Baugebiet

Naturschützer drohen mit Anzeige gegen die Stadt Aurich

| | 03.03.2022 08:09 Uhr | 1 Kommentar | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Dieses Areal zwischen Leerer Landstraße und dem Ems-Jade-Kanal soll bebaut werden. Foto: Archiv/Ortgies
Dieses Areal zwischen Leerer Landstraße und dem Ems-Jade-Kanal soll bebaut werden. Foto: Archiv/Ortgies
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Bauen, wo Kiebitze brüten? Das geht gar nicht, findet der Naturschutzbund. Nun droht der Nabu der Stadt Aurich mit einer Strafanzeige. Es wäre nicht die erste in Ostfriesland.

Aurich - Wegen des geplanten Baugebiets „In der Diere“ am südlichen Stadteingang steht der Stadt Aurich Ärger mit Naturschützern ins Haus. Der Naturschutzbund (Nabu) Aurich droht mit einer Strafanzeige gegen die Stadt, da gegen geltendes Naturschutzrecht verstoßen werde. Durch das Bauvorhaben werde Lebensraum des streng geschützten Kiebitzes zerstört. „Das ist ein böser Eingriff“, sagt Hermann Ihnen, stellvertretender Vorsitzender der Nabu-Gruppe Aurich.

Am südlichen Stadteingang ist ein Baugebiet geplant. Grafik: Reil
Am südlichen Stadteingang ist ein Baugebiet geplant. Grafik: Reil

Auf einer 14,2 Hektar großen Fläche zwischen Ems-Jade-Kanal und Leerer Landstraße, die derzeit landwirtschaftlich genutzt wird, plant ein Investor Gewerbe- und Wohnbebauung. Im vorderen Bereich, direkt an der B 72, gegenüber dem E-Center Coordes, soll ein neues Feuerwehrhaus gebaut werden. Die Ortsfeuerwehr Aurich braucht dringend ein neues Domizil. Ihr jetziges Gebäude an der Fockenbollwerkstraße stammt aus den 1960er Jahren und entspricht nicht mehr den heutigen Anforderungen.

„Das ist so was von blödsinnig“

Gegen ein neues Feuerwehrhaus auf dem Gelände sei nichts einzuwenden, sagte Nabu-Vorstandsmitglied Ihnen am Dienstagabend in der Sitzung des Umweltausschusses. Doch die Wohn- und Gewerbeflächen solle man sich sparen. „Ich verstehe nicht, wie man so ein Gebiet der Bebauung zuführen kann. Diese Eingriffe verbieten sich. Das ist so was von blödsinnig.“ Es handele sich um ein wertvolles Biotop und um ein Kaltluftentstehungsgebiet, das aus Klimaschutzgründen erhalten bleiben müsse.

In dem betroffenen Gebiet befinden sich zwei Überbleibsel aus der Eiszeit, sogenannte Pingo-Ruinen. Dabei handelt es sich um vermoorte Mulden, die aus Eishügeln entstanden sind. Auch deshalb halten Naturschützer das Gebiet für besonders wertvoll. Die Pingo-Ruinen werden laut Stadtbaurätin Alexandra Busch-Maaß bei der Planung berücksichtigt. Dort, wo die Natur das Wasser ohnehin sammele, sei ein Regenrückhaltebecken geplant.

Ärger wegen einer Wallhecke

Im vergangenen Jahr hatte es in dem geplanten Baugebiet bereits Ärger gegeben, weil der Vorhabenträger eine Wallhecke entfernt hatte. An anderer Stelle wurde sie neu angelegt. Ob das rechtens war, wird derzeit vom Landkreis Aurich geprüft. „Bestehende naturschutzrechtlich geschützte Wallheckenstrukturen sollen weitgehend erhalten bleiben“, heißt es im Aufstellungsbeschluss der Stadt zum Bebauungsplan „In der Diere“ von März 2020.

Den Nabu ärgert vor allem der wegfallende Lebensraum für Kiebitze. Die streng geschützten Wiesenbrüter kamen in dem Gebiet noch bis 2019 vor. Laut Bundesnaturschutzgesetz muss der Investor in einem solchen Fall noch vor Beginn der Bauarbeiten ein Ersatzhabitat für die Vögel schaffen. Erst bei nachgewiesenem Bruterfolg dürfe die Planung fortgeführt werden, heißt es im Aufstellungsbeschluss. Mittlerweile hält die Stadt diese Ausgleichsmaßnahme für unnötig, da der Kiebitz in dem Gebiet nicht mehr heimisch ist.

„Ich bin manchmal ein bisschen spontan“

Das sieht der Nabu anders. Ohne Ausgleichsmaßnahme mache sich die Stadt strafbar, meint Ihnen. Allen Handlungen, „die einer Wiederansiedlung der streng geschützten Art Kiebitz entgegenwirken“, werde man „unverzüglich mit einer Strafanzeige begegnen“. Ihnens Drohung kam in der Ausschusssitzung nicht gut an. „Man kann auch auf andere Weise miteinander reden“, sagte der Ratsherr Udo Haßbargen (SPD). Busch-Maaß sagte: „Wir leben in einem friedlichen Land. Es steht Ihnen frei, Strafanzeige gegen mich zu erstatten.“

Der Kiebitz gehört zu den streng geschützten Arten. Foto: Pleul/dpa
Der Kiebitz gehört zu den streng geschützten Arten. Foto: Pleul/dpa

„Ich bin manchmal ein bisschen spontan“, sagte Ihnen. Er wolle nur über die Rechtslage informieren. „Man muss es deutlich machen, bevor man ins Unglück rennt.“ Im Gespräch mit der Redaktion betonte der Naturschützer am Mittwoch, dass seine Kritik nicht Busch-Maaß gelte. Die Stadtbaurätin, die seit dem 1. Januar im Amt ist, habe ja „mit der ganzen Vorgeschichte nichts zu tun“.

Mit seiner Aussage habe er auf den Ernst der Lage hinweisen wollen, sagte der 68-Jährige, der bis 2017 bei der unteren Naturschutzbehörde des Landkreises Aurich beschäftigt war. „Die Naturschutzverbände sind jahrzehntelang für dumm verkauft worden.“ Das lasse man sich nicht mehr gefallen. Im vergangenen Jahr hatte der Nabu auch gegen die Stadt Emden Anzeige erstattet. Dabei ging es um eine Erschließungsstraße im geplanten Baugebiet Conrebbersweg-West.

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