Flagge werden seit Kriegsbeginn nicht mehr gehisst; die ukrainische Flagge weht einsam mahnend vor dem ehemaligen Offizierskasino, das die russischen Besatzungsmächte 1967 in ein Museum umgewandelt haben. Thema: der Zweite Weltkrieg.

Die Fahnen wehen nicht zufällig vor dem Gebäude: Sie symbolisieren Institutionen aus Deutschland, Russland, Belarus und eben der Ukraine, die sich im Trägerverein des Museums versammeln. Ein multinationales Friedensprojekt, das Russland mit seinem Angriffskrieg ad absurdum geführt.

Eine weitere Solidaritätsbekundung des Museums hat bereits Reaktionen ausgelöst: Den Schriftzug „Deutsch-Russisches Museum“ auf einem Mäuerchen vor dem Gebäude haben Mitarbeiter so abgeklebt, dass nur noch „Museum“ zu lesen war. „Schon in der darauffolgenden Nacht haben Unbekannte diese Überklebung wieder abgezogen“, sagt Morré. Auf ein „Ping-Pong-Spiel“ aus Aufkleben und Abziehen, wollte sich Morré nicht einlassen, deshalb ist der volle Schriftzug wieder zu sehen. Aber vorm Haus weht eben nur die eine, die ukrainische Fahne.

Unverändert sind auch die Ausstellungen: Im Garten erinnert eine Plakatausstellung weiterhin an die deutschen Verbrechen an russischen Kriegsgefangenen und die von der in Russland verbotenen Menschenrechtsinitiative „Memorial international“ kuratierte Schau „Postscriptum - Ostarbeiter im Deutschen Reich“. Und im Haus ist weiterhin der „Kapitulationssaal“ zu sehen, in dem Vertreter der deutschen Wehrmacht 1945 die Kapitulationsurkunde unterzeichnet haben, sowie die Dauerausstellung „Deutschland und die Sowjetunion im Zweiten Weltkrieg“.

Hinter den Kulissen richtet sich der Blick aber auf die Zukunft. Zwar gebe es keinen Grund, die Ausstellung selbst zu verändern: „Die Geschichte als solche verändert sich nicht“, sagt Morré. Aber: „Der Blick auf die Geschichte ändert sich grundsätzlich.“ Welche Konsequenzen das für die Präsentation im Haus hat, lasse sich noch nicht absehen. „In einem neuen Zeitalter werden wir neue Fragen stellen“, so Morré.

Gegenwärtig führen zwei der beteiligten Staaten Krieg gegen den dritten. „Unsere Mitgliedschaft ist zerstritten“, sagt Morré. „Aber auf keinen Fall dürfen wir das Projekt Karlshorst aufgeben.“

Derzeit ruht die grenzübergreifende Arbeit. Zum Partner in Kiew gibt es zwar Kontakt, „aber da reden wir derzeit über ganz andere Dinge.“ Zu Belarus war der Kontakt auch vor Kriegsausbruch schon problematisch. „Das ist eine Krise, über die niemand redet“, sagt Morré: Es sei schwierig, über Mobiltelefon oder E-Mail zu kommunizieren, „ohne dass jemand Drittes mithört oder mitliest.“ Ähnlich sei es in Russland, deshalb seien die Kontakte „sehr, sehr, sehr heruntergefahren.“

Und wie geht es weiter? Projekte auf Eis legen oder Kontakte halten? Hermann Parzinger, Direktor der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, will die Zusammenarbeit mit russischen Institutionen auf Eis legen. Nun ist Morrés da nicht direkt vergleichbar – der internationale Dialog konstituiert die Arbeit seiner Einrichtung. Der Direktor des Museums in Karlshorst sieht in der Kultur, in der Musik, im musealen Bereich, das Potenzial, Brücken zu bauen. Deshalb sagt er auf die Frage, wie die Kultur mit russischen Partnern umgehen sollte ganz klar: „Unbedingt Verbindungen halten!“

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