Osnabrück
Waleri Gergijew schweigt – und stimmt damit Putin zu
Dieter Reiter hat Waleri Gergijew als Chefdirigenten der Münchner Philharmoniker entlassen. Es war die einzig mögliche Entscheidung - aber es bleiben Fragen.
Waleri Gergijew hätte etwas sagen können. Zur Aufgabe von Kultur, von Kunst, Literatur und Musik und zum Potenzial, Menschen zu verbinden, auch und gerade in so extrem schwierigen Zeiten wie jetzt. Er hätte etwas sagen können zu einem Ultimatum, das die Kultur im Allgemeinen und ihn im Speziellen stärker in die Pflicht zu nehmen scheint, als die Politik oft sich selbst. Vor allem aber hätte er sich äußern müssen zu dem blutigen Krieg, den sein Freund Vladimir Putin führt.
Waleri Gergijew hat schon vor Jahren krude Positionen bezogen – zu Homosexualität, zur Krim-Annexion. Er hat sich da so klar positioniert, dass sich die Frage stellt, warum München ihn überhaupt als Chef der Münchner Philharmoniker engagiert hat, warum er auf der ganzen Welt dirigiert hat. Klar ist er ein herausragender Dirigent ist (wenn man von seinem Bayreuth-Fiasko mal absieht). Doch seine politischen und gesellschaftlichen Haltungen hat die Szene jahrelang ignoriert. Jetzt tobt ein Krieg, den Gergijews Freund Putin befohlen hat, und jetzt konfrontiert ihn die Szene mit den Fragen, die längst hätten gestellt werden müssen.
Der russische Dirigent schweigt zu alledem: dazu, dass sich seine Künstleragentur von ihm getrennt hat, dazu, dass Opern- und Konzerthäuser ihm reihenweise abgesagt haben, dazu, dass der Münchner Oberbürgermeister Dieter Reiter ihm ein Ultimatum gestellt hat und ihn jetzt entlassen hat. Am schlimmsten aber: Er schweigt - anders als die Sängerin Anna Netrebko übrigens - zu Putins Krieg, und da wird das Schweigen zur Zustimmung. Wer aber möchte einen Kriegsbefürworter auf dem Konzertpodium erleben, ihm ein Podium bieten? Die Carnegie Hall in New York nicht, das Festival in Verbier nicht, das Festspielhaus in Baden Baden nicht, die Elbphilharmonie in Hamburg nicht. München auch nicht – es ist die einzig mögliche Entscheidung.