Hamburg
„Immer noch Sand im Getriebe“: Wie die deutschen Reeder sich für die Zukunft aufstellen
Nach Jahren der Krise ist die Containerschifffahrt weltweit wieder im Aufwind. Warum man sich darauf nicht ausruhen kann und welche Herausforderungen auf deutsche Reedereien zukommen, erklärt die neue Präsidentin des Verbandes Deutscher Reeder Gaby Bornheim im Interview.
Corona-Pandemie und Ukraine-Krieg, Rekordergebnisse und Klimawandel: Die neue Präsidentin des Verbandes Deutscher Reeder Gaby Bornheim hat ihr Amt in schwierigen Zeiten übernommen.
Frage: Frau Bornheim, gerade dachte man, die Corona-Krise sei überwunden, nun herrscht Krieg in Europa. Vor welchen Herausforderungen stehen die deutschen Reeder nach dem russischen Angriff jetzt?
Antwort: Die Situation vor Ort ist furchtbar – und zugleich ja sehr dynamisch im Moment. Wir sind erschüttert über die Entwicklungen und verurteilen den russischen Angriffskrieg auf die Ukraine. Und: wir fordern, dass alle Schiffe mit ihren Crews die Konfliktzone unbeschadet verlassen dürfen. Russland muss die Freiheit der Schifffahrt respektieren. Unbeteiligte Handelsschiffe dürfen nicht angegriffen werden. Um das ganz deutlich zu sagen: die Sicherheit unserer Seeleute hat für uns absolute Priorität. Wir fordern alle Parteien auf, sicherzustellen, dass – neben der ukrainischen Bevölkerung – die Männer und Frauen an Bord, gleich welcher Nationalität, nicht zu Opfern in diesem Krieg werden.
Frage: Nicht nur Sie sind neu im Amt als Präsidentin des Reederverbandes, auch die Bundesregierung ist neu. Hätten Sie sich zu Beginn mehr Kontinuität gewünscht oder spielt das eigentlich keine Rolle?
Antwort: Ich sehe das als Chance. Zumindest die SPD ist ja nun auch nicht völlig neu in Regierungsverantwortung. Ich nehme es, wie es kommt, und ich hoffe, dass man in Berlin auch weiterhin anerkennt, wie wichtig die Schifffahrt, und damit meine ich auch eine von Deutschland aus bereederte Seeschifffahrt, für uns alle ist.
Frage: Während der Pandemie war es plötzlich schwierig, manche Waren zu bekommen. Häfen in China machten dicht, die Container wurden knapp.
Antwort: 90 Prozent der Waren weltweit werden mit Schiffen transportiert. Man muss sich einfach vor Augen halten, wer die ganzen Güter bringt, die wir alle gemütlich vom Sofa aus etwa online bestellen. Wir Reeder sehen uns bei Lieferengpässen wie jetzt während der Corona-Pandemie nicht als Verursacher, sondern Betroffene – und als Teil der Lösung.
Frage: Sie haben sich viel vorgenommen: Bis zum Jahr 2050 sollen Schiffe CO2-neutral unterwegs sein. Was muss dafür alles passieren?
Antwort: Da müssen alle mit uns an einem Strang ziehen: Politik, Wirtschaft, Wissenschaft. Nicht nur die Schiffe, sondern gerade auch die Häfen müssen entsprechend ausgerüstet sein. Wir haben mit LNG nur einen Brückentreibstoff. Das fällt alles nicht vom Himmel – aber: es ist machbar, wenn wir es gemeinsam angehen.
Frage: Womit fahren denn die Schiffe ab 2050, was glauben Sie?
Antwort: Darüber machen sich in der Tat sehr viele Experten gerade Gedanken. Wir Reeder müssen das in der Bestellung von Schiffen früh berücksichtigen. Wenn wir 2035 ein Schiff ordern, dann fährt das im Jahr 2050 noch. Die großen Linienreedereien wie Maersk oder auch Hapag-Lloyd etwa bestellen jetzt schon Schiffe mit Motoren, die „Methanol-ready“ sind. Das bedeutet, es gibt einen Verbrennungsmotor, der umgerüstet werden kann. Der Geist in der Branche ist auf jeden Fall da.
Frage: Welche Rolle spielen die deutschen Werften dabei? Wie sehen Sie da angesichts der letzten Pleiten die Zukunft?
Antwort: Die Schiffe deutscher Reeder sind ja sehr oft im internationalen Verkehr eingesetzt. Wenn das Schiff unterwegs in die Werft muss, dann nimmt man eine Werft, die auf dem Weg liegt und fährt nicht extra dafür nach Deutschland. Nach Einschätzung unseres Verbandes liegen die großen Stärken der deutschen Werften im Spezialschiffbau. Es wäre sehr traurig, wenn durch Werfteninsolvenzen hier Expertise verlorenginge.
Frage: Trotz – oder gerade wegen – der Corona-Pandemie sind die aktuellen Zahlen vor allem in der Containerschifffahrt glänzend.
Antwort: Natürlich freut uns das, aber Sie dürfen auch nicht vergessen, dass wir mehr als eine Dekade der Krise hinter uns haben. Der derzeitige Boom in der Containerschifffahrt macht das für mich lange noch nicht wett, und er wird womöglich auch nicht ewig dauern. Und tatsächlich ist immer noch Sand im Getriebe: Die chinesische Zero-Covid-Politik sorgt dafür, dass immer wieder Häfen geschlossen werden. In den USA haben Sie vor Long Beach derzeit 17 Tage Wartezeit, bis die Schiffe abgefertigt werden können. Wir haben ermattete Mannschaften, die wegen fehlender Crew-Wechsel unter den Auswirkungen der Pandemie leiden. Das macht keinen glücklich. Und wenn so ein System erst einmal aus dem Gleichgewicht ist – und das ist es – dann dauert es eine ganze Zeit, bis sich alles wieder normalisiert hat.
Frage: Was sind die drängendsten Themen für die nähere Zukunft?
Antwort: Es ist nur zu hoffen, dass sich der Krieg in der Ukraine nicht noch weiter ausweitet, als er es schon tut – und damit auch weiter auf die Weltschifffahrt. Natürlich wird das Klimaschutzthema immer wichtiger und wird uns weiter stark begleiten. Die Frage ist nicht, ob wir klimaneutral fahren wollen – das haben wir schon beantwortet –, sondern wie. Aber auch der Fachkräftemangel beschäftigt uns sehr. Wenn Sie zehn Jahre in der Krise waren, dann wirkt das nicht sehr attraktiv auf Auszubildende. Die brauchen wir aber dringend, und da müssen wir etwas tun. Wir sind Mittelstand: 80 Prozent der Reedereien in Deutschland haben weniger als zehn Schiffe. Aber wir sind mit knapp 2000 Schiffen in deutschen Registern immer noch die sechstgrößte Handelsflotte der Welt, verstecken müssen wir uns also auch nicht.