Köln
Woelki bietet Rücktritt an - und jetzt? So reagieren Gläubige in Köln
Der Kölner Kardinal Woelki ist zurück. Aus Sicht vieler in der Domstadt könnte er aber auch gerne direkt wieder abreisen. Ein Besuch auf der Domplatte.
Der oberste Katholik des Erzbistums Köln, Kardinal Rainer Maria Woelki, ist zurück – und just am Tag seiner offiziellen Rückkehr trägt die Sonne einen Heiligenschein. Zumindest empfindet eine Kölnerin den Lichtkreis um die Sonne an diesem Morgen so. Ausgerechnet an diesem Aschermittwoch nimmt der bei vielen mittlerweile in Ungnade gefallene Kölner Erzbischof Rainer Maria Woelki nach fünf Monaten Funkstille seine Amtsgeschäfte wieder auf – allerdings nicht im Scheinwerferlicht und noch nicht einmal im Sonnenlicht vor dem Kölner Dom.
Auf der Domplatte haben sich Dutzende Demonstranten versammelt. „Es reicht“, prangt in großen roten Lettern auf einem Schild, das ein älterer Mann der hochaufragenden Kirche entgegenhält. „Weg mit dem Männerklüngel“ steht auf einem Transparent nebenan. Zu diesem Männerklüngel gehört nach Ansicht der Demonstranten an vorderster Front der Kölner Kardinal Woelki.
Der hatte kurz zuvor ein fünfseitiges Schreiben an die Kirchenmitglieder der Erzdiözese verschicken lassen. Tenor: Er, Woelki, sei zwar zurück, habe aber parallel Papst Franziskus seinen Amtsverzicht angeboten. Letzterer werde zu gegebener Zeit entscheiden, heißt es in einer begleitenden Pressemitteilung. In seinem Brief ans Kirchenvolk wirbt Woelki für einen Neuanfang – vorerst mit ihm an der Spitze des Erzbistums. Der Kardinal räumt persönliche Schuld ein, schreibt: „Es tut mir leid, dass diese Zeit für viele Menschen in unserer Kirche eine so belastete Zeit ist. Und ich weiß und es schmerzt mich, dass auch ich für diese Situation Verantwortung trage“.
Die vergangenen fünf Monate seien für ihn eine wichtige Auszeit gewesen, erklärt der Kardinal, schreibt von „Überbeanspruchung“ und Exerzitien, er habe in dieser Zeit viel "reflektiert und meditiert“. Woelki bittet die Gläubigen darum, „dass Sie mir, nein, uns noch eine Chance geben“. Dazu wolle er „in den kommenden Wochen und Monaten die Begegnung mit möglichst vielen von Ihnen suchen“.
Kontakt mit den Menschen auf der Domplatte sucht Woelki an diesem Mittwoch nicht. Entsprechend ernüchternd fällt das Urteil der Demonstranten aus. Einer von ihnen ist Karl Haucke, Mitglied im Betroffenenrat des Unabhängigen Beauftragten für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs. Auch im Betroffenenbeirat des Erzbistums Köln hatte sich Haucke engagiert, hat sein Amt aber im Zusammenhang mit dem Kölner Missbrauchsgutachten niedergelegt. An diesem Aschermittwoch steht er mit Schal und Wollmütze vor dem Dom – er hat hier zusammen mit den Frauen von Maria 2.0 demonstriert und eine Rede gehalten. Hält er einen Neuanfang im Erzbistum für möglich? Haucke denkt kurz nach und antwortet dann: „Das Streben nach Macht ist im Charakter von Menschen wie Herrn Woelki verankert. Diese Leute haben gelernt, sich mit Ellenbogen nach oben zu arbeiten. Ich wage zu bezweifeln, dass fünf Monate Exerzitien daran etwas ändern.“ Auch dem Rücktrittsangebot des Kardinals kann der Aktivist nichts abgewinnen: „Das schafft weder Sicherheit für Woelkis Gegner, noch für die, die ihn sich herbeisehnen. Rom hat immer das letzte Wort. Das haben die Fälle Heße und Marx gezeigt“, sagt Haucke.
Hat der Kardinal also überhaupt eine Zukunft auf dem Bischofsstuhl? Laut einer Umfrage des Kölner Stadtanzeigers forderten kürzlich 82 Prozent der Kirchenmitglieder des Erzbistums, der Papst solle Woelki absetzen. Die Frankfurter Allgemeine Zeitung berichtete, 2021 hätten sich die Kirchenaustritte in Köln im Vergleich zu 2019 verdoppelt. Und auch unter seinen Bischofskollegen geniest Woelki keinen guten Ruf: In der Bischofskonferenz gilt Woelki als Bremser, als jemand, der die aktuell beschlossenen Reformen nicht mitträgt.
Ein Hirte ohne Volk. Einer, der Gespräche anbietet, aber stattdessen Briefe schreibt ohne selbst in Erscheinung zu treten. Sinnbildlich scheint auch zu sein, was in der vergangenen Woche offenbar in Rom passiert ist: Da wurden Woelki und sein Münsteraner Kollege Felix Genn gesichtet, wie sie in Richtung des Gästehauses Santa Marta unterwegs waren. Dort wohnt der Papst.
Auch der Osnabrücker Bischof Franz-Josef Bode war zu dieser Zeit in Rom. Er erzählte später davon, wie er sich mit Genn und dem Münchener Kardinal Reinhard Marx in Rom getroffen habe. Mit Woelki habe man jedoch nicht gesprochen. Vier Mitglieder der Deutschen Bischofskonferenz im Vatikan. Drei treffen sich. Mit einem ist offenbar nicht einmal mehr Smalltalk möglich oder gewünscht.
Der „Heiligenschein“ der Sonne ist übrigens ein Wetterphänomen namens Halo. Es entsteht wenn sich die Sonne an kleinen Eiskristallen spiegelt und ist damit wohl tatsächlich ein passender Vorbote für den weiteren Weg des Kölner Kardinals. Sowohl im Kirchenvolk, als auch bei den Bischofskollegen, die sich alle nächste Woche zur Frühjahrsvollversammlung treffen, dürfte die Stimmung vielfach eisig sein.